Arzt gründet Praxisnetzwerk für Dermatologen

Dr. Markus Steinert im Interview: „Wenn die Praxisnachfolge zum Problem wird“

Einen würdigen Nachfolger zu finden und das Lebenswerk in die besten Hände zu übergeben, ist für viele Ärzte eine zentrale Aufgabe im letzten Abschnitt ihrer beruflichen Laufbahn. Eine Aufgabe, die sich aus bürokratischer, administrativer und finanzieller Sicht als besonders herausfordernd erweisen kann. Seit 2017 gibt es für Dermatologen und Plastische Chirurgen nun die Lösung der „sanften Nachfolge“ über die Aufnahme in ein MVZ-Praxennetzwerk, mit dem Ziel die Praxen bei jedem Schritt intensiv zu unterstützen. Über die Funktion und die Vorteile dieses Konzepts sprachen wir mit Dr. Markus Steinert (MVZ skin + more, Biberach an der Riß), einer der Mitbegründer der Praxisgruppe.

Herr Dr. Steinert – Sie sind selbst Inhaber eines MVZs und Mitbegründer eines Praxennetzwerks (eines sogenannten „MVZ-Praxenverbunds“), dessen Ziel es ist, dermatologische und phlebologische Praxen, sowie dermatohistologische Labore in vielfacher Weise zu unterstützen und in deren Effizienz zu fördern. Die Übernahme der Nachfolgeregelung spielt hier eine bedeutende Rolle. Können Sie uns die Hintergründe dazu näher erläutern?

Einen geeigneten Nachfolger für eine größere Praxis, eventuell auch mit mehr als einem Standort, zu finden stellt für viele Ärzte tatsächlich eine enorme Herausforderung dar – man kann es als Einzelkämpfer unter Umständen sehr schwer haben. Die Aufnahme in einen MVZ-Praxenverbund zum Zweck der sanften Nachfolge ist in diesem Zusammenhang eine wichtige Option und kann im Rahmen der Nachfolgersuche und -regelung viele entscheidende Vorteile bieten und alle Beteiligten extrem entlasten. Zunächst können damit die Regelungen der KV umgangen werden. Das bedeutet, dass dem Arzt kein Nachfolger vorgeschrieben wird, sondern freie Wahl besteht. Dazu kommt, dass die sanfte Nachfolge einen gesicherten, koordinierten Ablauf für alle Beteiligten darstellt: den leitenden Arzt, seine Mitarbeiter und den Nachfolger. Die Finanzierungssicherheit für beide Seiten ist dabei ein wesentlicher Aspekt. Die Übergabe erfolgt geregelt über mehrere Jahre hinweg, Schritt für Schritt! Das bringt viele Freiheiten und Entwicklungsmöglichkeiten für Arzt und Nachfolger.

Wie dürfen wir uns den Ablauf einer solchen sanften Nachfolge vorstellen?

Die Nachfolge wird wie erwähnt innerhalb eines längerfristigen, geplanten Zeitraums durchgeführt. Die Praxis wird – unter Einbehalt sämtlicher unternehmerischer Rechte für den Praxisleiter – an den MVZ-Praxenverbund verkauft, die Nachfolgersuche und die damit verbundene finanzielle Belastung an ihn abgegeben. Man verbleibt so als Arzt noch einige Jahre in der Praxis und hat aber mehr Zeit für die Patienten, die Medizin. Man gewinnt an unternehmerischer und medizinischer Freiheit und kann sich voll auf seine Kernkompetenz fokussieren. Administrative Aufgaben wie Buchhaltung, IT oder Personal werden an das Netzwerk abgegeben, wodurch der Arzt noch mehr an zusätzlicher Freiheit erhält.

Was sind die konkreten Vorteile für den Nachfolger?

Nachfolger haben mit diesem Modell ein viel breiteres Spektrum an Möglichkeiten, Entwicklungschancen und vor allem: Finanzierungssicherheit. Jüngere Kollegen verfügen ja oftmals nicht über das notwenige finanzielle Polster, um eine größere Praxis zu übernehmen. Dazu kommt die teils fehlende (berufliche) Erfahrung – viele trauen sich nicht zu, eine solche doch sehr umfangreiche – Aufgabe allein stemmen zu können. Die immensen bürokratischen Hürden einer Praxisübernahme wirken zusätzlich abschreckend. Über die sanfte Nachfolge im MVZ-Verbund trägt der Nachfolger keine finanzielle Belastung und kann in Ruhe in seine Rolle hineinwachsen. Die Nachfolgegestaltung ist sehr viel flexibler, der Nachfolger hat die Möglichkeit, sanft und Schritt für Schritt in den neuen Ablauf hineinzukommen und vom Praxisinhaber zu lernen. Für Nachfolger gilt dasselbe wie für den Praxisleiter und sein Team: geringerer administrativer Aufwand bringt mehr Zeit für die Medizin, mehr Zeit für Weiter- und Fortbildungen.

Leider wissen viele Kollegen nicht, dass es dieses Konzept gibt und wie es konkret funktionieren kann, die Informationslage ist (noch) sehr schlecht. Beide Seiten können sich aber Hilfe und Unterstützung holen – und so die Nachfolgepläne erfolgreich umsetzen!

Können Sie auch die angesprochenen Vorteile einer solchen Kooperation für den Praxisinhaber nochmals genauer erläutern?

Ein wesentlicher Vorteil ist die starke Zukunftsorientierung dieser Lösung, vor allem durch die Finanzierungssicherheit und die Abgabe der Nachfolgeregelung in verlässliche Hände. Das entlastet den Praxisinhaber erheblich! Alles läuft unter fairen (Kauf-)Bedingungen, flexiblen Gestaltungsmöglichkeiten und Erhalt der Autonomie des Arztes als Unternehmer. Lästige und zeitraubende Verwaltungsaufgaben (zum Beispiel Marketing, Buchhaltung, Personal, IT oder Einkauf) werden gegen eine geringe Gebühr an den MVZ-Verbund abgegeben. Dies gibt dem Arzt (und seinem Team!) eine vollkommen neue Perspektive. Man kann sich wieder voll und ganz dem eigentlichen Kerngeschäft widmen: Medizin und Patient. Patienten profitieren in Folge nicht nur von einem exzellenten medizinischen Standard, sondern auch einer deutlich schnelleren, leichteren Abwicklung von Terminen und Wartezeiten. Ein weiterer Vorteil ist die gemeinsame Anschaffung neuer Geräte. Man erhält als Arzt hier durch den Verbund eine ausgezeichnete Beratung, tauscht sich aus, und muss sich nicht mehr alleine durch die Vielfalt der Angebote kämpfen. Dies garantiert sowohl preisliche Vorteile als auch eine State-of-the Art Ausstattung der Praxis.

Auch aus Arbeitnehmersicht kann eine Anstellung bei einer Praxis, die in ein solches Netzwerk eingebunden ist, sehr interessant sein. Was sind Ihre Erfahrungen?

Ja, absolut. Auch hier spielt der Sicherheitsfaktor eine ganz wichtige Rolle! Das Netzwerk bietet sichere und zukunftsorientierte Arbeitsplätze, was heute keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Zusätzlich profitieren die Mitarbeiter von flexibleren und zukunftsorientierten Arbeitsmodellen, besonders für Frauen mit Familien kann das ein erheblicher Vorteil sein! Unsere Kolleginnen und Kollegen haben die Möglichkeit, sich durch die administrative Entlastung frei zu entfalten und weiterzuentwickeln, sie können sich auf ihre ärztlichen und medizinischen Kernkompetenzen konzentrieren. Und dies ohne Verantwortung und finanzielles Risiko! Gleichzeitig gibt es innerhalb des Netzwerks einen ungeheuren Wissensaustausch und umfangreiche Fortbildungsoptionen!

Welche Verpflichtungen geht der Praxisinhabers gegenüber dem Verbund ein?

Nicht viele. Die Zentrale bekommt zwar eine monatliche Gebühr für die die Durchführung der administrativen Aufgaben, die aber geringer ausfällt als die bisherigen Kosten für Steuerberater, Marketing-Agentur, Anwaltskosten etc. Die Praxis profitiert durch die Abgabe dieser lästigen Pflichten von einer deutlichen Kosten- und Zeitersparnis. Durch den Übergang in ein MVZ hat der Arzt die gesetzliche Verpflichtung noch drei Jahre in der Praxis weiterzuarbeiten – was die meisten aber ohnehin wünschen und wollen.

Für welche Kollegen kommt ein solches Modell in Frage?

Ich empfehle es Kollegen ab dem etwa 55. Lebensjahr, die eine etablierte Praxis mit mindestens zwei Kassensitzen haben und daran denken in den kommenden fünf bis zehn Jahren ihre berufliche Laufbahn zu beenden. Und die für sich, ihr Team und den Nachfolger langfristig eine stabile Regelung und Struktur wünschen.

Anzeige

Erster eHealth-Konnektor erhält Zulassung für den Einsatz in der Telematikinfrastruktur

CompuGroup Medical erhält mit KoCoBox MED+ die Zulassung der gematik für den Einsatz eines eHealth-Konnektors in der Telematikinfrastruktur. Mehr
Author's imageJürgen VeitLeiter Kommunikation D-A-CH bei CompuGroup Medical Deutschland AG

Weitere Artikel zum Thema:

Expertentipps

So sparen Ärzte beim Praxisverkauf erheblich Steuern und sichern ihre Altersvorsorge


Wie gelingt der Einstieg in den Ausstieg? Und was kommt danach?

Umfrage zur Praxis- und Apothekenabgabe: Das wünschen sich Selbständige


62% der Selbstständigen fürchten um ihre Altersvorsorge

Bundesweit repräsentative Studie: Ärzte bangen um ihre Einnahmen beim Praxisverkauf


Fortsetzungsfeststellungsklage

Vertragsärztliche Tätigkeit: Sinkende Fallzahlen gefährden Nachbesetzungsverfahren und Praxisverkauf


Der Schlüssel zum Erfolg

Was macht eine Praxis wirklich attraktiv?