Sozialpsychiatrische Praxen

KBV: Kassen blockieren auf Kosten junger Patienten

Sozialpsychiatrische Praxen sorgen für eine flexible und individuelle Hilfe für Kinder und Jugendliche. Doch dieser teamübergreifenden Behandlung durch Ärzte, Heilpädagogen, Psychologen sowie Sozialarbeiter droht nach Einschätzung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) der Kollaps. Der Grund: Während die Kosten seit Jahren steigen, ist die Vergütung seit 2009 unverändert geblieben.

„Es geht hier um Kinder und Jugendliche mit zum Teil schweren psychischen Belastungen, die eine umfassende Hilfe brauchen. Der Stand der Finanzierung ist vom Jahr 2009 und kann den heutigen Bedingungen und Kostenstrukturen des teamübergreifenden Ansatzes nach der Sozialpsychiatrie-Vereinbarung nicht mehr Rechnung tragen“, sagte Dr. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), in Berlin.

Die KBV fordert deshalb, die Bewertung der Vergütungspauschalen zu erhöhen, bisher jedoch erfolglos: „Die Sorge, den Bedarf an Hilfe nicht mehr ausreichend sichern zu können, wächst. Es ist unglaublich, dass die Vertreter des GKV-Spitzenverbands nicht bereit sind, über ein faires Angebot zu verhandeln“, kritisierte Dr. Stephan Hofmeister, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der KBV. Beiden Vorständen reichte es nun, sie werden das Schiedsamt anrufen.

Einmalige Anpassung angestrebt

Im Jahr 2016 lag der Leistungsbedarf bei circa 121,2 Mio. Euro. Die KBV strebte eine einmalige Anpassung der Bewertung (auf Basis des Stands des Jahres 2009) an. Dies hätte einer zusätzlichen Finanzierung in Höhe von ca. 37 Millionen Euro entsprochen. Das Angebot des GKV-Spitzenverbandes fiel dagegen so niedrig aus, dass damit nur ein geringer Bruchteil der Kostensteigerungen der vergangenen neun Jahre aufgefangen worden wäre.

Warum die Vereinbarung nicht mehr zeitgemäß ist

Hinergrund: Die im Jahr 2009 getroffene bundeseinheitliche Sozialpsychiatrie-Vereinbarung als Anlage zum Bundesmantelvertrag zwischen Ärzten und Krankenkassen beinhaltet langfristig ausgerichtete Maßnahmen zur Förderung einer qualifizierten ambulanten sozialpsychiatrischen Behandlung. Diese zeichnen sich vor allem durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit aus. So muss der an dieser Vereinbarung teilnehmende Vertragsarzt mindestens einen Heilpädagogen und einen Sozialarbeiter bzw. eine entsprechende Zahl von Mitarbeitern mit jeweils vergleichbaren Qualifikationen anstellen sowie für den Bedarfsfall die Kooperation mit psychologischen Psychotherapeuten, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, Sprach-, Ergo- und Physiotherapeuten nachweisen.

Bedarf vorhanden, Nutzen nachweisbar

Den Nutzen dieses Versorgungskonzepts zeigt nicht zuletzt eine vom Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (Zi) durchgeführte Evaluation. Laut dieser Erhebung wurde bei 46 Prozent aller Fälle ein vollständiger oder weitgehender Behandlungserfolg festgestellt, bei 25 Prozent ein mittlerer, bei lediglich sieben Prozent stellte sich ein geringer oder (noch) kein Behandlungserfolg ein. Zu den häufigsten Diagnosen, die im Rahmen der Sozialpsychiatrie-Vereinbarung behandelt werden, gehören hyperkinetische Störungen (zum Beispiel ADHS), emotionale Störungen im Kindesalter sowie Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen.

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