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Könnte Magersucht die fötale Hirnentwicklung beeinträchtigen?


Schwangere Frau beim Gynäkologen

Bereits im Mutterleib bilden sich alle grundlegenden Strukturen des kindlichen Gehirns aus. Dabei ist der Fötus auf eine ausreichende Nährstoffversorgung über die Plazenta angewiesen. Doch was passiert, wenn die werdende Mutter an Magersucht leidet?

Welche Auswirkungen die Essstörung einer schwangeren Frau auf die Entwicklung des Kindes hat, haben jetzt Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des Universitätsklinikums Tübingen im Rahmen einer Pilotstudie untersucht.

Hierfür wurden zwölf schwangere Frauen mit Magersucht und elf gesunde schwangere Frauen ohne Essstörung in der 27. und 37. Schwangerschaftswoche beobachtet. Um die Gehirnaktivität der Föten intrauterin messen zu können, nutzte die Forschergruppe einen fetalen Magnetoenzephalograph (fMEG).

Bei diesem Gerät handelte es sich um das erste seiner Art in Europa und das zweite weltweit. Das Vorläufermodell wurde im Jahr 2000 in Little Rock, Arkansas, installiert. Mithilfe des fMEG ist es möglich, sowohl die spontane kindliche Gehirnaktivität als auch die Reaktion des kindlichen Gehirns auf Sinnesreize über die Bauchoberfläche der Mutter zu erfassen.

Reaktionszeit gibt Hinweise auf Reifegrad des Gehirns

Anhaltspunkte auf den Entwicklungsgrad des fötalen Gehirns lassen sich unter anderem an der Reaktionszeit auf ein auditorisches Ereignis festmachen.

Deshalb spielten die Forschenden den ungeborenen Kindern eine zehnminütige Tonsequenz vor und bestimmten mittels fMEG die Latenz der ereignisbezogenen Hirnantwort. Dabei stellte sich heraus, dass Föten von Müttern mit Anorexie im Vergleich zu Föten aus der Kontrollgruppe eine tendenziell, wenn auch nicht statistisch signifikant verzögerte Hirnreaktion aufwiesen (212,6 ± 68,7 ms vs. 168,5 ± 70,4 ms).

Zudem fand sich ein direkter Zusammenhang zwischen der Schwere der Essstörung und der Latenzzeit: Je ausgeprägter die Symptome einer Anorexie waren, von denen die werdenden Mütter berichteten, desto langsamer fielen die Hirnreaktionen der Kinder aus. Diese verlängerte Reaktionszeit kann auf eine Entwicklungsstörung des Gehirns hindeuten.

Ob sich das auch auf die spätere kognitive und verhaltensbezogene Entwicklung des Kindes nach der Geburt auswirkt, muss allerdings erst noch in Folgestudien untersucht werden.