Barmer-Arzneimittelreport 2020

Medikationsplan: Millionen Polypharmazie-Patienten gefährdet?

Jedes Jahr müssen mehrere Millionen Menschen ins Krankenhaus, die mindestens fünf Arzneimittel zugleich einnehmen. Viele von ihnen werden aber ohne Medikationsplan eingewiesen, wie der Arzneimittelreport 2020 der Barmer zeigt. Die Informationslücken können gefährlich werden.

„In Jahrzehnten ist es nicht gelungen, die Versorgung über die Sektorengrenzen hinweg besser zu organisieren“. Mit diesen Worten beschreibt der Vorstandsvorsitzende der Barmer, Prof. Dr. Christoph Straub, die gravierenden Informationslücken zwischen Hausärzten und Kliniken. Besonders gefährdet seien dabei Millionen von Polypharmazie-Patienten, also Menschen, die mindestens fünf Medikamente pro Tag einnehmen.

Bei der Einweisung würden Krankenhäusern häufig wichtige Informationen zur Medikation fehlen. Nach Entlassung aus der Klinik würden weiterbehandelnde Ärzte nicht ausreichend über Therapieänderungen informiert. Das sind die zentralen Erkenntnisse aus dem aktuellen Arzneimittelreport der Barmer.

Bundeseinheitlicher Medikationsplan häufig nicht vorhanden

Demnach waren allein im Jahr 2017 bundesweit rund 2,8 Millionen Personen bei ihrer Klinik-Aufnahme Polypharmazie-Patienten. Aber nur 29 Prozent davon hatten bei der Klinikaufnahme den bundeseinheitlichen Medikationsplan, der Informationsverluste zwischen Ärzten verhindern soll. 17 Prozent verfügten über gar keine aktuelle Aufstellung ihrer Medikamente. Vorhandene Pläne waren zudem häufig unvollständig.

Patienten bekommen Therapiewechsel häufig nicht erklärt

Wie aus dem Barmer-Report weiter hervorgeht, fließen die Informationen zur Arzneimitteltherapie auch während des Klinikaufenthalts nur bruchstückhaft. So gaben über 30 Prozent der von der Barmer Befragten an, dass ihnen die Arzneitherapie vom Arzt nicht erklärt worden sei. Jeder dritte Patient mit geänderter Therapie habe zudem vom Krankenhaus keinen aktualisierten Medikationsplan erhalten. Zudem würden die Medikationsrisiken im Krankenhaus nicht erkennbar geringer. Laut Arzneimittelreport sei die Anzahl der Patienten, die nach der sogenannten PRISCUS-Liste eine nicht altersgerechte Arzneimitteltherapie erhalten, nach der stationären Behandlung höher als zuvor. Weiter habe jeder zehnte Patient nach dem Krankenhausaufenthalt Arzneimittel von einem Arzt verordnet bekommen, bei dem er im halben Jahr zuvor nicht in Behandlung war.

Informationsdefizite von der Klinik hin zum Allgemeinmediziner

Den Reportergebnissen zufolge stockt auch die Weitergabe von behandlungsrelevanten Daten aus dem stationären in den ambulanten Sektor. Indizien dafür liefert eine Umfrage für den Arzneimittelreport unter 150 Hausärzten. Demnach waren 40 Prozent der befragten Allgemeinmediziner mit den Informationen durch das Krankenhaus unzufrieden oder sehr unzufrieden. So seien nur bei jedem dritten betroffenen Patienten Therapieänderungen begründet worden. Wie die Routinedatenanalyse zeigt, hatten 41 Prozent der Versicherten, also fast 484.000 Personen, nach Entlassung mindestens ein neues Arzneimittel bekommen.

Projekt TOP stärkt Patientensicherheit

Ursache der Informationsdefizite sei weniger der einzelne Arzt, als vielmehr der unzureichend organisierte und nicht adäquat digital unterstützte Prozess einer sektorenübergreifenden Behandlung, sagte Barmer-Chef Straub. Entscheidend sei, gemeinsam nach Lösungen zu suchen, um der Ärzteschaft die Arbeit zu erleichtern und Risiken für Patienten zu minimieren. Daher habe die Barmer mit zahlreichen Partnern das Innovationsfondsprojekt TOP ins Leben gerufen, das im Oktober startet. TOP stehe für „Transsektorale Optimierung der Patientensicherheit“ und stelle den behandelnden Ärzten aus Krankenkassendaten alle behandlungsrelevanten Informationen zur Verfügung, sofern der Patient sein Einverständnis gegeben habe. Dazu gehörten Vorerkrankungen und eine Liste aller verordneten Arzneimittel. Zudem arbeiteten Ärzte und Apotheker im Krankenhaus zusammen. Im Krankenhaus werde der Medikationsplan des Patienten vervollständigt oder erstellt, sofern noch nicht vorhanden, und die Therapie erklärt. „Das Projekt hat das Potenzial, die Risiken sektorenübergreifender Behandlung in der Routineversorgung zu minimieren“, sagte Straub.

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