Konflikte sind vorprogrammiert

Pflegeheime und Praxen: Finanzinvestoren greifen nach der Gesundheitsbranche

Das Geschäft von Finanzinvestoren in Deutschland boomt. Private-Equity-Gesellschaften (PE) haben 2017 insgesamt 274 Unternehmen übernommen – rund 30 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Immer stärker gerät dabei die Gesundheitsbranche in den Fokus.

Mit 274 Käufen wurde der höchste Wert seit dem Rekordjahr 2007 erreicht. Auch das Transaktionsvolumen lag mit bis zu 24,5 Milliarden Euro auf einem neuen Höchststand. Besonders aktiv waren Private-Equity-Gesellschaften 2017 in der Gesundheitsbranche. Das zeigt der aktuelle „Private Equity Monitor“, den Dr. Christoph Scheuplein vom Institut Arbeit und Technik (IAT), gefördert von der Hans-Böckler-Stiftung, erstellt hat.

Zwar fließt damit frisches Geld in den Bereich, allerdings hat das nicht nur positive Auswirkungen. Insbesondere für Beschäftigte und Arbeitnehmervertreter ist der Umgang mit den neuen Eigentümern oft nicht einfach. Der Einstieg von stark renditeorientierten Firmenhändlern könnte den Gesundheitssektor auch deshalb verändern, weil inzwischen auch kleine und mittlere Unternehmen ins Visier genommen werden.

Vermehrt Interesse an Pflegeheimen und Praxen

So macht die Zahl der Übernahmen inzwischen einen Anteil von 15 Prozent aus. Damit liegt die Gesundheitsbranche gleichauf mit der Software- und Internetbranche erstmals auf dem ersten Rang. Gemessen an der Zahl der Beschäftigten sogar unangefochten auf dem ersten Platz. Ausschlaggebend dafür war zum einen die Übernahme mehrerer großer Pflegeheimbetreiber. Zum anderen haben Investoren eine Reihe von Arztpraxen übernommen, mit dem Ziel, diese zu international aufgestellten Unternehmensgruppen zusammenschließen.

Das Aufkaufen kleinerer Betriebe und deren anschließende Zusammenlegung ist eine beliebte Strategie von Finanzinvestoren. Dass sie auch im deutschen Gesundheitssektor zum Einsatz kommt, ist durch regulatorische Veränderungen möglich geworden. Erst seit 2015 dürfen beispielsweise einzelne Zahnarztpraxen durch einen nicht-medizinischen Investor übernommen werden.

„Das rasante Größenwachstum der neuen Pflegekonzerne und Facharztketten macht deutlich, dass es hier um eine Neuordnung der Branchen- und Wertschöpfungsstrukturen geht“, schreibt Scheuplein. Bei dieser Entwicklung handele es sich um eine „neue Dimension der Privatisierung und Finanzialisierung von Einrichtungen der öffentlichen Daseinsvorsorge“. Wenn die Marktanteile in einigen Jahren neu verteilt sind, werde die Solidargemeinschaft mit neuen, handlungsstarken Akteuren konfrontiert sein. Die Leidtragenden könnten Patienten und Beschäftigte sein, warnt der Experte. „Es erscheint dringend erforderlich, den aktuellen Eingriff von Finanzinvestoren in den Gesundheitssektor wieder zu unterbinden.“

Weshalb es zu Problemen mit Investoren kommt

Private Beteiligungsgesellschaften gelten als besonders aktive Finanzinvestoren, ihr Geschäftsmodell besteht im Kaufen und Verkaufen von Unternehmen. Auffällig ist, dass sie 2017 verstärkt kleine und mittlere Unternehmen erwarben. Nur in zwei Fällen wurden Unternehmen mit mehr als 5.000 Beschäftigten aufgekauft, im Schnitt hatten die übernommen Firmen 340 Mitarbeiter.

Das Engagement von Private-Equity-Investoren ist häufig kurzfristig angelegt. Im Schnitt waren die Beteiligungsgesellschaften, die 2017 ein Unternehmen aus Deutschland verkauften, erst fünf Jahre zuvor eingestiegen. Ein Grund: Die Gesellschaften beschaffen Kapital überwiegend über Fonds, in denen institutionelle Investoren und vermögende Privatpersonen ihr Geld anlegen. Die Laufzeit dieser Fonds ist in der Regel begrenzt, in dieser Zeit muss eine möglichst hohe Rendite erzielt werden.

Aus Sicht der Investoren ergibt es Sinn, dabei den schnellen Erfolg zu suchen: durch die Veräußerung von Vermögenswerten, das Abstoßen von vermeintlichen Randbereichen, Outsourcing, Aufspaltung, Stellenabbau. Neue Produkte zu entwickeln oder Zukunftsmärkte zu erschließen, kommt laut Studie hingegen zu kurz. Und wenn ein Finanzinvestor nach wenigen Jahren aussteigt, stehe ein weiterer Eigentümerwechsel an – mit erneuten Veränderungen von Unternehmensstrategien, Geschäftsfeldern und Standorten. Die Beschäftigten erlebten diese Wechsel häufig als eine Zeit der jahrelangen Unsicherheit. Insbesondere, wenn der nächste Eigner wiederum ein Private-Equity-Fonds ist.

 

 

 

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