Gastbeitrag von Alexander Heintze

Aktiv oder passiv investieren? – Der Wirecard-Streit

Der Skandal um den Onlinezahlungsdienstleister Wirecard befeuert einen alten Streit: Die Frage, ob Anleger mit passiven Investments in sogenannte Exchange Trading Fonds (ETFs) besser fahren oder mit aktiv verwalteten Investmentfonds. Was Finanzexperten dazu meinen, lesen Sie hier.

Vor gut zwölf Jahren entdeckten die ersten Fondsmanager ihre Liebe zum deutschen Online-Zahlungsabwickler Wirecard. Nach SAP gab es endlich wieder ein Hightech-Unternehmen, das in der Weltliga mitspielt. Nach dem Aufstieg der Aktie in den deutschen Leitindex DAX war das Unternehmen nicht nur in den Fonds, sondern auch in den ETFs, die den DAX abbildeten enthalten. Seitdem hatten viele Anleger die Aktie in ihren Depots.

ETF-Anleger

Nach der Faszination kam die Fassungslosigkeit. Wirecard stürzte ab und ETF-Anleger sind in der Aktie gefangen, da die Anbieter versprochen haben, den Index nachzubilden. Solange Wirecard Bestandteil des Dax ist, dürfen sie nicht verkaufen. Denn bei ETFs kaufen Anleger einen festen Korb an Aktien, etwa alle 30 Dax-Titel, in der Zusammensetzung und Gewichtung, wie sie im Index vertreten sind.

Damit entzündet sich derzeit ein alter Streit. Fahren Anleger mit den günstigeren ETFs tatsächlich besser als mit den teureren aktiv verwalteten Fonds? Immerhin können bei einem aktiven Fondsmanagement die Fondsmanager Aktien kaufen, die sie für besser halten und jene verkaufen, die die Erwartungen nicht erfüllen.

Zumindest in der Theorie. In der Praxis hielt so mancher Fondsmanager zu lange an der Skandalaktie fest. Etwa der DWS Deutschland, einer der beliebtesten deutschen Aktienfonds. Noch Ende Mai hatte Wirecard einen Anteil von mehr als vier Prozent im Portfolio des über vier Milliarden Euro schweren Fonds.

Wirecard – der Sonderfall

Im DAX und damit in den Dax-ETFs hatte Wirecard dagegen je nach Börsenkurs einen Anteil zwischen einem und knapp unter zwei Prozent. Für Anton Vetter, Vorstand der BV & P Vermögen in Kempten im Allgäu, ein klarer Vorteil der ETFs. „Anleger haben automatisch eine breite Streuung der Aktien und gehen keine Klumpenrisiken ein“, so Vetter.

Im Gegenteil: „Normalerweise fliegen schlechte Aktien automatisch aus dem Index und damit aus dem ETF und werden durch aussichtsreichere Aktien ersetzt“, sagt Vetter. Die Gefahr, zu lange an einem Verlierer festzuhalten, bestehe also nicht.

Allerdings findet dieser Austausch normalerweise nur zu festen Terminen statt. So wäre Wirecard nach den alten Regeln erst bei der nächsten regulären Überprüfung der Index-Zusammensetzung im September aus dem DAX geflogen. Die Deutsche Börse hat angesichts der Insolvenz von Wirecard ihr Regelwerk aber nun überarbeitet. Laut den neuen Regeln werden insolvente Unternehmen nun innerhalb von zwei Handelstagen aus den Dax-Auswahlindizes (Dax, MDax, SDax und TecDax) herausgenommen. Da die neue Regelung am 19. August in Kraft tritt, fliegt Wirecard am 21.8. aus dem Dax.

Bis dahin halten ETF-Anleger zwangsweise an dem Zombie-Unternehmen fest. „Wirecard ist ein Sonderfall“, gibt Vetter zu. Normalerweise gehe der Niedergang langsamer vonstatten, ohne dass der Kurs ins Bodenlose stürze.

Vetter begrüßt das Vorgehen. „Wenn die Indexanpassung in solchen Fällen schnell erfolgt, können problematische Titel schneller aus dem Index gekegelt werden. Dann wird es aktiven Fonds noch schwerer fallen, den Index zu schlagen“, glaubt Vetter.

Claus Walter von der Freiburger Vermögen begrüßt die Regeländerungen ebenfalls, glaubt aber weiterhin an den Vorteil aktiv verwalteter Fonds. „ETFs haben einen grundsätzlichen Nachteil: Fallen die Börsen reagiert niemand, um die Verluste zu begrenzen“, gibt er zu bedenken. Im Falle eines Ausverkaufs an den Börsen würden zudem auch gute Aktien verkauft werden, an denen Anleger eigentlich festhalten sollten. „Mit der Auswahl einzelner Titel wird das Risiko reduziert, schwache Titel mitzuschleppen“, sagt Walter. Und: „Nicht alle Unternehmen erholen sich nach einem Tief gleichermaßen gut. Warum sollte man also blind auf den ganzen Index setzen und nicht auf die aussichtsreichsten Kandidaten?“

Interview mit Claus Walter, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Freiburger Vermögensmanagement

Claus Walter, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Freiburger Vermögensmanagement

Claus Walter, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Freiburger Vermögensmanagement

Herr Walter, Sie sind ein Verfechter des aktiven Fondsmanagements. Warum?

Mit ETFs können Anleger viel falsch machen. Die preisgünstigen Finanzprodukte haben einen grundsätzlichen Nachteil, sie sind passiv zusammengesetzt. Fallen die Börsen, reagiert niemand, um die Verluste zu begrenzen.

Dafür fahren ETF-Anleger von den Kosten her deutlich günstiger.

Es sollte bei der Geldanlage nicht vorrangig darum gehen, ob das eine Finanzprodukt ein paar Prozentpunkte hinter dem Komma günstiger ist. Ja, eine unabhängige Beratung und aktives Management kosten mehr Geld, als auf eigene Faust ETFs zu kaufen. Das Problem ist, dass wenn die Märkte in Panik sind, werden viele Anleger nervös und verkaufen ihre ETFs. Wenn sich die Märkte wieder erholen, sind sie nicht dabei. Dann haben sie den Preisvorteil von ETFs teuer bezahlt.

Man kann aber auch einfach den ETF behalten und abwarten. Langfristig werden sich die Märkte wieder erholen.

Das stimmt im Prinzip auch, aber nicht jeder Börsenanleger kann fünf oder zehn Jahre auf die Gewinnzone warten. Außerdem erholen sich nicht alle Unternehmen gleich gut, etwa von dem Corona-Schock. Warum sollte man also blind auf den ganzen Index setzen und nicht auf die aussichtsreichsten Kandidaten?

Sie setzen in der Vermögensverwaltung nicht auf ETFs?

Doch. Für uns sind ETFs ein Basisinvestment. Etwa ein Viertel des Anlagebudgets stecken in ETFs auf verschiedene Branchen und Länder. Mit dem restlichen Geld versuchen wird den Index zu schlagen. Das gelingt uns ganz gut. Es gibt aber auch Phasen, in denen schneidet der Indexanteil besser ab. Darum ist es gut, beides zu haben.

ETFs oder Fonds – Anleger müsse auf die Kosten achten

Kosten Investmentfonds ETF
Ausgabeaufschlag:

(Provision für den Verkäufer des Fonds oder ETFs).

Der Aufschlag beträgt meist 5%. Onlinebanken sind meist günstiger oder der Aufschlag entfällt ganz. Mit manchen Banken kann man auch über den Aufschlag verhandeln.

 

Meist fällt kein Ausgabeaufschlag an. Allerdings verlangen einige Banken und Online-Broker Kaufgebühren. Diese liegen meist bei unter 2%.
Fondsverwaltung:

(Deckt die Kosten für das Fondsmanagement, den Kauf und Verkauf von Wertpapieren und die Gebühren für die Depotbank)

 

Je nach Fondsart zwischen 0,5% bis 3% pro Jahr 0,05% bis 0,75% pro Jahr
Gesamtkosten

Wer wissen will, wie viel sein Fonds kostet, achtet auf die Total Expense Ratio (TER). Nicht enthalten in der TER sind der Ausgabeaufschlag und Transaktionskosten.

*Autor: Alexander Heintze

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