Rezeptpflichtige Arzneimittel

Rezeptpflicht in Deutschland: Schutz für Patienten oder die Pharma-Industrie?

Bei rezeptfrei erhältlichen Medikamenten verlassen sich Patienten auf den Apotheker oder informieren sich an anderer Stelle, bevor sie eine Entscheidung treffen. Die Wahl liegt in ihren Händen. Bei rezeptpflichtigen Arzneimitteln und Medizinprodukten bestimmt oftmals allein der Arzt – nicht nur den Wirkstoff, sondern auch den Hersteller. In der Vergangenheit fiel die Entscheidung vieler Mediziner immer wieder zugunsten teurerer Präparate aus.

Zum Wohle der Patienten, könnte der eine oder andere meinen. Kritiker sehen das jedoch anders, begreifen es als Beeinflussung der Ärzte durch die Pharma-Industrie, als Belastung für die Krankenkassen und damit letztendlich für den Patienten. Immerhin wandern Jahr für Jahr erhebliche Summen direkt von den pharmazeutischen Unternehmen an Ärzte und medizinische Einrichtungen. Nicht in Form von Bargeld in einem düsteren Hinterzimmer aber als Einladungen und Kostenübernahme bei Fortbildungen, Beratungen, Vorträgen und Tagungen sowie als Spenden, Stiftungen und durch Sponsoring.

Ist die Beeinflussung dadurch aber weniger gefährlich für Wirtschaft und Patienten?

Rezeptpflicht in Deutschland – Warum hat sie Bestand?

Die Rezeptpflicht ist eine Schutzmaßnahme für die Patienten. Sie soll verhindern, dass Medikamente falsch gewählt werden und zudem das Risiko unnötiger Nebenwirkungen reduzieren. Auch der Missbrauch von Arzneien soll damit verhindert werden.

An sich also eine gute Sache. Allerdings bietet die Rezeptpflicht auch eine Möglichkeit der indirekten Einflussnahme der Pharma-Unternehmen auf die Verschreibungen. Ärzte, die gerade eine bezahlte Fortbildung oder für sie kostenlose Tagungen (samt Übernachtung und Verköstigung) besucht haben, sind schließlich eher zu der Verschreibung von Präparaten geneigt, die von ihrem Wohltäter hergestellt werden – so scheint der Gedanke der betreffenden Unternehmen auszufallen.

Die Ergebnisse geben ihnen, wiederum dem Anschein nach, Recht. Standen Ärzte vor der Wahl zwischen zwei in den Wirkstoffen nahezu identischen Medikamenten, landete oftmals das preisintensivere Präparat eines namhaften Herstellers auf dem Rezept. Dabei ließen sich in Deutschland jährlich Einsparungen in Milliardenhöhe erzielen, würden stattdessen die günstigeren Generika verschrieben.

Hiergegen sollte mit verschiedenen Maßnahmen vorgegangen werden.

Aut idem – Wenn die Entscheidung bei Apotheke und Krankenkasse liegt

Die sogenannte Aut idem-Regelung („Oder ein Gleiches“) nahm die Entscheidung aus den Händen der Ärzte. Die Mediziner sollten lediglich den Wirkstoff verschreiben, der Apotheker dann – unter anderem nach den Vorgaben der Krankenkassen – das günstigste entsprechende Präparat auswählen.

Der erhoffte Erfolg stellte sich aber gleich aus mehreren Gründen nicht ein. Zum einen fühlten sich viele Patienten dadurch billig abgespeist. Darunter vor allem chronisch Kranke, die nun zugunsten der Krankenkassenkosten einen Wechsel zu einem günstigeren Präparat hinnehmen mussten und sich in der Folge beschwerten.

Zum anderen durch die Ärzte selbst, die die Aut idem-Regelung umgehen können, indem sie das betreffende Kästchen durchstreichen und so dennoch gezielt das teurere Wunschmedikament verschreiben. Das kann durchaus notwendig sein, beispielsweise wenn Generika durch Hilfsstoffe schlechter vertragen werden.

Das Resultat ist, dass im bundesweiten Durchschnitt jedes siebte Rezept von der Aut idem-Regelung ausgenommen ist. Spitzenreiter ist dabei Bremen. Hier wird das Kästchen bei einem Viertel der Verschreibungen durchgestrichen und dadurch nicht der Wirkstoff, sondern ein spezifisches Medikament verordnet. Positives Schlusslicht ist Bayern, indem das gerade einmal auf sieben Prozent der Rezepte zutrifft – die Arzneikosten fallen hier also geringer aus.

Einsparungen gab es hierdurch also tatsächlich, nur eben nicht in dem erhofften Maße.

Mehr Transparenz für geringere Ausgaben

Seit kurzer Zeit legen Pharma-Industrie und Ärzte offen, welche finanziellen Leistungen erfolgen beziehungsweise erhalten werden. Das soll für mehr Transparenz und einen kritischeren Umgang sorgen. Einer der Haken dabei: Die Angaben sind freiwillig.

Nur weil eine Institution oder ein Arzt in der Euros für Ärzte Liste der vom unabhängigen Correctiv durchgeführten Recherche nicht namentlich auftaucht, heißt das also noch lange nicht, dass keine Zuwendungen erhalten wurden. Bei der Auswertung der Angaben ergaben sich zudem Ungereimtheiten in Bezug auf die Beträge. Inwiefern diese Art der Transparenz nun zu einem kritischeren Umgang bei den Verschreibungen führt ist unklar.

MEZIS – Pharmakritische Ärzte

Die Abkürzung MEZIS steht für “Mein Essen zahle ich selbst”. Es handelt sich hierbei um eine Vereinigung pharmakritischer Ärzte, die die hohen Medikamentenkosten und die von Pharmafirmen ausgehende Einflussnahme kritisieren, versuchen diese transparenter zu machen und sie zu reduzieren.

Für Patienten ist die gemeinnützige Organisation interessant, da Mitglieder sich einfach über die MEZIS Datenbank finden lassen und so die Wahl eines „unbestechlichen Arztes“ vereinfachen.

Patentrechte und Patienten

Neue Medikamente erhalten ein Patent. Das heißt, dass das herstellende Unternehmen in Bezug auf dieses Präparat ein Monopol innehat. Kostengünstigere Generika können nicht zugelassen werden. Eigentlich verständlich. Immerhin hat das Pharma-Unternehmen Jahre der Forschung, Entwicklung und Testungen und damit entsprechende Gelder in das Medikament gesteckt. So zumindest der Idealfall.

Leider wird das Patentrecht oft ausgenutzt, indem Wirkstoffe minimal verändert werden, damit „besser“ aber vor allem „neu“ sein sollen, um wiederum patentiert und damit geschützt zu sein. Das hält die Preise hoch, belastet Krankenkassen und damit schließlich die Patienten, die immer höhere Beiträge entrichten müssen.

Das Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz sollte dies ab seiner Einführung im Jahr 2011 eigentlich verhindern. Bisher sind die dadurch erzielten Einsparungen aber eher überschaubar. Notfalls werden Medikamente einfach vom Markt genommen und auf die Behandlungen anderer Krankheiten ausgelegt – wenn sich der Verkauf aufgrund höherer Krankheitszahlen mehr lohnt.

Rezeptpflicht, teure Medikamente und die Angst der Ärzte

Insulin und Mittel gegen Hepatitis C belegen regelmäßig die Plätze der teuersten Medikamente im ohnehin teuren deutschen Gesundheitssystem. Insulin ist seit nahezu hundert Jahren auf dem Markt. Die Entwickler hatten das hehre Ziel, auf Patenteinnahmen zugunsten einer breitgefächerten und günstigen Versorgung zu verzichten. Die Pharma-Industrie nutzte das zu ihrem Vorteil. Das Resultat: Noch heute gibt es kein günstiges Generika Insulin.

Noch gravierender fallen die Preise bei neuen Hepatitis-Präparaten aus. Die vergleichsweise neu eingeführten Präparate Harvoni und Sovaldi versprechen hohe Erfolgsraten und ein niedrigeres Risiko für Nebenwirkungen. Verschrieben werden Sie trotzdem nicht von jedem Arzt, auch wenn der Patient von den Mitteln profitieren würde und sie eigentlich bräuchte.

Der Grund findet sich zum einen im Preis. Über 60.000 Euro kann eines der Medikamente pro Behandlung kosten, da der Hersteller den Preis bei der Markteinführung frei wählen konnte und davon rege Gebrauch machte. Zum anderen ist die Ursache in der mittlerweile herrschenden Angst der Ärzte begründet, Verträge mit Krankenkassen zu verlieren.

Das ließe nun die Vermutung zu, die Krankenkassen stünden der Heilung im Wege. Und sicherlich ist es Betroffenen gleichgültig, ob das zur Behandlung nötige Mittel 5 oder 50.000 Euro kostet – Hauptsache gesund. Diese Gleichgültigkeit hält aber nur so lange vor, wie die Kosten nicht selbst getragen werden müssen. Dann würde durchaus ein größeres Preisbewusstsein einsetzen.

Krankenkassen müssen dieses Bewusstsein schon längst an den Tag legen, denn irgendwann reichen Einsparungen an anderen Stellen einfach nicht mehr aus, um derartige Kosten zu decken. Nach und nach steigen dadurch die Beiträge der Versicherten. Letztendlich bleibt es also doch am Patienten kleben – auch wenn dieser vielleicht nie eine teure Behandlung in Anspruch nehmen muss.

Was dagegen helfen könnte sind eine bedachte Arztwahl, ein kritischer Umgang und das Nachfragen bei den Verschreibungen. Zudem ist die Pharmazie Industrie zwar schon längst ein Politikum, sollte aufgrund der komplexen Natur aber genauer kontrolliert und reguliert werden. Erreichbar könnte das durch Organisationen wie MEZIS sein und durch ein allgemeines Bewusstsein über die Problematik der freien Marktwirtschaftsprinzipien und Monopole bei Medikamenten.

 

 

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