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Behandlungsfälle in Arztpraxen im 1. Halbjahr 2020 um bis zu 23 Prozent zurückgegangen


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Mit dem Beginn der COVID-19-Pandemie im März 2020 ist die Zahl der vertragsärztlichen und vertragspsychotherapeutischen Behandlungen deutlich zurückgegangen. Erst gegen Ende Mai normalisierte sich die Lage in den Praxen allmählich wieder. Damit dürfte es nun wieder vorbei sein.

Die Angst vor Ansteckung mit dem neuen Corona-Virus hat auch in den Praxen der Niedergelassenen deutliche Spuren hinterlassen. Das bestätigt der aktuelle Trendreport des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi). Demnach lag die durchschnittliche Anzahl der persönlichen Arzt-Patienten-Kontakte und Behandlungsfälle im April 2020 ganze 23 Prozent und im Mai 15 Prozent unter der des vergleichbaren Vorjahreszeitraums. Besonders stark betroffen waren die kinder- und fachärztliche Versorgung. Hier wurden Einbrüche von 34 bzw. 26 Prozent verzeichnet.

Früherkennung und DMP

Insbesondere verschiebbare Leistungen, wie die Krankheitsfrüherkennung oder DMP-Schulungen, wurden im ersten Quartal 2020 gecancelt bzw. vertagt. So sank die Anzahl der Mammographie-Screenings allein in der letzten Märzwoche im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 83 %. Die Fälle von Hautkrebsscreening gingen im gleichen Zeitraum um 70 %, die Früherkennungskoloskopie um 43 % und die Früherkennung von Erkrankungen im Kinder- und Jugendalter um 23 % zurück. Der Einbruch bei DMP-Schulungen betrug 53 %.

Auch im April und Mai lagen die Fallzahlen durchweg noch deutlich unter denen des Vorjahreszeitraumes. Erst ab Ende Mai normalisiert sich die Inanspruchnahme von Früherkennungsleistungen und DMP-Schulungen. Dabei sind unterschiedlich starke Nachholeffekte zu beobachten (Mammographie-Screening +27 %, Früherkennungskoloskopie und Früherkennung Kinder jeweils +14 %, DMP-Schulungen +6 % ). Abweichend von diesem Trend blieb die Anzahl an Behandlungsfällen beim Hautkrebsscreening auch ab Ende Mai noch unter denen des Vorjahres (-11 % ).

Ambulantes Operieren, Bildgebung und Ultraschall

Ein ähnliches Bild zeigt sich beim ambulanten Operieren (-38 %), bei der Bildgebung (-40 %) und bei Ultraschalluntersuchungen (-49 %). Auch hier verzeichnet der Trendreport seit Ende Mai wieder eine Normalisierung des Behandlungsgeschehens. Die Fallzahlen im Bereich des ambulanten Operierens lagen im Juni sogar um 10 % über dem Vorjahreszeitraum. Bei der Bildgebung sind es +2 % und beim Ultraschall +8 %.

Nicht verschiebbare Leistungen

Bezogen auf nicht verschiebbare Leistungen zeigt sich ein heterogenes Bild. Während bei Dialyseleistungen sogar ein geringfügiger Anstieg der Fallzahlen im Vergleich zu 2019 erkennbar ist, nehmen die Fallzahlen gegenüber dem Vorjahreszeitraum bei der Schwangerenbetreuung im März zunächst nur geringfügig (-3 % bis -7 %) und im Aprilscheinbar deutlich  ab (-33 %). Erst danach steigen die Fallzahlen auf 6 % gegenüber dem Vorjahreswert.

Bei der Substitutionsbehandlung bei Drogenabhängigkeit liegen die Fallzahlen ab dem 18.3.2020 durchweg unter den Vorjahreswerten (-6 % bis -13 %) und bei der qualifizierten onkologischen Betreuung krebskranker Patienten sinkt die Fallzahl in der letzten Märzwoche 2020 mit -40 % deutlich gegenüber dem Vorjahr. Ab April ist zwar eine beginnende Normalisierung der Inanspruchnahme zu beobachten, die Fallzahlen liegen aber noch bis Ende Mai unter denen des Vorjahres (-9 % bzw. -4 %). Erst ab Ende Mai steigen die Fallzahlen auf 10 % über dem Vorjahreswert.

Notfall- und Bereitschaftsdienst und Besuche

Ebenfalls uneinheitlich stellt sich die Versorgung auch bezogen auf den Notfall- und Bereitschaftsdienst und die ärztlichen Besuche dar. So liegen die Fallzahlen im Notfall- und Bereitschaftsdienst ab Mitte März bis Ende Juni durchweg deutlich unter den Vorjahreswerten (-25 % bis -34 %). Die Anzahl an Behandlungsfällen aufgrund von Besuchen im organisierten Notfalldienst nimmt demgegenüber jedoch in den letzten beiden Märzwochen gegenüber den Vorjahreswerten zunächst zu (+10 % in der vorletzten und +16 % in der letzten Märzwoche) und liegt ab April leicht unterhalb den Vorjahreswerten (-2 % bis -12 %).

Telefonische Beratung und Videosprechstunden

Während die Anzahl an Behandlungsfällen mit persönlichem Arzt-Patienten-Kontakt bis Ende Mai gegenüber dem Vorjahr sinkt, steigen demgegenüber aber die Fälle mit telefonischer Beratung und Kontakte per Videosprechstunde ab März 2020 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum deutlich. So wurden von Anfang März bis Ende Juni insgesamt 3.082.275 ausschließlich telefonische Beratungen (ohne direkten Arzt-Patienten-Kontakt) durchgeführt. Das sind 1.646.505 mehr als im selben Vorjahreszeitraum. Hinzu kamen weitere 446.867 Stunden für telefonische Beratung, die über die im 2. Quartal 2020 in den EBM eingeführten Zuschläge vergütet wurden. Bezüglich der Videosprechstunde setzt sich der Anfang März 2020 beginnende deutlich Zuwachs an Behandlungsfällen im Verlauf von April bis Juni fort. So wurden im Zeitraum vom 4.3. bis 30.6. insgesamt 1.239.734 Videosprechstunden durchgeführt. Das sind 1.239.151 mehr als im selben Vorjahreszeitraum.

Influenza- und Pneumokokkenimpfungen

Ein deutlicher Anstieg an Behandlungsfällen ist bei Impfungen gegen Influenza und Pneumokokken zu verzeichnen. So wurden im Zeitraum vom 4.3. bis 30.6.2020 rund eine Million Pneumokokken-Impfungen mehr durchgeführt als im Vorjahreszeitraum, allein auf den März entfielen dabei rund 400.000 zusätzliche Impfungen. Bezogen auf die Influenza waren es im selben Zeitraum rund 130.000 Impfungen mehr als im Vorjahr.

Coronaspezifische Leistungen

Im Zeitraum vom 1.2. bis 30.6.2020 gab es insgesamt rund 4,4 Millionen Behandlungsanlässe aufgrund des klinischen Verdachts oder des Nachweises einer SARS-CoV-2-Infektion, wobei rund 2 Millionen PCR-Tests auf SARS-CoV-2 in dieser Zeit ambulant durchgeführt wurden. In den Zeitraum vom 15.6. bis 30.6.2020 entfielen 935 Behandlungsanlässe aufgrund einer Warnung durch die Corona-Warn-App. Bei 10 % der Behandlungsanlässe wurde im Anschluss daran ein PCR-Test durchgeführt.

Effekte der zweiten Pandemiewelle werden erwartet

„Die Pandemie hat einen deutlichen Effekt auf die vertragsärztliche Versorgung: Einerseits werden telemedizinische Behandlungsmöglichkeiten immer stärker genutzt, um persönliche Kontakte zu minimieren. Andererseits muss weiter beobachtet werden, wie sich die bei steigenden Infektzahlen deutlich rückläufigen Behandlungsfallzahlen für Patientinnen und Patienten mit chronischen Krankheiten, wie etwa in der onkologischen Versorgung oder bei den Disease-Management-Programmen (DMP), mittelfristig auswirken werden. Insgesamt zeichnet sich im 1. Halbjahr ab Ende Mai eine langsame Normalisierung des Versorgungsgeschehens ab. Der stärkste Wiederanstieg bei den Fallzahlen ist dabei im Bereich der Psychotherapie sowie bei einzelnen Facharztgruppen wie etwa bei Nervenärzten und Schmerztherapeuten zu erkennen. Der Trendreport lässt zudem erkennen, dass von weiteren ausgeprägten Effekten der zweiten Pandemiewelle auf die vertragsärztliche und psychotherapeutische Versorgung ausgegangen werden muss“, sagte der Zi-Vorstandsvorsitzende Dr. Dominik von Stillfried.

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