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Studie: Wie Ärzte und Patienten das Gesundheitswesen sehen


Grafik Studie zur Gesundheitsversorgung

Eine Umfrage von laub & partner zeigt die aktuellen Herausforderungen im Gesundheitswesen. Neben Personalmangel gehören auch mangelnde Kommunikation und schlecht informierte Patienten dazu.

Um die Situation der Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum zu beleuchten, führte die Hamburger Kommunikationsberatung laub & partner zwischen September 2019 und Mai 2020 eine qualitative Studie durch. Dafür wurden im Kreis Olpe insgesamt 52 Interviews mit niedergelassenen und angestellten Ärzten, Apothekern, Gesundheitspolitikern, Patienten, Pflegern und Rettungsdienstlern sowie Vertretern der Kassenärztlichen Vereinigung durchgeführt.

Mentalitätswandel erfordert zusätzliche Ressourcen

Die Ergebnisse bestätigen Trends, die sich bereits bei anderen Umfragen abgezeichnet haben. Die junge Arztgeneration sucht neben der beruflichen Verwirklichung zunehmend auch den Ausgleich im Privaten. Auf eine gute Work-Life-Balance wird Wert gelegt. Insbesondere der Trend zur Teilzeit dürfte dazu führen, dass der Personalbedarf in der medizinischen Versorgung weiter ansteigen wird.

Zugleich zeigt die Umfrage, dass die Generation der älteren Standesangehörigen zu einer Mentalität der Aufopferung neigt. Die Älteren zeigen Bereitschaft zu  Überstunden und Verfügbarkeit – und zwar deutlich über das normale zeitliche Maß hinaus. Ein Verhalten, dass das Gesundheitssystem lange aufrecht erhalten hat. Damit dürfte es mit der neuen Ärztegeneration aber vorbei sein.

Kommunikation zwischen den Stellen weiterhin problematisch

Die Interviews zeigen außerdem, dass die Kommunikation zwischen den einzelnen Stellen im Gesundheitswesen weiterhin stark verbesserungswürdig ist. So fehlt es laut Mehrheit der Befragten noch immer an klaren Strukturen bei der Abstimmung zwischen Arzt, Krankenhaus und Apotheke, so dass ein aus dem Krankenhaus entlassener Patient nicht uneingeschränkt sicher sein kann, dass alle relevanten Informationen zum rechten Zeitpunkt bei den beteiligten Fachleuten vorliegen.

Patienten nicht ausreichend informiert

Patienten fühlen sich ebenfalls schlecht informiert. Das zeigt sich beispielhaft an der Verunsicherung rund um die Verwendung der Servicerufnummern 112 und 116 117. Trotz groß angelegter Informationskampagne weiß der Großteil der Bevölkerung nicht, in welchem Falle welche Nummer angerufen werden muss. Das betrifft oftmals auch fachlich vorgebildete Systemteilnehmer. Dass aktuell Rettungssanitäter alarmiert werden, um Bagatellen zu behandeln, ist ein Ergebnis dieser verfehlten Informationen.Gleichzeitig erwiesen sich Änderungen der Regularien z. B. beim Besuch von Krankenhäusern während der Corona-Zeit als gut vermittelt. Angesichts der allgemeinen Lage verstand die Mehrheit die Notwendigkeit von Besuchseinschränkungen.

Stärkung der Lotsenfunktion des Hausarztes

Besonders schwer haben es derzeit Hausärzte. Ihre Rolle wird zunehmend in Frage gestellt. Der Hausarzt soll die erste Anlaufstelle für den Patienten sein und anhand seiner Anamnese und der Diagnosen beurteilen, welche medizinischen Behandlungen sinnvoll sind und welche Spezialisten ggf. hinzugezogen werden müssen. Die Realität sieht oftmals aber ganz anders aus.

Der heutige Patient befragt häufig als erstes „Dr. Google“ und weiß anschließend scheinbar selbst am besten, was er hat und was er wann und von wem benötigt. Der „individuelle“ Patient sucht sich seinen eigenen (ihm passenden) Weg und lehnt die Empfehlung der behandelnden Ärzte häufig ab. Das Ergebnis führt weder zu gesünderen Patienten noch zu kontrollierten Kosten. Die Rolle des Hausarztes als Navigator und Lotse muss daher wieder gestärkt werden, so die Analyse.

Mediziner als Unternehmer ernst nehmen

Key-Player für die Sicherstellung der zukünftigen hausärztlichen Versorgung sind unternehmerische Ärzte. Ihre Praxen sind als KMUs (Kleine und mittlere Unternehmen) zu betrachten und entsprechend zu fördern. Nicht die Form bzw. Benennung dieser ärztlichen Unternehmen (MVZ, Gemanagtes Ärztehaus, „Gesundheitscampus“ etc.) ist dabei entscheidend, sondern die Struktur: Ärzte vertrauen anderen Ärzten als Arbeitgeber und Führungskraft eher als „Managern“ und Betriebswirten. Unternehmerische Ärzte sind selbst erfolgreich bei der Rekrutierung ihres Personals. Solche Key-Player systematisch zu suchen und umfänglich zu unterstützen, wird eine Hauptaufgabe bei der Problemlösung sein.

Die Studie zeigt allerdings auf, dass Städte und Kommunen bisher überhaupt nicht darauf vorbereitet sind, die Ansprüche der unternehmerisch denkende Mediziner zu bedienen.

Attraktivität medizinischer Berufe

Die Attraktivität medizinischer Berufe hängt für die Mehrheit der Interviewten von der Ausgestaltung der Arbeitsbedingungen ab. Insbesondere Zeit für die Kommunikation und Hinwendung zu den Patienten spielt für die empfundene Arbeitsqualität und Zufriedenheit eine entscheidende Rolle. Nahezu alle Interviewpartner vermitteln ihren Unmut darüber, dass in der aktuellen Konzeption zu wenig Zeit für die menschliche Seite des Berufes verbliebe. Dabei sind sich alle einig, dass ein Gutteil der Genesung und Heilung von Patienten neben Arzneimitteln und Technologie durch die menschliche Zuwendung, Aufmerksamkeit und Empathie erreicht wird. Dieser Erkenntnis stehen aber getaktete Behandlungszeiten, Abrechnungssätze und Dokumentationspflichten entgegen. Viele Gesprächspartner gaben an, mehr Zeit für die Dokumentation einzusetzen als für die Behandlung und den Austausch mit den Patienten oder deren Angehörigen.

Neben dem Generationenwechsel belasten auch die Arbeitsbedingungen den Arbeitsmarkt für Gesundheitsberufe.

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