Gesundheitspolitik

Europäischer Gesundheitskongress in München: Mut zu großen Reformen gefordert

Nach zwei Tagen intensiver gesundheitspolitischer Diskussionen ist der Europäische Gesundheitskongress München zu Ende gegangen. Ob Krankenhausstrukturen, Digitalisierung oder Pflege: Über alle Themen hinweg wurden grundlegende Reformen gefordert.

Der diesjährige Europäische Gesundheitskongress München stand unter dem Motto „Der Beginn einer neuen Ära im Gesundheitswesen: robust, digital, patientendemokratisch“.  Ein „Weiter so“ ist keine Option mehr, da waren sich alle Referenten einig. Von der nächsten Regierung wurde mehr Mut zu großen Reformen gefordert.

Gesundheitswesen neu justieren

Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek appelliert in der Eröffnungsveranstaltung, das Gesundheitswesen neu zu justieren. Die Politik dürfe nicht weiter in Trippelschritten vorangehen, so der CSU-Politiker. So sei etwa bei der Digitalisierung eine fundamentale Diskussion nötig, unter anderem über den Umgang mit den Gesundheitsdaten. „Es kann nicht sein, dass die Amazons und Googles dieser Welt sich zu großen Gesundheitsunternehmen und Forschern entwickeln und wir nur noch hinterherlaufen“, kritisierte er. Holetschek plädierte für eine neue Balance zwischen dem Datenschutz und der Nutzung der Gesundheitsdaten. Es müsse klar sein, dass „diese Daten ein ganz wichtiger Bestandteil sind, wenn wir vorne dabei sein wollen.“

Datenschutz auf dem Altar der Technologie geopfert

Prof. Dr. Jörg Debatin, Leiter des Health Innovation Hub des Bundesgesundheitsministeriums, mahnte an, den deutschen Datenschutz nicht zu bereitwillig „auf dem Altar der Technologie“ zu opfern. „Ich glaube, dass die Werte, die unserem Datenschutzverständnis zugrundeliegen, etwas sind, was uns als Europäer in positiver Weise von den Chinesen oder Amerikanern abhebt“, sagte er. Vielmehr sollte man Lösungen finden, wie man moderne Technologien nutzen und modifizieren kann, um diese Werte zu erhalten.

Andererseits warnte Debatin davor, große Player wie Amazon und Google zu verteufeln. „Wenn wir nicht eine unternehmerische Infrastruktur in Deutschland zur Verfügung stellen, die unseren Werten und unserem Rechtsverständnis entspricht, werden wir in ganz vielen Bereichen den Anschluss an die Welt verlieren“, sagte er. „Wir brauchen die großen Player aus Übersee und wir brauchen auch eigene große Player.“ Sonst drohe Selbstverzwergung.

Schweden stimmen Erfassung von Gesundheitsdaten zu

Doch auch innerhalb Europas hat der Datenschutz unterschiedlichen Stellenwert. So berichtete Dr. Nils Anders Tegnell, Staatsepidemiologe der schwedischen Behörde für öffentliche Gesundheit, von einer großen Zustimmung der Bevölkerung bezüglich der Erfassung von Gesundheitsdaten, etwa beim Impfregister. Schwedens Impfregister ist zentral organisiert, zum großen Teil digitalisiert und erlaubt, Nebenwirkungen und Wirksamkeit von Impfungen zu erforschen. Außerdem können Daten von verschiedenen Stellen zusammenführen werden. „Es gab nicht nur keinen Widerstand aus der Bevölkerung bei der Erfassung von Corona-Impfungen“, berichtete Tegnell. Die Menschen hätten sogar eine noch größere Transparenz gefordert und seien bereit gewesen, noch mehr Daten erfassen zu lassen.

Auch wenn Österreich ein ähnliches Datenschutzverständnis pflegt wie Deutschland, entschied man sich jedoch etwa bei der elektronischen Patientenakte – anders als hierzulande – für ein Opt-Out-Modell, wie Dr. Winfried Pinggera, Generaldirektor der österreichischen Pensionsversicherungsanstalt berichtete. „Ich glaube, Patienten sind mündig genug für ein Opt-Out-Modell“, betonte er. Das Ergebnis: Während in Deutschland gerade einmal 0,2 Prozent der gesetzlichen Versicherten die elektronische Patientenakte nutzen, haben nach Angaben von Pinggera nur rund drei Prozent der Österreicher die Opt-Out-Karte gezogen.

Europäischer Gesundheitskongress

Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek appelliert in der Eröffnungsveranstaltung, das Gesundheitswesen neu zu justieren.

Strukturelle Reformen im Krankenhausbereich gefordert

Auch im Krankenhausbereich seien grundlegende strukturelle Reformen notwendig. Darüber herrschte unter den Kongressteilnehmern große Einigkeit. Darüber, wie die Krankenhauslandschaft künftig aussehen sollte, gingen die Meinungen naturgemäß auseinander. Prof. Dr. Jens Scholz, Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein und 1. Vorsitzender des Verbands der Universitätsklinika Deutschlands e.V., plädierte etwa für eine Auflösung der Sektorengrenzen: „Es kann nicht sein, dass die Krankenhäuser davon abhängig sind, dass die Kassenärztliche Vereinigung erlaubt, einen Patienten ambulant zu behandeln“. Angesichts des Ärztemangels, der besonders den ländlichen Raum treffe, seien „Krankenhäuser gefragt“, sagte er.

„Wir brauchen bundeseinheitliche Vorgaben für eine gestufte Krankenhausplanung“, forderte Scholz. „Deswegen brauchen wir Leitplanken, die zu einer gestuften Krankenhausplanung führen, klare Rollen und Aufgabenzuordnung für Krankenhäuser in einer Region“. Unikliniken sieht er dabei in einer Dirigentenfunktion.

Die Kongressleiterin und Geschäftsführerin von WISO S. E. Consulting GmbH Claudia Küng zeigte sich zufrieden mit dem Verlauf der hybrid durchgeführten Veranstaltung. „In 18 Monaten Corona-Distanz ist so viel Bedarf an Austausch angewachsen, dass dieser Kongress in Präsenz dringend nötig war“, lautet ihr Fazit. Die Gespräche seien dadurch intensiver und von einer besonderen Freude und Herzlichkeit geprägt. „Der Kongressspirit ist klar gewesen: Lasst uns die Erfahrungen aus der Krise nutzen unser Gesundheitswesen zu verbessern“, führt Küng aus. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Der nächste Europäische Gesundheitskongress München findet am 6. und 7. Oktober 2022 statt.

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