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Warum wir glauben, was wir glauben wollen – und was sich dagegen tun lässt


Frau mir Schil "Diktatur, Gewalt, Nein"

Menschen verarbeiten Informationen nicht immer objektiv, sondern abhängig von ihren Einstellungen und Zielen. Der Eindruck hat sich in der Corona-Pandemie verstärkt. Ein Forschungsteam der Universitäten Würzburg und Regensburg zeigt, womit sich rationales Denken stärken lässt.

Mit der Bahn dürfen auch Ungeimpfte fahren, ohne Mindestabstand, aber mit Maske. Für den Eintritt in Clubs gilt die 3-Gplus-Regel. Schüler unter 12 gelten grundsätzlich als getestet – auch in den Ferien. Alles etwas verwirrend. Kein Wunder also, dass es vielen Menschen schwer fällt, den Überblick zu behalten und zu bewerten, wie sinnvoll die Maßnahmen sind. Den aktuellen Stand der Forschung zu kennen, hilft. Allerdings nur, wenn man mit Zahlen und Statistiken umgehen kann.

Wie eine aktuelle Studie der Universitäten in Würzburg und Regensburg zeigt, verarbeiten Menschen Informationen im Zusammenhang mit der Coronapandemie oft nicht objektiv. Vielmehr beeinflussen ihre Einstellungen ihr Denken. Manchmal glauben Menschen, was sie glauben wollen. Aber: Je besser die Teilnehmenden mit Zahlen und Statistiken umgehen konnten, umso genauer und zutreffender war ihr Urteil.

Die Maskenpflicht als polarisierendes Thema

Um zu untersuchen, wie Menschen pandemiebezogene Informationen verarbeiten, wurde das Thema Maskenpflicht gewählt. 417 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, darunter bekennende Maskengegner und -befürworter, sollten die Ergebnisse von zwei fiktiven Studien über die Maskenpflicht in Schulen bewerten. Die Ergebnisse wurden in Form einer Tabelle dargestellt.

Der erste Eindruck ist irreführend

Tatsächlich könnte man beim ersten Blick auf die Tabelle zu dem Schluss kommen, dass die Maskenpflicht in Schulen kontraproduktiv ist. Es gab mehr Schulen mit einer Maskenpflicht und steigenden Infektionszahlen (223) als Schulen mit Maskenpflicht und einem Rückgang der Infektionen (75). Mehr noch: Die Zahl der Schulen mit Maskenpflicht und steigenden Infektionszahlen ist größer als die Zahl der Schulen ohne Maskenpflicht und ebenfalls steigenden Infektionswerten (107).

Dieser erste Eindruck war jedoch irreführend. Um zu einer korrekten Schlussfolgerung zu gelangen, musste man Verhältnisse vergleichen. Dann nämlich sieht das Ergebnis so aus: In 25,2 Prozent der Schulen mit Maskenpflicht (75 von 298 Schulen) nahmen die Infektionen ab. Während nur in 16,4 Prozent der Schulen ohne Maskenpflicht (21 von 128 Schulen) die Infektionen abnahmen.

Die Einstellung beeinflusst die Bewertung

Anhand der Bewertung der beiden fiktiven Studien konnte das Forschungsteam berechnen, wie voreingenommen die Studienteilnehmer waren und wie ihre Voreingenommenheit mit ihrer allgemeinen Einstellung zu einer Maskenpflicht zusammenhing. Das Ergebnis: Die jeweilige Einstellung beeinflusst die Bewertung von Studienergebnissen maßgeblich. Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit einer Pro-Masken-Einstellung überschätzten die in den beiden fiktiven Studien dargestellten Belege für die Wirksamkeit einer Maskenpflicht, während die Angehörigen der Anti-Masken-Fraktion die Belege für die Wirksamkeit einer Maskenpflicht unterschätzten.

Grund dafür ist das sogenannte motivierte Denken. Damit bezeichnet man die Beobachtung, dass menschliche Informationsverarbeitung nicht immer rational und objektiv ist, sondern von den Motiven, Zielen und Einstellungen des Einzelnen beeinflusst wird. Einfach ausgedrückt: Wir neigen dazu, zu den Schlussfolgerungen zu gelangen, zu denen wir gelangen wollen. Da die erfolgreiche Eindämmung der Pandemie jedoch rationale Entscheidungen und Verhaltensweisen erfordert, könnte dies besorgniserregend sein. So das Fazit der Studienleiter.

Verzerrungen in der Informationsverarbeitung etwas entgegensetzen

Dennoch bietet die Studie auch einen Grund, optimistisch zu bleiben: Teilnehmer mit besseren Fähigkeiten im Umgang mit Zahlen und Statistiken bewerteten die beiden fiktiven Studien mit größerer Wahrscheinlichkeit richtig. Statistikkenntnisse helfen also. Da nicht jeder darüber verfügt, lautet die Empfehlung der Studienleiter, wissenschaftliche Ergebnisse im Rahmen von Covid-19 kurzfristig so zu kommunizieren, dass sie auch für diejenigen leicht verständlich sind, die Schwierigkeiten im Umgang mit Zahlen haben. Und langfristig könne es entscheidend sein, die Ausbildung in Statistik zu verbessern, um so Verzerrungen in der Informationsverarbeitung etwas entgegenzusetzen.

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Ilias TsimpoulisManaging Director bei Doctolib

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