Ohne Termin zum Arzt

Geld für offene Sprechstunden: KBV befürchtet Chaos in Arztpraxen

Zusätzliches Geld für offene Sprechstunden: Das Echo auf die Ankündigung von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn ist alles andere als positiv. Experten erwarten keine positiven Effekte, sondern befürchten Chaos in Arztpraxen und mehr Mediziner am Limit.

„Eine ganze Menge Positives“ steckt nach Ansicht von Prof. Dr. Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), in dem Gesetzentwurf für schnellere Termine und bessere Versorgung, den Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vorgestellt hat. Das erklärte Montgomery in einem Interview mit dem Deutschlandfunk. Jetzt gehe es darum, „vernünftige Lösungen zu finden“. Als Beispiele nannte er eine Zusammenlegung der Notfallversorgung oder ein schnelleres Abklären der Dringlichkeit einer Behandlung. Auch die Telemedizin könne einen Beitrag zur schnelleren Versorgung leisten.

Mehr Sprechstunden als Shownummer kritisiert

Als „Shownummer“ bezeichnete der BÄK-Präsident hingegen die in dem Gesetzentwurf geforderte Ausweitung der Mindestsprechstundenzeiten von 20 auf 25 Stunden pro Woche. Die meisten Ärzte „arbeiten über 50 Stunden am Patienten, davon 38 Stunden allein an gesetzlich versicherten Patienten“, so Montgomery. Nach seiner Ansicht zielt diese Maßnahme mehr auf Applaus ab, als auf die Lösung eines Problems, da sich so die Wartezeiten in den Praxen verlängerten.

Montgomery kritisierte, dass in dem Gesetz alles fehle, was den Ärztemangel beheben könne: „Ein Masterplan 2020 für ein besseres Medizinstudium, bessere Zulassungsbedingungen, mehr Studienplätze.“ Immerhin aber halte der Bundesgesundheitsminister Wort, wenn er verspreche, die Mehrarbeit der Ärzte auch entsprechend zu vergüten. Nach dem „guten ersten Wurf“ gehe es jetzt darum, die in dem Vorschlag enthaltenen Inkongruenzen „auszumendeln“.

KBV befürchtet fatale Effekte

Auch der Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) warnt vor „fatalen Effekten“, wie Chaos und längeren Wartezeiten in den Arztpraxen. Zusätzliches Geld für offene Sprechstunden klinge zunächst mal gut, sei aber eine Mogelpackung. 

„Selbst Verwaltungen wie die Berliner Bürgerämter haben erkannt, dass sie mit knapp bemessenem Personal ein immer weiter steigendes Besucheraufkommen nur dann halbwegs bewältigen können, wenn sie Termine vergeben. Jetzt müssen wir mit Erstaunen feststellen, dass Bundesgesundheitsminister Jens Spahn die Ärzte, deren Praxen proppenvoll sind und die am Limit ihrer Belastbarkeit arbeiten, bevormunden und von der Terminvergabe abbringen will.“ Das erklärte der Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) heute in Berlin.

„Der Vorschlag ist gut gemeint, aber wird kein Problem lösen, dafür neue schaffen“, sagte der KBV-Vorstandsvorsitzende Dr. Andreas Gassen. Eine Verbesserung der Versorgung, die der Minister verspricht, sei dadurch nicht zu erwarten. Im Gegenteil. Chaos und längere Wartezeiten in den Praxen werden die Folgen sein. Gassen: „Ich hoffe nicht, dass die Bundesregierung sich an staatlichen Gesundheitssystemen wie in Großbritannien oder an den Notfallambulanzen der USA mit stundenlangen Wartezeiten orientiert.“ Es sei bedauerlich, dass die Politik nicht die Vorschläge der Ärzteschaft aufgegriffen habe, so Gassen.

„Das ärztliche und nichtärztliche Personal in den Praxen wird immer knapper, und die Terminvergabe, auf die vor Jahren nicht zuletzt auch die Politik gepocht hatte, hat sich grundsätzlich bewährt“, betonte der stellvertretende KBV-Vorstandsvorsitzende Dr. Stephan Hofmeister und fügte hinzu: „Die offenen Sprechstunden werden in der Regel nicht die Kranken nutzen, die schnell ärztliche Hilfe benötigen. Denn diese Menschen sollen und können nicht stundenlang im Wartezimmer sitzen.“ Das gleiche gelte für chronisch Kranke, für die die Praxen dann weniger freie Termine hätten.

 

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