Zum Drucken hier klicken!

- ARZT & WIRTSCHAFT - https://www.arzt-wirtschaft.de -

Warum die Darmkrebsdiagnose bei psychisch Erkrankten oft verspätet ist


Hände auf Bauch

Psychisch erkrankte Menschen haben ein höheres Risiko, vorzeitig an Darmkrebs zu sterben. Die Zeit ab der ersten Symptomatik bis zur Diagnose von Darmkrebs dauerte bei Personen mit psychischer Erkrankung fast ein Jahr. Menschen ohne psychische Einschränkungen erhielten diese schon nach vier Monaten. Das zeigen Daten aus Großbritannien.

Bekannt ist, dass Patienten mit psychischen Störungen bei einer onkologischen Diagnose in vielen Fällen bereits Tumore im fortgeschrittenen Stadium aufweisen, was ihre Prognose drastisch verschlechtert.

Vielfältige Gründe für die späte Diagnose vermutet

Die Ursachen für eine verzögerte Diagnose des Darmkrebs sind komplex. Ein Teil lässt sich durch Faktoren wie niedrigerer sozioökonomischer Status und häufiger auftretende entzündliche Darmerkrankungen unter psychisch Kranken erklären. Die Wissenschaftler vermuten zudem, dass die Patienten stärkere Ängste vor einer Koloskopie haben, wodurch sie mit der invasiven Diagnostik seltener einverstanden sind.

Auch Ärzte nehmen erste Symptome nicht immer wahr

Gleichzeitig können auch Begleiterkrankungen die Zeitspanne bis zur Diagnostik verlängern. In Übereinstimmung mit früheren Untersuchungen stellten die Forscher fest, dass eine hohe körperliche Komorbidität mit verlängerten Diagnoseintervallen, einer geringeren Wahrscheinlichkeit für eine schnelle Überweisung zur Endoskopie und einer höheren Wahrscheinlichkeit einer Notfallvorstellung verbunden war. Die Wissenschaftler vermuten auch, dass potenzielle Krebssymptome nicht immer durch die behandelnden Ärzte wahrgenommen werden. Veränderte Darmgewohnheiten, Bauchschmerzen oder Müdigkeit könnten als Folgen einer zugrunde liegenden Angststörung oder als unerwünschte Wirkungen von Psychopharmaka wahrgenommen werden. Dafür spricht eine erhöhte Rate an Reizdarm-Neudiagnosen zwei Jahre vor der Krebsdiagnose der Patienten.

Von der ersten Symptomatik bis zur Diagnose

Die britischen Forscher analysierten zwischen 2011 und 2015 Patientenakten aus einer Hausarztdatenbank, einer Klinikdatenbank sowie aus einem Krebsregister. Dabei konzentrierten sie sich auf Patienten, die vor ihrer Darmkrebsdiagnose mit einer möglichen Krebssymptomatik in der Primärversorgung vorstellig wurden.

Eingeschlossen wurden diejenigen Patienten, bei denen zwei Jahre vor der Darmkrebsdiagnose Warnzeichen wie rektale Blutungen, Anämien oder eine veränderte Darmtätigkeit (red flags) dokumentiert wurden. Danach berechneten die Forscher die Zeit von der ersten Symptomatik bis zur Krebsdiagnose und untersuchten, auf welchem Weg die Diagnostik stattgefunden hatte (Notaufnahme oder schnelles Überweisungssystem).

Klinisch relevante Verzögerung bei psychisch Erkrankten

Insgesamt erfassten die Forscher 3.766 Personen aus der Hausarztdatenbank, bei denen in dem Untersuchungszeitraum eine Darmkrebsdiagnose gestellt wurde.

623 von ihnen (17 %) wiesen eine psychische Störung auf, bei 562 (15 %) von ihnen handelte es sich um Depressionen und Angststörungen.
49,4 Prozent der psychisch Kranken, die eine Krebsdiagnose erhielten, zeigten 24 Monate vorher red flag Warnzeichen. Dieser Anteil war bei den Betroffenen ohne psychische Leiden etwas höher (49,4 % gegenüber 57,5 %).

Ein Drittel der Personen ohne psychische Störung erhielt durch eine schnelle Überweisung zum Spezialisten die Diagnose. Bei solchen mit psychischen Problemen waren es nur 23 Prozent. Letztere erfuhren deutlich häufiger erst nach einer notfallmäßigen klinischen Einlieferung von ihrer Diagnose (37 % versus 27 %). Die restlichen Diagnosen erfolgten nach einer normalen Überweisung oder als Befund bei einer anderen Untersuchung. Nur fünf Prozent der Tumoren bei psychisch Unauffälligen sowie einem Prozent bei psychisch Kranken wurden über das Screening entdeckt.

Erhöhte Aufmerksamkeit bei psychisch Erkrankten notwendig

Die Forscher fassten zusammen: Selbst wenn Patienten mit psychischer Erkrankung Warnzeichen für eine Darmkrebserkrankung zeigten und diese erfasst wurden, war die Wahrscheinlichkeit, schnell an einen Spezialisten überwiesen zu werden, deutlich geringer. Insgesamt dauerte es von den ersten Warnzeichen bis zur Diagnose mit psychischer Erkrankung 326 Tage. Personen ohne psychische Einschränkung erhielten diese bereits nach 133 Tagen. Die frühzeitige Diagnose von Krebs ist jedoch von entscheidender Bedeutung, um die Überlebenschancen zu verbessern.

Quelle: Majano SB et al. JAMA Network Open. 2022;5(10):e2238569. doi:10.1001/jamanetworkopen.2022.38569

Anzeige

Kostenfreie Online-Fortbildung – exklusiv für MFA/ZFA & Praxismanager

MFA und Praxismanager bilden den Grundstein jeder Praxis – ohne sie würde der Praxisalltag nicht funktionieren. Doch im geschäftigen Praxisalltag kann es vorkommen, dass wenig Zeit für die indivi... Mehr
Ilias TsimpoulisChief Medical Officer bei Doctolib