Schmerzensgeld für Patienten

Berufshaftpflicht: Sichere Diagnose bei Vertretung wichtig

Niedergelassene Ärzte können bei einer falschen Befunderhebung in Haftung genommen werden. Das gilt auch und gerade bei Vertretungsfällen, bei denen die Patientengeschichte oft nicht so geläufig ist. Das OLG Hamm hat einer Patientin gerade 22.000 Euro Schmerzensgeld zugesprochen.

Die damals 58-jährige Patientin kam mit Beschwerden im unteren Rückenbereich und der linken Gesäßhälfte in die Praxis. Ihre Hausärztin wurde an diesem Tag von ­einer Kollegin vertreten. Die diagnostizierte Ischiasbeschwerden, verabreichte der Patientin eine Spritze und verordnete ein Schmerzmittel – doch kurz darauf eskalierte der Fall:

Ganze drei Tage später musste sich die Klägerin einer Notfall-OP wegen einer Gewebeentzündung unterziehen, nachdem bei ihr eine Entzündung des perirektalen und perianalen Fettgewebes mit Verdacht auf eine nekrotisierende Fasziitis diagnostiziert worden war. Dabei wurde der Patientin auch ein Teil des Schließmuskels entfernt. In den folgenden Wochen waren insgesamt fünf Nachoperationen erforderlich, wie das Oberlandesgericht (OLG) Hamm mitteilt.

Die Patientin war der Ansicht, von der vertretenden Ärztin unzureichend untersucht worden zu sein. Sie verlangte wegen der fortbestehenden Wundschmerzen, einer Stuhlinkontinenz sowie hierdurch bedingten psychischen Belastungen Schadensersatz, unter anderem ein Schmerzensgeld von 25.000 Euro. Das Landgericht Bochum hatte der Patientin mit deren Schadenersatzklage in erster Instanz bereits Recht gegeben. Das OLG Hamm entschied ebenfalls zugunsten der Patientin. Nach der Anhörung eines medizinischen Sachverständigen bestätigte der 26. Zivilsenat das bereits vom Landgericht zuerkannte Schmerzensgeld von 22.000 Euro.

Zur Begründung führten die Richter an, dass die beklagte Ärztin den Ursachen der ihr von der Patientin geschilderten Beschwerden nicht ausreichend nachgegangen sei. Deswegen hafte die Ärztin für einen Befunderhebungsfehler. Sie hätte durch Abtasten auch die Analregion der Patientin untersuchen müssen. Auf ihre Anfangsdiagnose hätte sie sich nicht verlassen dürfen, sondern stattdessen die Möglichkeit von Erkrankungen mit schwerwiegenden Folgen berücksichtigen müssen.

Gründlichere Untersuchung hätte Komplikation vermieden

Der angehörte medizinische Sachverständige habe bestätigt, dass eine Gewebeentzündung im Gesäßbereich feststellbar gewesen wäre, wenn die Beklagte eine weitere Untersuchung der Klägerin veranlasst hätte. Diese Entzündung stelle nach Ansicht des Gerichts einen reaktionspflichtigen Befund dar. Sie nicht zu behandeln, wäre grob fehlerhaft gewesen, so dass der vorangegangene Befunderhebungsfehler eine Beweislastumkehr hinsichtlich der weiteren Entwicklung rechtfertige. Deswegen sei – auch wenn ­eine Operation als solche nicht zu vermeiden gewesen sei – zu Gunsten der Klägerin davon auszugehen, dass die erste Opera­tion weniger schwerwiegend ausgefallen wäre, wenn sie drei Tage früher stattgefunden hätte. Möglicherweise wäre dann der Schließmuskel nicht beeinträchtigt und die Klägerin in vollem Umfang geheilt worden. Diese Verletzungsfolgen rechtfertigten das zuerkannte Schmerzensgeld. (26 U 173/13).

A&W-Kompakt
Besondere Sorgfalt bei Vertretung
Auch und gerade bei Vertretungen haften Ärzte für mögliche Befunderhebungs- und Therapiefehler. Deswegen sollten Ärztinnen und Ärzte bei der Diagnose besonders in Vertretungsfällen, bei denen auch die Gesamtanamnese des jeweiligen Patienten meist nicht im gleichen Umfang bekannt ist, bei der Diagnose äußerst sorgfältig sein. In einzelnen Akutfällen kann eine Überweisung ins Krankenhaus eine Alternative sein.

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