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Medizin ohne Müll? Fortschritte beim Recycling im Gesundheitswesen


Medizinmüll

Nirgendwo ist der Einsatz von Kunststoffen so gerechtfertigt wie im Gesundheitswesen. Und doch belasten weggeworfene Produkte die Umwelt. Hinzu kommt die Frage: Was passiert, wenn das Erdöl knapp wird?

Grafik: iStock/Ratsanai

Wenn das Gesundheitssystem von einem Stoff abhängig ist, dann ist es Kunststoff. Infusionsschläuche, Einwegspritzen, persönliche Schutzausrüstung – ein Praxisalltag ohne Plastik ist kaum denkbar. Leider geht dies mit immensen Müllbergen einher. Hoffnung macht deshalb die Vorstellung, dass bald auch in der Medizin mehr Kunststoffe recycelt werden könnten.

Derzeit arbeitet das österreichische Unternehmen OMV mit Sitz in Wien an der Technologie ReOil®. Ausgediente Kunststoffe sollen in synthetisches Rohöl umgewandelt werden. Daraus werden dann neue Kunststoffe gemacht. Auf diese Weise wird auch nichtsortenreinem Altplastik neues Leben eingehaucht, das bisher noch nicht recycelt werden kann.

Ansätze wie dieser lösen unter anderem das Problem des Peak Oil: Was tun wir, wenn das Erdöl versiegt? Der Vorteil für die Umwelt liegt auf der Hand. Denn der Kern des Medizin-Müllproblems liegt eben darin, dass vieles derzeit nicht recycelt werden kann.

Entsorgung und Recycling mitdenken

Bei Hygiene und Sterilität kann es keine Kompromisse geben. In dieser Hinsicht bieten Kunststoffe unschlagbare Vorteile. Sie sind sauber, günstig und leicht zu verarbeiten. Die Kehrseite: Plastik macht rund ein Viertel des anfallenden Mülls in Krankenhäusern aus. Das schätzt die gemeinnützige Organisation Practice Greenhealth (practicegreenhealth.org) in den USA. In Deutschland versucht die Initiative PraktischPlastik (www.praktischplastik.com) gangbare Wege für das Gesundheitswesen zu finden.

Wenn schon Plastik, dann sollte es leicht zu recyceln sein, so der Tenor. Gut wäre beispielsweise, wenn Hersteller von Kunststoffartikeln den Recyclingschritt gleich mitdenken würden. Zum einen ist nicht jeder Kunststoff recycelbar – und je mehr unterschiedliche Materialien enthalten sind, desto komplizierter wird es.

Corona-Müll bedeutet Millionen Tonnen nicht recycelbares Plastik

Krankenhäuser sind laut PraktischPlastik der fünftgrößte Müllproduzent in Deutschland. Pro Patient und Tag fallen demnach normalerweise 400 Gramm Plastik an. Die Corona-Pandemie hat das Problem verschärft. Eine Hochrechnung des Bunds für Umwelt und Naturschutz hat ergeben, dass aktuell allein in Baden-Württemberg 78 Tonnen Maskenmüll pro Tag anfallen könnten – sofern die privaten Träger ihre medizinischen Masken auch tatsächlich nach einmaligem Tragen entsorgen.

Recycelbar sind OP-Masken und FFP2-Masken nicht. Auch Einmalhandschuhe mit Gummi machen manchmal ganze Gelbe-Sack-Anlieferungen unbrauchbar für das Recycling, warnt der Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft (BDE). Die Handschuhe dürfen ebenfalls nur im Restmüll entsorgt werden, was vielen Privatnutzern nicht klar ist. Gleiches gilt für PoC-Antigentests (Corona-Schnelltests). Neben dem Kartonstreifen enthalten sie eine stark verdünnte, wasserschädliche Chemikalie. Weil diese austreten könnte, dürfen auch diese Plastikabfälle nicht recycelt werden.

Bis August 2021 waren weltweit bereits rund 8,4 Millionen Tonnen Plastikmüll durch die Pandemie angefallen. Das schätzen Forschende der Chinesischen Akademie der Wissenschaften. Vor allem das Leben in den Ozeanen ist dadurch gefährdet. Dort sind bereits rund 25.000 Tonnen des Corona-Plastikmülls gelandet, schreibt das Forscherteam im Proceedings der US-Nationalen Akademie der Wissenschaften (PNAS 2020).

Ein Teil des Mülls wird wieder an Strände gespült, wo er von Tieren gegessen werden kann. Durch einen Magen randvoll mit Müll verhungern sie. Vögel, aber auch Igel können sich zudem mit ihren Beinen in den Schnüren der Einwegmasken verheddern. Deshalb bitten Tierschützer darum, die Schnüre vor der Entsorgung der Masken durchzuschneiden. Laut Nabu (Naturschutzbund Deutschland e.V.) kostet Wegwerfplastik jedes Jahr bis zu 135.000 Meeressäugern und einer Million Meeresvögel das Leben.

Klimaschutz braucht intakte maritime Ökosysteme

90 Prozent der Abfälle im Ozean sinken auf den Meeresboden. Masken aus Polypropylen bauen sich dort nicht wirklich ab. Sie zerfallen durch das Salzwasser und die Reibung zu winzigen Partikeln. Dieses Mikroplastik wird dann von Fischen und anderen Lebewesen aufgenommen. So wird es auch Teil unserer Nahrungskette. Wie Forschen­de der Universität Marburg im PLOS One berichten, kann Mikroplastik Gefäßentzündungen auslösen.

Als Gesellschaft sollte es uns eine Priorität sein, Kunststoffprodukte im Gesundheitswesen recycelbarer zu machen. Wir benötigen hier dringend Lösungen für die Kreislaufwirtschaft. Technologien wie ReOil könnten einen Recyclinganteil bei Kunststoffen von bis zu 60 Prozent ermöglichen. Je mehr, desto besser. Die Ärzteschaft hat sich nun dankenswerterweise dem Klimaschutz verschrieben. Klar muss aber sein, dass dieser auch intakte Ökosysteme benötigt, insbesondere auch in den Weltmeeren. Unsere Ozeane sind die größte und wichtigste CO₂-Senke unseres Planeten. Um ihre Funktion auszuüben, müssen auch sie gesund sein.

Alternativen für schädliche Weichmacher finden

Die Kunststoffrevolution sollte darüber hinaus zum Anlass genommen werden, direkte gesundheitliche Belastungen wie etwa durch Polyvinylchlorid (PVC) anzugehen. PVC hat keimreduzierende Eigenschaften und ist einfach zu desinfizieren. Deshalb wird es trotz seiner Weichmacher im Gesundheitswesen intensiv genutzt. Das enthaltene Phthalat DEHP scheint jedoch unter anderem die neurokognitive Entwicklung junger Intensivpatienten zu beeinträchtigen. Das teilen Forschende der Katholischen Universität Löwen in Belgien mit. Es ist schon erstaunlich: DEHP darf in Kosmetika und Kinderspielzeug nicht eingesetzt werden, ebenso wenig in Verpackungen mit Lebensmittelkontakt. Doch bei Bluttransfusionen und Hämodialysen werden hohe Expositionen fraglos hingenommen. Gibt es tatsächlich keine Alternative oder wurde bislang zu wenig danach gesucht? Sehr hoch sind den Forschenden zufolge die DEHP-Konzentrationen bei künstlich beatmeten Patienten (ECMO).

Kleine Veränderungen summieren sich zu großen Effekten

Es gibt Aspekte, die nur im Großen gelöst werden können: durch wissenschaftliche, industrielle und gesamtgesellschaftliche Anstrengungen. Doch in der eigenen Praxis können kleine Verbesserungen oft schnell erzielt werden. Wie wäre es mit Nachfüllpackungen für Desinfektionsmittel? Oder einem Verzicht auf überflüssige Umverpackungen bereits verpackter Artikel wie Reinigungstücher? Sprechen Sie Ihre Lieferanten doch einmal darauf an. Ärztinnen und Ärzte können hier den entscheidenden Stein des Anstoßes geben.

Autorin: Deborah Weinbuch

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