Neues umsetzen oder finanzieren

Mit Crowdfunding innovative Ideen fördern

Kaum eine andere Branche ist so von Forschung und Innovationen getrieben und gleichzeitig von ihnen abhängig wie der Gesundheitsmarkt. Crowdfunding könnte insbesondere Ärzten und medizinischem Fachpersonal Möglichkeiten bieten, ihre Unternehmensideen umzusetzen oder selbst zu investieren.

Die Gesundheitsausgaben beliefen sich dem Bundesministerium für Gesundheit zufolge im Jahr 2013 auf rund 315 Milliarden Euro – das entspricht 3.910 Euro je Einwohner. Die Gesundheitswirtschaft ist eine Hightech-Branche. Weltweit investiert kein anderer Wirtschaftszweig außer der IT- und Elektroindustrie so viel in Forschung und Entwicklung wie die Gesundheitsbranche. Dies gilt insbesondere für die Bereiche Biotechnologie, Medizintechnik und Telemedizin. Allein in der Medizintechnik gab es im Jahr 2014 mehr als 11.100 Patente, berichtet das Europäische Patentamt in München.

Die demografische Entwicklung in Deutschland mit einer älter werdenden Bevölkerung, der medizinisch-technische Fortschritt und das wachsende Gesundheitsbewusstsein sprechen dafür, dass der Gesundheitsmarkt weiter wachsen wird – nicht umsonst sind in diesem Segment längst auch branchenfremde Unternehmen wie Google aktiv. Auch wenn immer wieder von einer lebendigen Start-up-Kultur gerade in Berlin gesprochen wird, zeigen Zahlen des Instituts der Deutschen Wirtschaft das Gegenteil: Das in Deutschland investierte Venture Capital stagniert.

Ärzte oder medizinisches Personal sind prädestiniert dafür, eigene Ideen zu entwickeln, wie Therapien, Analysemethoden, medizinische Instrumente oder Hilfsmittel optimiert werden könnten. Schwierig ist häufig die Umsetzung, da sich ohne Unterstützung der Pharma- und Medizintechnikindustrie sowie der Banken gerade im medizinischen Bereich kaum ein Produkt zur Marktreife bringen lässt. Allein die Entwicklung von Prototypen, die Durchführung von Studienreihen oder die tiefergehende Forschung kosten nicht selten hohe sechsstellige beziehungsweise siebenstellige Beträge. Hinzu kommt der Faktor Zeit – alle Aktivitäten müssten ja ohne Anfangsfinanzierung neben der regulären Arbeitszeit stattfinden, wenn man nicht professioneller Start-up-Gründer ist.

Inzwischen gibt es immer mehr Ansätze von jungen Unternehmen, Geld über Crowdfunding-Kampagnen zu sammeln, um medizinische Produkte auf den Markt zu bringen. Crowdfunding bedeutet, dass eine breite Masse an Investoren – die Crowd – meist kleinere Beträge ab beispielsweise 50 Euro in ein Projekt finanziert und bei Zustandekommen eines Mindestbetrags am Ende bei erfolgreicher Umsetzung eine Rendite oder andere monetäre Gegenleistung erhält. Wird die Finanzierungsschwelle nicht erreicht, erhalten die Geldgeber ihren Anlagebetrag zurückerstattet.

Medizinisch orientierte Crowdfunding-Kampagnen nehmen zu

Anders als breiter aufgestellte Internet-Plattformen wie Startnext oder Kickstarter hat sich die Firma aescuvest speziell auf die Medizintechnik spezialisiert.

Aktuell läuft eine Kampagne zur Finanzierung eines Apherese-Verfahren, das eine Kryokonservierung und Re-Injektion von Blutzellen ermöglichen soll. Erfolgreich finanziert wurde nach Unternehmensangaben ein Projekt des Regensburger Unfallchirurgs Dr. Heiko Durst, der mit snakeFX ein neues Fixationssystem bei Knochenbrüchen zur Notfallversorgung in Krisengebieten entwickelt hat. Über die Plattform Venturate sucht das österreichische Biotechnologie-Unternehmen Zytoprotec derzeit Crowdfunding-Investoren zur Erforschung des Dialyse-Wirkstoffs PD-protec®. Zuletzt erreichte das Unternehmen Riboxx auf der Crowdinvesting-Plattform Seedmatch eine breitere Öffentlichkeit. Das Unternehmen ruft dazu auf, bei der Entwicklung eines Krebsmedikaments zu helfen. Für den Laien mögen derartige Produkte und Kampagnen schwer zu beurteilen sein. Medizinisch vorgebildete Investoren haben hier sicher einen Vorteil. Schwierig bleibt es trotzdem, sich ein abschließendes Bild zu machen.

Generell gilt es für alle potenziellen Investoren zu beachten, dass im Bereich Crowdfunding deutlich weniger rigide Vorschriften bezüglich der Bereitstellung von Informationen gelten als bei anderen Anlageformen. Das Anlagerisiko ist deshalb höher. Beispielsweise muss ein ausführlicher Verkaufsprospekt dem 2015 in Kraft getretenen Kleinanlegerschutzgesetz (KASG) von einem Unternehmen erst ab einer Emissions-Obergrenze von 2,5 Millionen Euro erstellt werden. Unterhalb dieses Betrages muss lediglich ein Faltblatt mit allen Angaben und Risiken erstellt und bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) hinterlegt werden. Wer sich für eine Investition in eine Crowdfunding-Kampagne entscheidet, ist also gezwungen, sich selbst zu informieren. Um Privatpersonen zu schützen, dürfen diese nicht mehr als 10.000 Euro in ein Einzelprojekt investieren. Ab einem Betrag von 1.000 Euro muss ein Anleger eine Selbstauskunft gegenüber der Crowdfunding-Plattform abgeben. Hierin muss er bestätigen, dass er über ein frei verfügbares Netto-Einkommen von mindestens 100.000 Euro verfügt und nicht mehr als Zwei Netto-Monatsgehälter investiert.

Im Bereich komplexer Produkte, wie sie in der Medizintechnik eher die Regel als die Ausnahme darstellen, empfiehlt es sich, darauf zu achten, dass eine Crowdfunding-Plattform ein Projekt inklusive möglicher Risiken ausführlich und transparent darstellt. Nur so lässt sich eine einigermaßen fundierte Anlageentscheidung treffen. Für einen Teil der meist männlichen Crowd-Investoren mag es aber auch eben dieser Anreiz sein, beim Start einer großen Idee dabei gewesen zu sein. (Tom Renneberg)

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