Einheitsversicherung

PKV: Die Bombe tickt

Steht die PKV vor dem Aus? Große Versicherer wollen den grundlegenden Umbau des Gesundheitssystems. Das kostet.

Der Plan ist ebenso einfach wie radikal: In Zukunft soll es eine Einheitsversicherung geben, die Grundschutz für alle Menschen in Deutschland bietet. Das sieht ein Arbeitspapier vor, das die Versicherungskonzerne Allianz, Axa und die zur Münchner Rück zählende Ergo im Auftrag des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) entwickelt haben. Die traditionelle private Krankenvollversicherung wäre damit abgeschafft. Das dementiert der Verband der privaten Krankenversicherung (PKV), doch klingt sein Widerspruch wie eine Bestätigung.

Kein Mitglied des Verbandes „dringt auf einen Radikalumbau des Gesundheitswesens oder will gar die Private Krankenversicherung in ihrer jetzigen Form abschaffen“, beteuert PKV-Chef Reinhold Schulte flehentlich. Indirekt räumte er die Existenz eines entsprechenden Vorschlags aber ein. Nach Kenntnis des PKV-Verbandes liege kein verabschiedetes GDV-Papier zur Zukunft der Sozialsysteme vor, sagte er. „Interne und nicht offizielle Arbeitspapiere können und wollen wir nicht kommentieren.“

Die GDV-Arbeitsgruppe kümmert sich seit 2006 um das Thema. Ihr Ur-Auftrag: Die „Zukunft der Sozialsysteme“ ausloten. Dabei herausgekommen sind Vorschläge, die für erheblichen Streit in der Assekuranz sorgen. Demnach sollen die Krankenversicherer künftig Einheitsprämien berechnen, unabhängig von Alter und Geschlecht der Versicherten. Dies ähnelt dem alten Konzept der Unions-Parteien zur Einführung einer Gesundheitsprämie. Die Grundsicherung soll für alle verpflichtend sein, was wiederum dem SPD-Modell einer Bürgerversicherung nahe kommt. Gesetzliche und private Kassen würden diese Grundsicherung zu denselben Konditionen anbieten.

Neu wäre auch, dass die Krankenversicherungen künftig jeden Versicherten akzeptieren müssten – und dass die Beiträge für Kinder vom Staat übernommen würden. Nach wie vor würden aber private Zusatzversicherer Leistungen anbieten, die mit dem Grundtarif nicht abgedeckt sind. Langfristig sieht der Plan schließlich vor, die Trennung von gesetzlichen und privaten Kassen abzuschaffen.

Der Vorstoß der Allianz ist nicht neu. Schon während der Verhandlungen um die Gesundheitsreform hatte man vorgeschlagen, einen einheitlichen Basisversicherungstarif für alle Bundesbürger einzuführen und nur Zusatzleistungen privat zu versichern. Damals wurde die Allianz von der Ergo-Gruppe, zu der die DKV gehört, ausgebremst.

Ergo bestätigt, dass über die Zukunft des Systems diskutiert werde – und auch darüber, eine Einheitsversicherung einzuführen. Bislang gebe es allerdings noch kein Ergebnis. Ein Sprecher des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft sagt, es handele sich um ein Arbeitspapier unter vielen: „Wir sind noch nicht so weit, über irgendwelche Ergebnisse berichten zu können.“ Es gebe innerhalb des Verbandes keinen Zeitplan für die Diskussion.

Das klingt nach Beschwichtigung und kann die tiefe Spaltung der Assekuranz in dieser Frage auch nur unzureichend kaschieren: Große Unternehmen wie etwa die Allianz, die den GDV dominieren, wollen mit radikalen Lösungen raus aus der Krise. Ihr Businessmodell ist wegen der hohen Zahl älterer, multimorbider Versicherter in der Krise. Also suchen sie in der Flucht nach vorn ihr Heil.

Versicherungsvereine wie Debeka oder Signal Iduna sind aber strikt dagegen. Weil eher genossenschaftlich organisiert arbeiten sie nicht vorrangig renditeorientiert. „Würde die Bundesregierung dann wie beim Gesundheitsfonds den Beitrag festlegen, wäre der Wettbewerb total zerstört“, warnt etwa Debeka-Chef Uwe Laue. Von den Zusatztarifen allein könne die Private Krankenversicherung allerdings nicht leben.

Die großen Universalversicherer, im Krankenversicherungsgeschäft mit den Kleinen bislang nicht wettbewerbsfähig träumen aber davon, mit ihrer Marktmacht vorpreschen zu können, wenn sie den PKV-Markt erst mal zum Gaudium der Politik zertrümmert haben und es dann um die Neuaufteilung der Zusatztarifgeschäfts geht.

Financial Times Deutschland will von einem Eklat erfahren haben, als die GDV-Arbeitsgruppe ihr Papier präsentierte. Der PKV-Verband, in dem die „gegnerischen“ Versicherungsvereine organisiert sind, verlangten danach, die Seiten mit den Reformvorschlägen zu entfernen. Dies geschah auch – ein bisher einmaliger Vorgang. Nun sollen die Großen wie Allianz, Axa und Ergo intern mit dem Austritt aus dem PKV-Verband gedroht haben. Sprecher der Gesellschaften bestreiten dies allerdings.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach begrüßt den Vorstoß der Großversicherer rund um die Allianz: „Das ist ein Schritt in die richtige Richtung“, sagt er und doziert, endlich würden nun auch die privaten Krankenversicherer darüber nachdenken, wie der deutsche Krankenversicherungsmarkt unbürokratischer und gerechter werden könne. Die SPD werde beim Umbau der Privaten Krankenversicherung jedenfalls gerne mitmachen, wenn zwei Dinge garantiert seien:

■ Zum einen müsse der Finanzausgleich zwischen Arm und Reich gewährleistet sein: Privatversicherte und gesetzlich Versicherte müssten gleichermaßen in den Gesundheitsfonds einzahlen.

■ Zum anderen müsse es einheitliche Arzthonorare für gesetzlich und privat Versicherte geben. Nur so lasse sich die Zwei- Klassen-Medizin abbauen.

Nicht nur Karl Lauterbach träumt dabei von der Vereinheitlichung der GKV-und PKV-Honorare auf GKV-Niveau. Und das ist gar nicht die einzige Gefahr, die Niedergelassenen nun droht. Experten sind sich sicher: Wenn die Bürger ihren Privatversicherungsschutz erst mal nur noch als Zusatztarife zu einer allgemein verbindlichen Grundsicherung werden organisieren können, werden sie klinischen und zahnmedizinischen Tarifen den Vorrang geben. Ambulante Zusatztarife, von denen die Niedergelassenen profitieren könnten, werden kaum große Bedeutung bekommen.

Noch ist nicht entschieden, ob sich Allianz, Ergo und Axa in ihrer Branche durchsetzen können. Langfristig allerdings wird der Allianz-Vorstoß nicht ohne Folgen bleiben. Die Tage der Privaten Krankenversicherung sind gezählt, das geben selbst PKV-Befürworter zu. Deutschland sei das letzte Land der Welt, in dem zwei Gesundheitssysteme nebeneinander existieren, sagt ein Unionsexperte, der nicht genannt werden will. Selbst auf CDU-Mitgliederversammlungen sei das nicht mehr vermittelbar.

A&W-KOMMENTAR

So uneigennützig, …

… wie Lauterbach sich das erträumt, ist das Assekuranz-Papier nicht. Den Großversicherern geht es in ihrer Zieldefinition weder um Patienten oder Ärzte; ihnen geht es allein darum, ihre wirtschaftlichen Probleme zu lösen. Die Gesellschaften leiden unter der neuen Karenzzeit von drei Jahren beim Wechsel in die Private Versicherung. Den Versicherern gehen so eine Menge Neuver- träge mit jungen und risikoarmen Beitragszahlern verloren. Genossenschaftlich organisierte private Krankenversicherer wehrten sich entschieden gegen den Vorschlag, weil sie eine hohe Zahl so genannter junger Versicherter sprich guter Risiken im Portfolio haben. Dieser Wettbewerbsvorteil würde durch eine allgemeine Einheitsgrundversicherung aufgehoben.

A&W-KOMPAKT

Verwunderung allerorten

Eigentlich ist die Private Krankenversicherung für Karl Lauterbach ja ein rotes Tuch. Ambitioniert polemisiert er gegen die „Abzocker“, die die Zweiklassenmedizin in Deutschland zementieren. Neuerdings aber ist der SPD-Gesundheitsexperte voll des Lobes für Allianz, Ergo und Axa. Was die da planten, sei ein „Schritt in die richtige Richtung“, endlich denke auch die Private Krankenversicherung darüber nach, wie der deutsche Gesundheitsmarkt gerechter und unbürokratischer werden könne. Die SPD nahm den Vorstoß von Allianz, Ergo und Axa mit Genugtuung zur Kenntnis. Einen besseren Kronzeugen als die Konzerne selbst kann sie sich nicht wünschen: Der Vorschlag eines allgemeinen Basistarifs geht in die Richtung der SPD-favorisierten Bürgerversicherung. Unionsvertreter hingegen reagierten verärgert. „Ich fände es bedauerlich, wenn die Private Krankenversicherung ihr größtes Pfund, die Kapitalrücklage, aufgäbe“, stammelt CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn vom „Dolchstoß“ überrascht. Bislang hatten die Privatversicherer stets argumentiert, durch die Kapitalrücklagen der Kunden für die Vergreisung der Gesellschaft gewappnet zu sein. Ein Abrücken von dieser Position wäre auch ein Gesichtsverlust für die Union, die in den Verhandlungen um die Gesundheitsreform die Privatkassen mit Inbrunst verteidigt hatte.

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