Unerwarteter Boom

Videosprechstunden: Raus aus der Nische, rein in den Praxisalltag

Berufsrechtlich umstritten und irgendwie unsexy. Lange fristeten Videosprechstunden in Deutschland ein Nischendasein. Dann kam SARS-CoV-2. Die Pandemie veränderte die Dinge grundlegend – und wohl auch nachhaltig, wie eine aktuelle Studie zeigt.

Wie steht es in Zeiten von Covid-19 um „Ärzte im Zukunftsmarkt Gesundheit 2020“? Die gleichnamige deutschlandweite Befragung von 2240 ambulant tätigen Ärzten und Psychotherapeuten durch die Stiftung Gesundheit in Zusammenarbeit mit dem health innovation hub gibt darauf eine eindeutige Antwort. Es scheint, als habe die Pandemie maßgeblich dazu beigetragen, die im Berufsstand lange vorherrschende Skepsis gegenüber Videosprechstunden zu zerstreuen.

Laut der Studie boten im Mai 2020 bereits 52,3 Prozent der Befragten ihren Patienten Videosprechstunden an, weitere zehn Prozent beabsichtigen, dies in Kürze zu tun. Im Vergleich zu einer Befragung aus dem Jahr 2017 ist der Anteil der Nutzer damit deutlich gestiegen. Damals lehnten 57,7 Prozent der Befragten die Videosprechstunde noch strikt ab, nur 1,8 Prozent der befragten Ärzte boten sie an, 2,7 Prozent hatten dies vor.

Junge Kollegen setzen besonders häufig auf moderne Technik

Wie attraktiv die Telemedizin für niedergelassene Ärztinnen und Ärzte ist, variiert allerdings je nach Alter stark. In der Gruppe der unter 40-Jährigen boten im Mai 2020 stolze 80 Prozent Videosprechstunden an, nur ein Fünftel lehnte sie ab. Bei den 41- bis 60-Jährigen äußerte sich noch ein Drittel der Befragten ablehnend gegenüber dieser Methode, bei den über 60-Jährigen waren es sogar 43 Prozent. Unterschiede zeigen sich auch zwischen Ärzten in Praxen und in MVZ. Die zweite Gruppe setzt Videosprechstunden deutlich seltener ein.

Auch auf dem Land ist Telemedizin im Kommen

Aktuell ist der Anteil der Niedergelassenen, die Videosprechstunden anbieten, in Städten zwar noch am höchsten. Allerdings holen die ländlichen Regionen spürbar auf, so dass die Diskrepanz auf absehbare Zeit verschwinden dürfte. Denn auch das ist ein Ergebnis der Studie: Der aktuelle Boom der Telemedizin ist nicht nur ein pandemiebedingtes Strohfeuer. Die Videosprechstunde wird sich aller Voraussicht nach als fester Bestandteil der etablieren. Und zwar dauerhaft.

Die Antworten legen jedenfalls nahe, dass die Berufsträger mit einem nachhaltigen Effekt rechnen. Rund drei Viertel der Befragten gehen davon aus, dass künftig bis zu 20 Prozent der Sprechstundenzeit per Video erfolgen wird, nur 18 Prozent glauben, dass dieses Modell keine Rolle spielen wird.

Als Grund für ihre Haltung geben 43,5 Prozent der Kritiker an, dass sie die Videosprechstunde für keine gute Form der Arzt-Patienten-Interaktion halten. Den organisatorischen und rechtlichen Aufwand nennen 24 Prozent. 21 Prozent führen aus, dass sie sich mit der Technik noch nicht auseinandergesetzt haben. Kostengesichtspunkte führen 16,9 Prozent an, Vertraulichkeit und Datenschutzgründe spielen für elf Prozent eine Rolle.

Den Link zur Studie finden Sie hier: https://www.stiftung-gesundheit.de/pdf/studien/aerzte-im-zukunftsmarkt-gesundheit_2020.pdf

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