Perspektivwechsel in der Health IT

Digital-Health: “Der Wettbewerb um das Budget des Arztes ist eröffnet”

Wer hat eigentlich das Sagen, wenn es um die Einführung digitaler Gesundheitslösungen geht? Ärzte, Pharma-Firmen oder doch Amazon und Google? Über diese und andere Fragen diskutierten Digital-Health-Experten auf der DMEA 2019 in Berlin. Klar wurde: Beim Kampf um Gesundheitsbudgets mischen jetzt neue Wettbewerber mit.

Um das Thema Digital Health kommen Heilberufler künftig nicht mehr herum. Informationstechnik ist im Gesundheitssektor ein großer Kostenfaktor geworden und zwar gleich in mehrfacher Hinsicht. Denn Digital Health drängt als Anwendung nicht nur in Arztpraxen und Kliniken, sondern auch in den Alltag der Patienten.

Techgiganten greifen nach Gesundheitsbudgets

Das machte auch Dr. Markus Müschenisch, Vorstand des Bundesverbands Internetmedizin e.V., zum Auftakt der Expertenrunde „Perspektivwechsel: Wer gestaltet morgen die Health-IT?“ deutlich: Sogenannte Gesundheitsapps seien längst keine Spielereien mehr. Sie mischen inzwischen bei der „richtigen“ Medizin mit – von der Prävention über die Diagnostik bis hin zur Therapie – und verbinden Künstliche Intelligenz mit menschlichem Wissen.

Neben innovativen Startup-Unternehmen drängen hier auch Techgiganten wie Google, Amazon, Apple oder Walmart in den Gesundheitsbereich. Sie verändern den Markt nachhaltig, zum Beispiel mit eigenen Analysetools wie Vitalparameter messende In-Ear-Kopfhörer oder Gesundheitsvorhersagen durch Amazons Alexa. Statt in IGeL investieren immer mehr Patienten lieber in Technik. „Der Wettbewerb um das Budget des Arztes ist längst eröffnet“, unterstrich Müschenich.

Viele Ärzte hängen der Entwicklung hinterher

Heilberufler, die sich dem Thema Digital Health gegenüber öffnen, können von dieser Entwicklung durchaus profitieren. Dass viele Ärzte, besonders im ländlichen Raum von dieser Erkenntnis buchstäblich meilenweit entfernt sind, ist die Erfahrung von Christine Becker. Die Soziologin berät Kommunen unter anderem in Sachen Standortmarketing, wobei eine funktionierende Gesundheitsversorgung dabei eine herausragende Rolle spielt.

Für den bayerischen Odenwald, der den Status einer Modellregion anstrebt, hat sie gemeinsam mit Bürgermeistern und Gesundheitsversorgern ein Konzept entwickelt, das smarte Technologien nutzt, um die Versorgung auf dem Land sicherzustellen. „Instrumente wie die Telemedizin können diese Gebiete nachhaltig fit machen für die Zukunft“, sagte sie.

Mit neuer Technik sparen

Gesundheits-IT kann aber nicht nur mehr Umsatz bringen, sondern auch große Einsparungen. Von diesbezüglichen Erfahrungen berichtete Paul Charnley von der Wirral University. In einem Modell-Projekt führte er Daten seiner Region aus dem Gesundheits- und sozialen Bereich zusammen. Das Ziel war, dass beispielsweise Doppeluntersuchungen vermieden werden und das Gesundheitssystem insgesamt effektiver und weniger kostenintensiv wird.

Ein übersichtliches Tool fasste die Untersuchungsergebnisse für Kliniken, Ärzte und andere Einrichtungen zusammen und gab außerdem Empfehlungen für weitere Maßnahmen. „Die gesundheitliche Situation der Menschen zu kennen, erforderliche Aktionen in die Wege zu leiten und die Ergebnisse dazu zu verwenden, um das Gesundheitssystem zu verbessern, ist das Anliegen unseres Projekts“, sagte Paul Charnley. Die Ergebnisse können sich sehen lassen: Durch das Projekt ließen sich jährlich 1.270.701 Pfund einsparen.

Der Arzt bekommt eine neue Rolle

Praxisinhabern wird nichts anderes übrig bleiben, als sich auf die neue Entwicklung einzustellen, denn eine Umkehr wird es nicht mehr geben. Bernhard Geist, Head of Product Management der Compu Group, bezeichnete den Patienten gar als weithin unterschätzten „Gamechanger im digitalen Wandel“.

Studien hätten gezeigt, dass mehr als die Hälfte der Patienten ihre Symptome googlen, bevor sie zum Arzt gehen. „Patienten möchten stärker in ihre Behandlung einbezogen werden“, beobachtet Bernhard Geist. Dem Arzt komme zunehmend die Rolle eines Navigators der Behandlung zu, der gemeinsam mit dem Patienten die weiteren Schritte bestimmt. Mit Blick auf das schwedische Gesundheitssystem sieht er die Zukunft in interdisziplinären Behandlungsgruppen. Diesen Ansatz müssten auch Informationssysteme darstellen, damit sie die Patientenreise über alle Schritte hinweg begleiten können.

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