Digitalisierung

Die 34-Milliarden-Euro-Chance für Ärzte

Niedergelassene Ärzte und Krankenhäuser können nach einer Studie der Unternehmensberatung McKinsey immens von neuen Technologien profitieren – vorausgesetzt, sie kommen flächendeckend zum Einsatz.

Dass die Gesellschaft altert und der medizinische Fortschritt stetig steigende Kosten im Gesundheitswesen verursacht, ist lange bekannt. Doch es gibt ein ungehobenes Sparpotenzial in Milliardenhöhe. Die Unternehmensberatung McKinsey hat erforscht, welche Summen sich in Deutschland einsparen ließen, wenn Patienten, Leistungs- und Kostenträger konsequent auf digitale Technologien setzen würden. Dafür haben die Berater auf Basis von mehr als 500 internationalen Forschungsdokumenten das Verbesserungspotenzial von 26 digitalen Gesundheitstechnologien analysiert und in Experteninterviews überprüft.

Die Zahl, die herauskam, ist beachtlich. Dem System könnten pro Jahr rund 34 Milliarden Euro mehr zur Verfügung stehen, das sind rund zwölf Prozent der gesamten jährlichen Gesundheits- und Versorgungskosten von zuletzt 290 Milliarden Euro.

Jede Praxis kann sich selbst modernisieren

Das größte Nutzenpotenzial böten nach wie vor die elektronische Patientenakte und elektronische Rezepte sowie webbasierte Interaktionen zwischen Arzt und Patient. Von deren Einsatz ist man in Deutschland aber auch 15 Jahre nach dem Startschuss für das Projekt meilenweit entfernt. Derzeit peilt man in Berlin die Einführung elektronischer Patientenakten bis 2021 an. So zumindest steht es im aktuellen Koalitionsvertrag. Ob sich der Zeitplan diesmal einhalten lässt, bleibt abzuwarten.

So leicht sparen Sie mit der Digitalisierung

Aber auch Veränderungen, die sich in den meisten Praxen relativ leicht umsetzen lassen, setzen immense Summen frei. Die Umstellung auf papierlose Datenverarbeitung etwa könnte pro Jahr rund neun Milliarden Euro sparen, Online-Interaktionen, z.B. durch Teleberatung 8,9 Mrd. Euro und die Einbindung von Patienten in die Praxisorganisation, etwa über Onlineportale zur Terminvereinbarung, bringt immerhin eine halbe Milliarde Euro pro Jahr.

„Das Potenzial von 34 Milliarden Euro setzt sich einerseits aus Effizienzsteigerungen, andererseits aus Reduzierung unnötiger Nachfrage zusammen“, erläutert McKinsey-Partner Stefan Biesdorf die Studienergebnisse. Die geringere Nachfrage ergebe sich, wenn beispielsweise Doppeluntersuchungen vermieden, unnötige Krankenhauseinweisungen verhindert und durch bessere Qualität der Folgebehandlungen minimiert würden.

Leistungserbringer haben den größten Nutzen

Die Studie zeigt darüber hinaus, wer von der Digitalisierung im Gesundheitswesen am meisten profitiert: 70 Prozent des erreichbaren Nutzens kommt den Leistungsbringern, allen voran Ärzten und Krankenhäusern zugute, der Rest den Kassen und privaten Krankenversicherungen.

Vor diesem Hintergrund ist es verwunderlich, dass Deutschland im internationalen Vergleich noch ein ausgesprochen analoges Gesundheitswesen besitzt. Während man hierzulande noch mit Überweisungsscheinen und Rezeptblöcken hantiert, ist die elektronische Gesundheitskarte beispielsweise in Österreich bereits Realität; in Skandinavien gehören automatisch an Apotheken versandet E-Rezepte längst zum Alltag.

Surftipp:

Details und weitere Ergebnisse der Studie finden Sie hier.

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Author's imageJürgen VeitLeiter Kommunikation D-A-CH bei CompuGroup Medical Deutschland AG

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