Zwischenbilanz

KBV-Zukunftspraxis: Ärzte machen den Techniktest im Praxisalltag

Digitalprojekte in der Arztpraxis können richtig spannend sein. Das beweisen die Siegerprodukte der KBV-Zukunftspraxis, die derzeit von Ärztinnen und Ärzten einem Härtetest im Praxisalltag unterzogen werden. Eine Zwischenbilanz.

Wussten Sie, dass geschätzte 5,2 Millionen Patientenanrufe pro Tag in Deutschland nicht entgegengenommen werden können, weil die Praxis nicht besetzt oder die Leitung belegt ist? Für dieses und viele andere Probleme gibt es digitale Lösungen. Der virtuelle „PraxistagDigital“ der Kassenärztlichen Bundesvereinigung am 2. Dezember 2020 vermittelte einen Einblick in den aktuellen Stand des Digitalisierungsprojektes KBV-Zukunftspraxis und stellte vier Testprojekte vor.

Im Rahmen der „KBV-Zukunftspraxis“ sollen innovative, nutzbringende digitale Anwendungen im realen Alltag von Praxen evaluiert werden. Ende 2017 schrieb die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) dazu einen Ideenwettbewerb aus. In diesem wurden aus mehr als 60 Bewerbungen von Firmen, die mit digitalen Anwendungen den Praxisalltag leichter machen wollen, zehn Gewinner prämiert. Fünf der zehn Dienste und Anwendungen werden seit einiger Zeit auf ihre Praxis­tauglichkeit hin überprüft. Bundesweit hatten sich dafür rund 300 Praxen beworben.

Smarter Telefonassistent entlastet Rezeption

Der Zwischenstand dieser Praxistests wurde nun auf dem KBV-PraxistagDigital vorgestellt – mit überraschenden Einblicken. Getestet wird unter anderem Aaron.ai, ein KI-basierter Telefonassistent, der Anrufe entgegennimmt, wenn Medizinische Fachangestellte überlastet sind. Mithilfe künstlicher Intelligenz erkennt der smarte Telefonassistent in einem freien Dialog das Anliegen der Patienten und erfragt die notwendigen Informationen. Er nimmt die Wünsche etwa nach einem Termin oder Wiederholungsrezept auf und verarbeitet diese zum Teil automatisiert. Das Team sieht in Echtzeit alle Anrufe in einer webbasierten Applikation und kann per SMS oder Rückruf antworten.

Im Praxistest mit rund 70 Arztpraxen verschiedenster Fachrichtungen steht hier die Frage im Fokus, ob damit Erleichterungen in der Praxisverwaltung zu erreichen sind und ob die Anwendung von Patienten akzeptiert wird. Die Praxen nutzen den Assistenten insbesondere für drei Einsatzszenarien: als ersten Ansprechpartner, um Patientenströme zu steuern, als zusätzliche Unterstützung in Stoßzeiten oder außerhalb der Öffnungszeiten und als „Mitarbeiter“, der sich um spezielle Anliegen wie beispielsweise Rezepte kümmert. Der Assistent kann sogar COVID-19-Anrufe herausfiltern.

Hohe Zufriedenheit mit den Anwendungen

Ein Hausarzt aus der Nähe von Berlin schilderte auf der Veranstaltung, wie der Telefonassistent den Praxisalltag in Zeiten von Corona entlastet. Das permanente Telefonklingeln von besorgten Patienten würde aus dem Praxisalltag herausgehalten. Diese könnten eine Nachricht hinterlassen und würden später zurückgerufen. Dadurch gebe es mehr Zeit für die Sprechstunde. Die Patienten fühlten sich trotzdem mit ihren Anliegen angenommen. Dass das Potenzial eines solchen Assistenten groß ist, zeigt die Schätzung von Aaron-Geschäftsführer Richard von Schaewen, der die eingangs erwähnten 5,2 Millionen erfolglosen Patientenanrufe in Deutschland pro Tag errechnet hat.

Software zur digitalen Patientenaufnahme

Ein weiterer Praxistest läuft seit Januar 2020 in 40 Praxen mit dem Produkt Idana. Idana ist eine Software zur digitalen Patientenaufnahme, die die Patienteninformationen standort- und geräteunabhängig erhebt und eine strukturierte Dokumentation und Auswertung gewährleistet. Idana beinhaltet eine breite Auswahl an Anamnese-Fragebögen und Formularen für jede Arztpraxis und kann individuell erweitert werden. Die Erfragung von Informationen zur Krankengeschichte beim Patienten erfolgt vorab über digitale Fragebögen. Die abgefragten Daten werden automatisch in der ärztlichen Dokumentation gespeichert und können für das Patientengespräch genutzt werden. Geschäftsführer Dr. Lucas Spohn betonte auf der Veranstaltung, dass der Einsatz der Software pro Patient rund fünf Minuten Zeitersparnis im administrativen Bereich bringe, die dann den Patienten zugutekomme.

Praxisverwaltungssoftware und Digitalbrille

Vorgestellt wurde auch die Software Klindo, die der digitalen Erfassung und Auswertung von standardisierten psychometrischen Fragebögen in ärztlichen und psychologisch-psychotherapeutischen Praxen dient. Hier waren zunächst 30 Testpraxen angetreten, von denen jedoch nur ein kleiner Teil das Produkt tatsächlich nutzt, wofür Jochen Rausch von Klindo vor allem den Corona-Lockdown im Frühjahr verantwortlich machte.

Einen interessanten Ansatz liefert die webbasierte Cloud-Praxisverwaltungssoftware RED medical, die bereits durch die KBV und den Datenschutz (ULD) zertifiziert und Ende-zu-Ende-verschlüsselt ist. Das System wird als „Software as a Service“ vollständig außerhalb der Praxis geführt, auch der Konnektor steht im Rechenzentrum. Wartung und Updates erfolgen automatisch. Durch die Cloud-Lösung hat jeder Mitarbeiter jederzeit von überall Zugriff. Über die kostenlose Basisversion der Software RED connect, eines Nebenprojekts aus der Entwicklung von RED medical, lassen sich Videosprechstunden durchführen. Der Geschäftsführer Jochen Brüggemann zog hier eine überaus positive Zwischenbilanz. Vor allem Corona habe einen großen Zuwachs an Videosprechstunden beschert, nämlich bis Dezember 2020 über zwei Millionen.

Digitalbrille XPertEye

Erwähnung fand auch das fünfte Gewinner-Projekt: der Test der Digitalbrille XPertEye. Die Datenbrille in Kombination mit einem Smartphone ermöglicht den Benutzern, Wissen und Expertise über Dis­tanzen hinweg in Echtzeit zu transportieren, indem das Sichtfeld, Gesten und die Stimme übertragen und mit einem Experten geteilt werden können – beispielsweise in der Kombination Arzt in der Praxis und Pflegekraft bei Hausbesuch oder Pflegeheimbesuch.

Vor allem Effizienz, Effektivität, Qualität und Zufriedenheit stehen beim Praxiseinsatz der Produkte im Fokus. Das konnte der Einblick in die laufenden Projekte eindrucksvoll zeigen. Bei einigen Produkten zeichnet sich bereits jetzt ab, dass sie den Arbeitsalltag von Ärztinnen und Ärzten erleichtern werden. Die Modellprojekte machen in jedem Fall Mut, sich der Herausforderung Digitalisierung in der eigenen Praxis zu stellen. Die Evaluations- und Abschlussphase dauert noch bis 2022.

KOMMENTAR
Die Digitalisierung der Arztpraxen nervt bisweilen gewaltig. Vor allem dann, wenn der Konnektor ausfällt oder sonst irgendetwas nicht funktioniert, wenn Anwendungen neu sind und niemand genau weiß, was zu tun ist. Onlinesprechstunde, eAU, eRezept: Immer mehr sollen Ärztinnen und Ärzte jetzt digital erledigen, sich immer mehr digitales Wissen aneignen. Da ist die Angst erst einmal groß, den Anschluss zu verpassen, etwas nicht zu beherrschen.

Aber war es nicht bislang immer so, dass der Mensch mit einer Mischung aus Misstrauen und Neugier auf technische Neuerungen reagiert, sich dann doch reinfuchst und am Ende konsterniert fragt: „Wie haben wir nur früher ohne XY leben können?“ Nein, wir müssen nicht alle Digitalprodukte gut finden und wir müssen gut darauf achtgeben, was mit den gewonnenen, hochsensiblen Daten passiert. Aber wir können auch sehen, dass es Produkte gibt, die den Praxisalltag von Ärztinnen und Ärzten erleichtern. Wir können erkennen, dass die Digitalisierung nicht nur ein Zeitfresser ist, sondern auch Zeit freischaufelt, die dann für die Patienten zur Verfügung steht. In diesem Sinne: Einfach mal ausprobieren

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