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Klimabedingte Gesundheitsschäden: Was Ihre Patientinnen und Patienten wissen sollten


Baum und Schmetterling auf einer Hand

Modellrechnungen prognostizieren 5.000 zusätzliche Todesfälle durch Hitze pro Jahr. Noch können wir dem entgegenwirken. Wie sich Ärztinnen und Ärzte jetzt wappnen und eine führende Rolle im Wandel einnehmen.

Die Klimakrise macht krank“ – so klar warnt die Bundesärztekammer anlässlich des im Dezember erschienenen Berichts „Lancet Countdown 2020“. Gesundheitsrisiken durch die Erderwärmung nehmen weltweit zu, auch in Deutschland. Besonders bei älteren oder vorerkrankten Menschen können die Belastungen bis hin zu vorzeitigen Todesfällen führen. Extremwetter bergen Gefahren; ebenso wie eine erhöhte Wahrscheinlichkeit neuartiger Krankheitserreger – oder auch ganz alter, die gerade mitsamt den Permafrostböden in Sibirien wieder auftauen.

Ältere sind besonders gefährdet

Das letzte Jahrzehnt war das wärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Kreislaufprobleme nahmen zu. Atemwegserkrankungen verschlimmerten sich infolge erhöhter Ozonwerte. Laut Umweltbundesamt (UBA) verstarben in den Hitzesommern 2003, 2006 und 2015 in Deutschland insgesamt etwa 19.500 Menschen zusätzlich an den Folgen der Hitzebelastung. Das droht zum Normalzustand zu werden. Modellrechnungen prognostizieren pro Grad Celsius Temperaturanstieg einen Anstieg der hitzebedingten Mortalität von ein bis sechs Prozent für Deutschland. Bis Mitte des Jahrhunderts entspräche das über 5.000 zusätzlichen Sterbefällen pro Jahr. Besonders gefährdet sind Menschen ab 65 und Pflegebedürftige. Denn mit zunehmendem Alter lässt die Fähigkeit des Körpers zur Selbstkühlung durch Schwitzen nach. Ein geringeres Durstempfinden kommt hinzu. Wird aber zu wenig getrunken, kann sich der Körper rasch auf eine gesundheitsgefährdende Temperatur erwärmen. Geben Sie vulnerablen Patienten die Tipps aus unserem Hitzeknigge (Ende des Artikels) an die Hand. Nach Angaben der Deutschen Allianz Klimawandel & Gesundheit (KLUG) gehören hierzu Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen (vor allem mit Herzinsuffizienz und koronarer Herzkrankheit), Niereninsuffizienz, Diabetes mellitus, Lungenerkrankungen (Lungenemphysem, COPD), psychischen Leiden, Demenz und neurologischen Erkrankungen. Auch Säuglinge. Kleinkinder und Schwangere sind sensibel.

Klimaschutz ist direkt gesund

Wir beginnen gerade erst zu verstehen, in welchem Umfang wir bereits Schaden angerichtet haben. Doch gerade als eine erste Idee davon aufkeimte, schlug Corona zu. Nachdem das Virus 2020 die gesellschaftliche Aufmerksamkeit fast vollständig absorbierte, müssen wir 2021 den Fokus wieder weiten, denn wir haben keine Zeit zu verlieren. Auch die Verfasser des Lancet Countdowns, weltweit 38 führende akademische Institutionen und UN-Organisationen, betonen: Dieses Jahrzehnt muss eines des tief greifenden Wandels werden. Ärztinnen und Ärzte können hierzu einen zentralen Beitrag leisten. Der Clou: Maßnahmen zum Schutz des Klimas kommen regelmäßig auch der individuellen Gesundheit zugute. Eine pflanzenbetonte Ernährung und mehr Bewegung durch Fahrradfahren oder Fußwege reduzieren beispielsweise die Wahrscheinlichkeit nicht-übertragbarer Krankheiten wie Adipositas, Diabetes, Herz-Kreislauf-Leiden, Rheuma und Krebs. Nicht zuletzt entlastet das auch das Gesundheitssystem.

Ein Notfall duldet keinen Aufschub

Unser gegenwärtiges, energieintensives Wirtschaftssystem fußt auf der Ausbeutung fossiler Ressourcen. Doch tatsächlich zieht sich das Thema Ausbeutung wie eine Konstante durch die Lebensbereiche: Der Mensch beutet nicht nur die Natur aus, sondern auch andere und sich selbst. Grenzen werden ausgereizt und überreizt, bis Zusammenbruch droht. Wir brauchen einen Bewusstseinswandel, der bis zum Kern unserer Psyche und Prägungen vordringt. Die petrochemiegetränkte Intensivlandwirtschaft verleitet zum Überkonsum von hochverarbeiteten, energiereichen Produkten. Das belastet den Körper und macht auch den Geist träge – unter anderem durch exzessive Insulinausschüttung. Alles hängt zusammen und kann nicht einzeln gedacht werden. Warum sollten wir uns verdreckte Luft weiter zumuten? Natürlich braucht es für eine echte Verbesserung eine Infrastruktur, die sich nicht mehr zentral am Pkw orientiert, sondern beispielsweise sichere Radwege und den öffentlichen Nahverkehr in den Mittelpunkt rückt. Hier sind die Kommunen gefragt. „Wir sollten die Milliarden an Coronahilfen für die Wirtschaft nutzen, um gleichzeitig auch etwas gegen die langfristige Klimakrise zu tun“, fordert Prof. Sabine Gabrysch, die sich sowohl an der Charité als auch am Potsdam-Institut der Erforschung einer resilienten Zukunft verschrieben hat. Sie bezeichnet die Erderwärmung als planetaren Notfall. Ja, wir stecken bereits drin. Doch wir können noch handeln, die Situation duldet nur keinen Aufschub. „Die Sicherheit und die Gesundheit der Menschen sind in Gefahr“, sagt Prof. Johan Rockström, Leiter des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. „2021 ist das Jahr, in dem wir die Klimakurve nach unten biegen müssen.“ Die Transformation beginnt jetzt. Ermutigen Sie Ihre Patienten, mitzumachen und sich selbst und dem Klima Gutes zu tun. Wichtig ist die Freude am Wandel, wenn er Bestand haben soll. Vielleicht empfehlen Sie einen vegetarischen Kochkurs? Die Patienten müssen ihre Ernährung ja nicht radikal umstellen. Sie könnten sich vornehmen, nach und nach immer mal ein Gemüsegericht mehr in den Wochen-Speiseplan einzubauen. Wenn es der Geldbeutel erlaubt, kann das Klima mit Bio-Produkten noch mehr geschont werden, denn diese werden ohne künstliche Dünger und Pestizide erzeugt. Bei saisonalem Obst und Gemüse kann man Bio oftmals sogar günstiger erstehen als konventionelle Ware. Häufig unterschätzt werden auch Emissionen aus der Produktion von Konsumgütern. Beim Einkaufen schont die Devise „lieber weniger und dafür bessere Qualität“ das Klima und verschafft uns wieder Zeit für sinnvollen Kontakt mit anderen Menschen oder einfach mit uns selbst.

Bilder: iStock/Ratsanai/cnythzl

Ein Schlüssel liegt in der Ernährung

Es gibt Menschen, die fürchten Fremdbestimmung durch eine „Öko-Diktatur“. Das beste Mittel dagegen ist, selbst gestaltend aktiv zu werden. Die Lancet-Autoren liefern ohnehin allenfalls Ansätze in ihrem politikberatenden „Policy Brief“. Sie identifizieren darin drei zusammenhängende Schlüsselthemen: das Nahrungsmittelsystem, das Transportsystem und das Thema nachhaltige Städte. Mit Aktion in diesen drei Bereichen folge man einer „Triple-Win“-Strategie: Das Klima wird stabilisiert, die Gesundheit geschützt und eine nachhaltige Wirtschaft etabliert. Das Ernährungsthema ist für den Einzelnen besonders leicht anzufassen. Die Krankheitslast in Deutschland ließe sich durch eine pflanzenbetonte Kost sogar um elf Prozent senken, haben die Countdown-Autoren errechnet. Sieben Prozent der direkten Gesundheitskosten hierzulande hängen mit dem übermäßigen Konsum von gesättigtem Fett, Salz und Zucker zusammen. Auch dem weltweiten Hunger können wir nur begegnen, wenn wir aufhören, Kleinbauern in anderen Ländern die Anbauflächen mit Monokulturen zur Massen-Mästung unserer Tiere streitig zu machen. Die Fleischproduktion liefert nur 18 Prozent der weltweiten Nahrungsenergie, benötigt aber 83 Prozent der verfügbaren landwirtschaftlichen Fläche. Zudem ist es vornehmlich der Hunger, der Einzelne immer tiefer in ehemals unberührte Lebensräume treibt. Auch das begünstigt den Sprung von tierischen Infektionserregern auf den Menschen – mit dem Potenzial, weltweites Leid zu verursachen.

Ärzte in führender Rolle

Regionale und saisonale Lebensmittel also, überwiegend pflanzlich. Doch die nächsten Dürresommer kommen, das ist nicht mehr abwendbar. Steigen jedoch die Preise bei Ernteausfällen, können sich wesentliche Teile der Bevölkerung keine Frischkost leisten. Dann greifen sie wieder zur billigen, hochverarbeiteten Ware, die so klima- wie gesundheitsschädlich ist. Der Wandel muss auch sozial sein, um zu funktionieren. Wie Veränderungen vor Ort funktionieren, können Bürgerinitiativen besser herausfinden als allein die Politiker auf den großen Gipfeln. So wird auch der Einzelne mitgestaltender Teil dieser Transformation. Ärztinnen und Ärzte können in solchen Zusammenkünften eine führende Rolle einnehmen. Wo etwa können noch mehr Grünflächen entstehen, um die körperliche Aktivität und das psychische Wohlbefinden zu fördern sowie Hitzeinseln in den städtischen Betonwüsten einzudämmen? Schluss muss sein mit einer zu einseitigen Fokussierung auf CO2. Das führt zum Herumschachern mit Ablasspapieren. Ärztinnen und Ärzte wissen um die Komplexität von Organismen und Ökosystemen. Wir müssen uns wieder als Teil der Natur begreifen. An die Stelle von Ausbeutung muss die Frage treten, wie wir in Balance leben können.

HITZE-HILFE FÜR IHRE PATIENTEN
  • Kühle Duschen oder Fußbäder.
  • Beine, Arme, Gesicht und Nacken mit nassem Tuch oder mit Wasser aus einer Sprühflasche befeuchten, ohne abzutrocknen.
  • Stündlich ein Glas Wasser trinken. Das Durstgefühl setzt erst ein, wenn viel Flüssigkeit verloren wurde.
  • Empfohlene Getränke bei Hitze: Leitungswasser, Mineralwasser, gekühlter Kräutertee, Tee mit Minze und Zitrone. WICHTIG: nicht eiskalt trinken! Kaffee, stark gezuckerte und alkoholische Getränke meiden, sie entziehen dem Körper Flüssigkeit.
  • Sonnenschutzfolien auf den Fenstern reduzieren die Hitze in der Wohnung.
  • Nur frühmorgens und nachts lüften. Tagsüber sollten Fenster, Jalousien und Vorhänge geschlossen bleiben.
  • Eiweißreiche Nahrungsmittel wie Fleisch meiden. Sie erhöhen die Körperwärme.
  • Leichtes, frisches und kühles Essen.
  • Mehrere kleine Mahlzeiten am Tag mit hohem Wassergehalt wie Obst, Gemüse und Salat.
  • Ventilator und Fächer verwenden.
  • Nasse Tücher aufhängen. Wenn das Wasser verdunstet, wird die Luft gekühlt.
  • Elektrogeräte und Lampen ausschalten, sie geben Wärme ab.
  • Weite, leichte und helle Kleidung tragen, dunkle heizt den Körper mehr auf.
  • Im Freien vor allem den Kopf durch Sonnencreme, Sonnenbrille und eine Kopfbedeckung schützen, denn das Gehirn ist durch Überhitzung besonders gefährdet.
  • Körperliche Aktivität während der heißesten Tageszeit (etwa 11 bis 18 Uhr) und bei hohen Ozonbelastungen vermeiden.
  • Einkäufe oder Sport in die kühleren Morgen- und Abendstunden verlegen.
  • Bei Hitze nicht zu lange in einem parkenden Auto bleiben.
  • Beachten, dass manche Medikamente bei Hitze Probleme verursachen können, manche auch ihre Wirksamkeit verlieren und kühl gelagert werden müssen.

A&W für mehr Klimaschutz und Nachhaltigkeit

Die Klimakrise wirkt sich auf Ihre Patientinnen und Patienten aus. Hitzewellen verursachen Übersterblichkeit, tropische Erreger fassen in Deutschland Fuß, das Zerstören von Ökosystemen provoziert Zoonosen. Ein klimafreundliches und nachhaltiges Verhalten hilft der Umwelt und unterstützt die Gesundheit. Ärztinnen und Ärzte können hierzu einen wichtigen Beitrag leisten. Daher setzt A&W ab jetzt in jeder Ausgabe einen Schwerpunkt auf Klimaschutz und Nachhaltigkeit – von medizinischen Aspekten über nachhaltige Praxisführung bis hin zu grünen Finanzen. Den jeweiligen Beitrag erkennen Sie an unserem Logo „UND IN ZUKUNFT“.

Autorin: Deborah Weinbuch

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