Fluch und Segen zugleich

Unerwarteter Reichtum: Wie man den Wandel in 3 Phasen bewältigt

Ob Erben, Beschenkte, Unternehmer, Lottogewinner: Unerwarteter Reichtum bedeutet nicht immer nur Freude. Denn es vollzieht sich nicht nur auf dem Konto ein Wandel, sondern auch in Ihrem Leben. Wie man die eigene Finanzkompetenz stärkt und lernt notwendige Entscheidungen zu treffen, erklärt der zertifizierte Finanzplaner Markus Weywara.

Diagnosen: Affluenza und das Sudden Money Syndrom

Die Ärzte unter Ihnen können das leider noch nicht als ICD-Diagnose abrechnen, aber es gibt in der Tat zwei unter Psychologen und Psychosomatikern bekannte Begriffe, die mit plötzlichem Reichtum und seinen Folgen einhergehen:   „Affluenza“ – seit 1954 genutzt als Kunstwort aus Affluence (Reichtum) und Influenza (Grippe), beschreibt insbesondere die mit einem Konsumrausch einhergehenden Zwänge und Folgen („Wohlstandskrankheit). Und  das „Sudden Wealth Syndrom“. Darunter verstehen Therapeuten den Stress, der den Betroffenen und sein soziales Umfeld bei plötzlichem Reichtum mit diesen typischen Symptomen beeinträchtigt:

  • Abspaltung von bisherigen familiären und freundschaftlichen Bindungen bis in die soziale Isolation durch die notwendige Diskretion und das Gefühl, nun „anders“ zu sein.
  • Je nach Sozialisation bedeutet die Entwicklung „von Null zum Kapitalisten“ auch einen Paradigmenwandelt für den/die Betroffene(n).
  • Schockstarre bei Geldanlage und Ausgabeverhalten („bloß keine Fehler machen“); die neuen Freiheitsgrade der Entscheidungen belasten in Form der „Qual der Wahl“. Wenn Ihr erstes „Aktienerlebnis mit der Telekom-Aktie“ im Desaster endete, ist das zwar ein prägendes Ereignis, aber für Ihre neue Situation mit einer professionellen Unterstützung nicht relevant.
  • Falls der neue Reichtum bekannt geworden ist: Ständige Abwehr von „Bettlern“.
  • Gefühl, diesen Reichtum nicht verdient zu haben – „es passt gar nicht zu mir“.
  • Sucht, die aktuellen Börsenkurse in Echtzeit zu verfolgen und die eigene Tagesform davon abhängig zu machen.
  • Verlustängste um den neuen Besitz und damit neu auftretende Existenzängste – alles ist aus dem bisherigen Gleichgewicht.
  • Überforderung durch organisatorischen Aufwand, z.B. bei der Gründung und Verwaltung der eigenen Stiftung. Aus hehren Visionen wird ein aufzehrendes Tagesgeschäft. Und alle Nichtbetroffenen sagen nun „Deine Sorgen möchte ich haben“…
  • Lebensübergänge finden nicht in Monaten, sondern in Jahreszeiträumen statt; mit der Ungeduld tritt häufig eine Selbstüberforderung und damit das Gefühl auf, nicht zu genügen.

Die größten Fehler – unterschiedliche Anlässe induzieren verschiedene Situationen:

Anlass Erbschaft/Schenkung

Der Unterschied der beiden Situationen ist, dass ein Schenker nicht nur Hilfe, sondern auch Zweckbindung aber auch Einmischung bedeuten kann.

Bei Vermögen in Form von Unternehmen stellt sich zusätzlich die Frage, ob Sie auch unternehmerisch gestaltend tätig werden wollen, können oder sogar müssen. Prominentes Beispiel ist Fürstin Gloria von Thurn und Taxis, welche als sehr junge Witwe aus dem Stand ein komplexes Familienvermögen für ihre noch minderjährigen Kinder steuern musste. Ein krasser Wandel vom IT-Girl des Jet-Set ohne jegliche Finanz- und Managementerfahrung.

Selbst wenn der Vermögensübergang „mit Ansage“ und Vorbereitungsphase erfolgt, ändert sich die Befindlichkeit bei Vollzug schlagartig und führt zu weniger Besitz am Ende als am Anfang über folgende Verhaltensweisen:

  • Flucht in den Konsum (auch mit „Spendierhosen“ für andere) statt den (mühsamen) Weg zu eigener finanzieller Grundkompetenz auf sich zu nehmen.
  • Das andere Extrem: reflexartige Befreiungsversuche mittels wahlloser sozialer Großspenden ohne finanzielle Planung für die eigenen Bedürfnisse

Anlass Scheidung/Trennung sowie Witwen/Witwer (waren schon vorher Vermögensinhaber), aber auch Heirat (neue Teilverantwortlichkeit)

Hier sind vor allem die Personen betroffen, welche sich bislang wenig bis überhaupt nicht mit Geldangelegenheiten auseinandergesetzt haben, weil dies der Partner machte. Wenn Sie schon bisher kein Naturtalent in Wandel und Veränderung waren, macht Sie die der neue Reichtum nicht unbedingt zum „Changer“.

Häufige Fehler: Kein eigenes Interesse entwickeln und gleichzeitig unvorsichtig Berater auswählen, Fortführung der bisherigen Geldanlagestrategie bei veränderten Rahmenbedingungen.

Anlass Verkauf eines Unternehmens (auch Anteil, Abfindung etc.)

Nicht jeder Unternehmer hat sich zwangsweise mit der Steuerung eines großen Privatvermögens auseinandergesetzt. Bei Inhabern, welche nicht für die Finanzen verantwortlich waren, kann hier Beratungsbedarf entstehen, wenn bislang alles in den Unternehmensaufbau gesteckt wurde.

Typisch dafür: Exit-Szenarien von Startups, also vom Nerd direkt zum Frührentner.

Häufige Fehler: Nichtstun, wie bisher. Dadurch fehlende Diversifizierung in Anlageklassen, Geopolitik sowie keine steuerliche Optimierung und Risikosteuerung.

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Markus Weywara

Markus Weywara

Herr Weywara hat sich nach seinem Studium zum Wirtschaftsingenieur mit zwei Aufbaustudiengängen zum Certified Financial Planner (CFP®) und Certified Foundation and Estate Planner (CFEP®) in der Beratung von Heilberufen und vermögenden Privatkunden spezialisiert.

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Author's imageJürgen VeitLeiter Kommunikation D-A-CH bei CompuGroup Medical Deutschland AG

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