Das andere Aufklärungsgespräch

Mit den Eltern über Altern und Tod reden

Erinnern Sie sich an das Aufklärungsgespräch, das Ihre Eltern damals mit Ihnen geführt haben? Es war notwendig, aber für alle Beteiligten irgendwie auch ein wenig unangenehm. Etwas Vergleichbares steht Ihnen vielleicht demnächst wieder bevor, auch wenn die Frage diesmal lautet: Wie sag‘ ich’s meinen Eltern, dass wir mal über ihr Altern und ihren Tod reden sollten?

Als Ihre Eltern Sie aufgeklärt haben, war die Situation emotional ähnlich schwierig und sie haben bestimmt lange nach dem „richtigen“ Zeitpunkt gesucht. Nur wenige Eltern kommen aus eigenem Antrieb zu ihren Kindern, um die eigene Endlichkeit und die Zeit davor zu besprechen. Wenn Sie deshalb auf Ihre Eltern zugehen wollen oder müssen: Hier ein paar Tipps, wie Sie am besten vorgehen sollten. Und am Ende wissen Sie auch, was das mit Ihrem Geld zu tun hat.

Warum ist speziell dieses Gespräch so „schwierig“?

Natürlich ist dieses Gespräch schwierig, es geht schließlich um die 3 Top-Tabu-Themen Deutschlands: Tod, Geld, Krankheit bzw.Pflegebedürftigkeit.Das ist nur noch zu toppen, wenn es um das Auto, also die freiwillige Abgabe des Führerscheins geht – bevor etwas passiert. Hier werden auch die Alphatiere unter uns schwach, vielleicht weil es um die Ablösung des Rudelführers bzw. der Rudelführerin geht? Den Generationenübergang von Macht (=Geld), Potenz (=Krankheit, Pflege), Freiheit (=Auto) und Endlichkeit (=Tod) nicht einfach auf sich zukommen zu lassen, sondern sich proaktiv damit auseinanderzusetzen, bedarf schon einer reifen Persönlichkeit. Außerdem: Wer will schon die mühsam erarbeitete Familienidylle in Frage stellen und „den Teufel an die Wand malen“? Eine allzu zackig formulierte Patientenverfügung könnte sich als Bumerang erweisen, wenn der Lebenswille sich am Ende doch als unverwüstlich herausstellt. Für Sonderfälle wie Behinderten- und Unternehmer-Testamente ist professionelles Knowhow gefragt; für beratungsresistente Menschen ein 1a-Aufschiebegrund. Dazu kommt: Alle Gesprächsteilnehmer haben unterschiedliche Wahrheiten oder konkreter: ein unterschiedliches Empfinden, was gerecht ist.

Die „Betriebsanleitung“

Damit das Gespräch dennoch gelingt, sollten alle Beteiligten die folgenden Punkte beachten und nach Möglichkeit auch befolgen:

Aus Sicht der Kinder:

  • Der beste Zeitpunkt für das Gespräch: bevor es nötig ist, optimal ist kurz vor dem Ruhestand.
  • Falls es schlechte Beispiele im Freundeskreis gibt, können auch diese Anlass bieten, es besser machen zu wollen.
  • Bitte niemals auf Familienfeiern! Keine spontanen Überfälle, sondern verabreden Sie sich, damit sich jeder vorbereiten kann.
  • Beginnen Sie mit der Bitte um Rat für Ihr eigenes Testament, Ihre eigene Patientenverfügung + Vorsorgevollmacht + Betreuungsverfügung. Falls Ihre Eltern diesen Themenblock noch nicht erledigt haben, könnten Sie gemeinsam zur Tat schreiten.
  • Hören Sie vor allem zu: so lernen Sie die Beweggründe und das Gerechtigkeitsempfinden Ihrer Eltern kennen.
  • Vielleicht bekommen Sie eine Empfehlung für einen Rechts- oder Steuerberater oder erfahren, ob es ein Unterlagenverzeichnis, eine Vermögensaufstellung bzw. Ruhestandsplanung gibt.
  • Wenn die Kommunikationsstruktur sowieso schon problematisch ist, empfiehlt sich die Einschaltung eines Mediators; oft sind altgediente Steuerberater oder Rechtsanwälte Ihrer Eltern die Eisbrecher des Schweigens und der Schlüssel zu einer vertrauensvollen Atmosphäre.
  • Packen Sie nicht alle Themen in ein Gespräch!
    Das Thema Pflege/Patientenverfügung ist so umfassend, dass ein separates Gespräch Sinn machen würde.
  • Die Lebensleistung des Seniors anerkennen zu können und dies nicht mit den eigenen Leistungen und Interessen zu vermischen ist einfach Respekt. Sie diskutieren hier nicht Ihr Leben, sondern dasjenige Ihrer Eltern.

Aus Sicht der Eltern:

  • Sehen Sie diese Gespräche nicht als „Kontrolle“, sondern als Chance, Ihren nächsten Lebensabschnitt mit den Schlüsselpersonen zu planen.
  • Erklären Sie ungleiche Erbverteilungen, sonst werden Sie schnell fehlinterpretiert. Gründe könnten Pflege- oder Vorableistungen etc. sein.
  • Bleiben Sie realistisch bei der Unternehmensnachfolge: Sie tun mit Druck oder Manipulation langfristig weder Ihren Kindern noch Ihrem Unternehmen einen Gefallen.
  • Versprechen Sie besser nichts, was Sie später nicht halten können, sonst sind Enttäuschungen und Streit vorprogrammiert.
  • Da die Erben in kurzer Frist entscheiden müssen, ob sie das Erbe annehmen wollen, sollte eine mögliche Überschuldung des Nachlasses angesprochen werden. Dann können die Kinder das Erbe gegebenenfalls auch ausschlagen.

Themen– und Fragen-Komplexe

Immaterielle Güter der Eltern im Generationenübergang: Klären, was bleibt; dies bedeutet auch, sich darüber Gedanken zu machen, wer Sie sind, was Sie der Welt hinterlassen wollen – und was nicht. Was ist Ihr Lebenssinn, was sehen Sie als Familientradition?

Wichtig für die Eltern ist es außerdem, die vier Schlüssel zu einem gelungenen Ruhestand zu kennen und diese mit ihren Kindern zu besprechen:

  • Finanzielle Vorbereitung und Planung des Einkommens
    • Wollen oder müssen sich die Eltern „verkleinern“?
    • Wie wird eine Pflegebedürftigkeit und/oder Betreuung (z.B. bei Demenz) finanziert?
    • Kinder haften für ihre Eltern. Wie realistisch sind Unterhaltszahlungen durch die Kinder? Soll zum Vermögensschutz eine Pflegeversicherung abgeschlossen werden?
  • Gesundheit und Wellness nicht vernachlässigen
    • Umgang mit aktuellen oder zukünftigen Einschränkungen in der Mobilität: Umbau, Treppenlift, Umzug, etc.
    • Für den Fall einer Pflegebedürftigkeit: Wie, wo und von wem könnten Sie im Alltag gepflegt und betreut werden? Beide Elternteile!
  • Mentale Einstellung für einen Berufsausstieg ohne Depression
    • Wollen Sie nur konsumieren oder auch geben?
    • Was ist Ihr „Ikigai“? So nennen die Japaner den Lebenssinn des Einzelnen oder frei übersetzt „den Grund, warum Sie morgens (gut gelaunt) aufstehen“.
    • Wer braucht Sie jetzt? Die Nachbarschaftshilfe? Der ehrenamtliche Krankenbesuchsdienst?
    • Sofern Sie in einer Beziehung leben: wie gehen Sie mit der neuen Präsenz um; was wollen Sie gemeinsamen leben, was nicht?
  • Aufbau eines positiv wahrgenommenen Familien- und Freundeskreises
    • Lange unterschätzt, tritt nun in unterschiedlichsten Studien die psychosoziale Bedeutung eines persönlichen Netzwerkes für die Gesundheit in den Vordergrund.
    • Was nicht ist, weil bisher die Zeit fehlte, kann gezielt aufgebaut werden, z.B. über Netzwerke mit ehemaligen Kollegen, neue Hobbies, sportliche Betätigung, Erwerb neuer Kompetenzen, intellektuelle Weiterentwicklung, etc.
    • Wie nah und eng wollen Eltern, Kinder und ggfs. Enkel zusammenleben? Wie oft wollen Sie sich besuchen?

 

Und um auf das Aufklärungsgespräch zurückzukommen:
Falls Sie immer noch zögern, das direkte Gespräch zu suchen, hier noch ein weiterer Praxistipp. Meine Mutter wählte das typische Mittel unserer Familie, wenn es drohte, peinlich zu werden: ein zum Thema passendes Buch. Falls das auch das Mittel Ihrer Wahl für das Gespräch mit Ihren Eltern ist, kontakten Sie den Autor und Sie erhalten Tipps zu geeigneter Literatur.

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Markus Weywara

Markus Weywara

Herr Weywara hat sich nach seinem Studium zum Wirtschaftsingenieur mit zwei Aufbaustudiengängen zum Certified Financial Planner (CFP®) und Certified Foundation and Estate Planner (CFEP®) in der Beratung von Heilberufen und vermögenden Privatkunden spezialisiert.

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Author's imageJürgen VeitLeiter Kommunikation D-A-CH bei CompuGroup Medical Deutschland AG

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