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MVZ: Investoren auf Shopping-Tour


Mann im Anzug vor Aktienkursen

Häufige Übernahmen, abfließende Steuern und Sozialbeiträge – die Kritik reißt nicht ab. Vor allem muss ärztliches Handeln vor ökonomisch motivierten Einflussnahmen geschützt sein, stellte der 125. Ärztetag fest. Zum Schutz der Patienten gilt es, das Private-Equity-Treiben endlich genauer unter die Lupe zu nehmen.

Gesundheit als Cashcow? Die Zahl der Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) ist deutschlandweit auf über 4.000 angewachsen. 41 Prozent wurden laut der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) 2020 von Vertragsärzten und -ärztinnen gegründet. Doch Fondsgesellschaften und weitere Private-Equity-Gesellschaften drängen auf den Markt. Kein Wunder, schwärmte auch das Beratungsunternehmen McKinsey von „goldenen Gelegenheiten“.

Genaue Zahlen sind schwer zu greifen. Es fehlen Veröffentlichungspflichten, Konzernstrukturen sind oft vielschichtig. Der Buchautor Rainer Bobsin („Private Equity im Bereich der Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen in Deutschland“) sammelt aber seit Jahren akribisch Hinweise aus Wirtschaftsregistern und weiteren Quellen. Im Gesundheits- und Pflegebereich zählte Bobsin bis September 2021 bereits 71 Investoren, eine Momentaufnahme. „Es kommen ständig welche hinzu, während andere aussteigen“, erklärt er gegenüber ARZT & WIRTSCHAFT. Er hält MVZ grundsätzlich für eine sinnvolle Ergänzung der Versorgung, sofern das Management gut läuft. Bei Akteuren, die „kaufen, um zu verkaufen“, lohnt sich aber ein genauer Blick.

Akteure ohne fachlichen Bezug

Der Zufluss von Kapital kann die Versorgungsqualität verbessern, sagen Befürworter. Kritiker warnen, dass Investoren Rendite erwarten. Darauf folgt meist das Gegenargument, dass auch Einzelpraxen auf die Wirtschaftlichkeit achten. Doch zwischen Ökonomie und Kommerzialisierung besteht ein Unterschied. Erörtert wurde dieser schon auf der Tagung „Patientenversorgung unter Druck“ der Bundesärztekammer (BÄK) im Jahr 2018. Natürlich sind Ärztinnen und Ärzte der Wirtschaftlichkeit verpflichtet. Ein sparsamer Umgang mit Versichertengeldern ist solidarisch. Kommerzialisierung stellt jedoch die Erlöse in den Vordergrund.

Schnelle Wiederverkäufe

Eine Analyse des Abrechnungsverhaltens durch das IGES Institut zeigt, dass zumindest im zahnärztlichen Bereich die Kasse klingelt. Demnach rechneten Investoren-MVZ „nahezu durchgängig“ bei konservierend-chirurgischen Leistungen je Fall mindestens 14 Prozent mehr Punkte ab als Einzelpraxen. Den höheren Umsätzen würden Mengenausweitungen und Neuversorgungen im Zahnersatzbereich zugrunde liegen, so der Bericht. Darüber hinaus winkt allerdings vielfach die Steueroase. „Die Fonds haben (…) ihren rechtlichen Sitz fast vollständig in Offshore-Finanzzentren, das heißt insbesondere auf den beiden Kanalinseln Guernsey und Jersey, in Luxemburg und auf den Kaimaninseln“, erklärt Dr. Christoph Scheuplein in einer auf Bayern fokussierten Studie.

Einige Investoren steigen nur kurz in die Versorgung ein, mit dem Ziel eines möglichst schnellen, möglichst gewinnbringenden Wiederverkaufs. Im Pflegebereich wurden die Unternehmen Alloheim und die Deutsche Fachpflege Holding beide bereits zum zweiten Mal verkauft. Casa Reha und die DPUW Deutsche Pflege und Wohnen wurden schon zum dritten Mal verkauft. Secondary Buyout – so heißt es im Fachjargon, wenn Private-Equity-Investoren untereinander verkaufen. Laut Rainer Bobsin beträgt die durchschnittliche Haltedauer der Private-Equity-MVZ rund vier Jahre.

Cinderella-Papier für die Dividende

Die Logik des Marktes befeuert zudem Ungleichgewichte. Damit die MVZ mehr Gewinn abwerfen, plant etwa der Aktienkonzern Fresenius via seiner Tochter Helios eine Umstrukturierung. Rentable Fachbereiche wie die Radiologie, Urologie und Chirurgie sollen ausgebaut, weniger lukrative abgestoßen werden. So schreibt es der Konzern in seinem Strategiepapier Projekt Cinderella. Ziel sind 350 Millionen Euro Umsatz bis 2025 und zwölf Prozent Gewinn. Medizinethiker Dr. Florian Bruns kritisierte in der ARD-Sendung plusminus: „Das Kernproblem ist, wenn Gelder, die in den MVZ generiert und von den Beiträgen der Versicherten aufgebracht werden, plötzlich als Dividende aus dem System der solidarischen Gesundheitsversorgung abfließen.“

Patient ist kein Finanzobjekt

Angesiedelt sind Investoren-MVZ vor allem in Gebieten mit einer überdurchschnittlich einkommensstarken und jungen Bevölkerung. Nur 14 Prozent befinden sich auf dem Land. Zumindest auf den ersten Blick scheint die Versorgung strukturschwacher Gebiete nicht im Fokus der Investoren zu liegen. Der Trend geht zudem zu MVZ mit ausschließlich angestellten Ärzten, so ein Fazit des 3. Hamburger Versorgungsforschungstags der KV Hamburg. Je mehr sich aber das Verhältnis von Freiberuflichkeit und Anstellung in der ambulanten Versorgung verschiebt, desto mehr könnte das System der Selbstverwaltung infrage gestellt sein.

Bei der Value-based Healthcare geht es darum, den größten Nutzen mit dem geringsten Mitteleinsatz zu erzielen. Darauf wies Dr. Florian Gerheuser von der Uniklinik Augsburg im Deutschen Ärzteblatt hin. Nicht immer braucht es sofort eine Prozedur. Echte Ökonomie ist eben ein originärer Teil der ärztlichen Kunst.

Gesundheitsminister und Ärztetag fordern Regeln
Im Beschluss der Gesundheitsministerkonferenz (GMK) vom 04.11.2021 und 05.11.2021 wird eine Regulierung gefordert, um dem stetig wachsenden Versorgungsanteil investorengetragener MVZ zu begegnen. Dazu soll eine Kennzeichnungspflicht für Träger und Betreiber von MVZ inklusive Rechtsform auf dem Praxisschild gehören sowie die Schaffung eines Registers und/oder die Ausweitung der bestehenden Arztregister. Auch der 125. Deutsche Ärztetag 2021 forderte gesetzgeberische Maßnahmen. Im Sinne des Patientenschutzes sollten politisch Verantwortliche ärztlich verantwortungsvolles Handeln unterstützen und vor sachfremden Einflussnahmen schützen.
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