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Warum das Gesundheitswesen nicht effizienter werden muss


Virchowbund

Das kommerzialisierte Gesundheitssystem erhöht den Druck auf Ärztinnen und Ärzte immer mehr. Wo professionelle Investoren MVZ, Kliniken und Arztpraxen kaufen, müssen Ärzte Rendite erwirtschaften, anstatt Patienten optimal zu versorgen. Das System fußt auf einem Denkfehler.

„Wir verheizen unsere Ärzte und verschachern die Zukunft der jungen Ärzte-Generationen.“ So drastisch beschrieb der Medizinmanagement-Professor Dr. med. Marcus Siebolds die Folgen von immer mehr Effizienz- und Kostendruck im Gesundheitswesen bei seinem Vortrag während der Bundeshauptversammlung des Virchowbundes am 14. Oktober in Berlin.

Die Arbeitsbedingungen für Ärzte heute sind immer schwerer zu ertragen. Grundsätzlich pendeln Ärzte in einer komplizierten Dreiecksbeziehung zwischen ihrem ärztlichen Ethos, den Erwartungen der Patienten und wirtschaftlichen Abwägungen.

Verschärft wird diese Spannung durch die Kommerzialisierung des Gesundheitswesens hin zur Gesundheitswirtschaft. Aktuell u. a. durch Private-Equity-Investoren, die Arztpraxen aufkaufen und für ihre Investition natürlich Gewinne erwarten (mehr dazu hier). Dadurch wird die Arztpraxis zur betriebswirtschaftlichen Organisation und Ärzte sind als Vertragspartner der Investoren dazu verpflichtet, hohe Gewinne und Rendite zu erwirtschaften.

Gefährliche „gerade-noch“-Versorgung

Mediziner leisten das, was Siebolds „grenzrisiken-nahe Versorgung“ nennt: Sie müssen Patienten nach dem Gerade-noch-Prinzip behandeln – so, dass es gesellschaftlichen Ansprüchen gerade noch genügt und so, dass es unternehmerisch und medizin-rechtlich gerade noch legal ist. Je stärker der Rendite-Druck wird, desto kleiner wird auch das Handlungsfeld für Ärzte, in dem sie die widersprüchlichen Erwartungen austarieren müssen.
Was die grenzrisiken-nahe Versorgung für Ärzte in Kliniken und Praxen bedeutet, zeigte Siebolds bei seinem Vortrag im Rahmen der Bundeshauptversammlung des Virchowbundes (das Video zum Vortrag finden Sie hier).

Aufhorchen ließ der Wissenschaftler aber mit der These, wie das Dilemma zu lösen ist.

Ein Denkstil ist keine Ideologie

Heute wird das kommerzialisierte Gesundheitssystem in seinen Grundfesten nicht angezweifelt. Stattdessen herrscht der kollektive Glaube, dass es so sein müsse. Das System an sich wird nicht hinterfragt, denn es scheint alternativlos. Diese Überzeugung hat sich schleichend in einen sogenannten „Denkstil“ verfestigt. Wie das geschehen konnte, erklärt Prof. Dr. Siebolds im Video.

Fatalerweise kommt der Denkstil einem Brett vor dem Kopf gleich: Er hält davon ab, kreativ zu denken und auf Ideen zu kommen, die außerhalb des etablierten Systems liegen. Veränderungen im Gesundheitssystem bedeuten heute stets an Stellschrauben zu drehen, die das System „betriebswirtschaftliche Effizienz“ bereithält.

Dabei ist der Denkstil geschmeidiger als eine Ideologie. Die Ideologie gibt vor, den wahren Weg zu kennen und opponiert gegen den falschen Weg. Der Denkstil dagegen führt dazu zu glauben, dass es ohnehin nur einen einzigen Weg gibt, egal ob dieser gut oder schlecht ist. Wer dem Denkstil anhaftet, ergibt sich der gefühlten Alternativlosigkeit.

Alternativen existieren

Einen einmal etablierten Denkstil zu ändern, hält Siebolds für extrem schwer. „Es muss eigentlich alles zu spät sein, damit der Denkstil geändert werden kann“, erklärte er in der Diskussion, die auf seinen Vortrag beim Virchowbund folgte.

Ganz aussichtslos ist es jedoch nicht. Bei der Veranstaltung des Virchowbundes waren schließlich auch Ärztinnen und Ärzte im Deutschen Bundestag anwesend. Mit ihnen tauschte der Verband Ideen aus, wie das Gesundheitssystem auf die Bedürfnisse von Patienten, Pflegenden und Ärzten ausgerichtet werden kann anstatt auf betriebswirtschaftliche Effizienz.

Ein Schlüssel, um allen Ansprüchen gerecht zu werden, ist die Freiberuflichkeit. Sie sichert Ärztinnen und Ärzten gleichzeitig Freiheit und Verantwortung dafür, wie sie ihr Wissen anwenden und Behandlungen durchführen. Freiberuflichkeit genießen alle Ärzte – egal, ob angestellt oder selbstständig.

Prof. Dr. Marcus Siebolds hat einen Lehrstuhl für das Fach Medizin/Medizinmanagement am Fachbereich Gesundheitswesen der Katholischen Hochschulen Nordrhein-Westfalen. Er hat Medizin, Völkerkunde und Philosophie studiert. Dieser Beitrag basiert auf einem Vortrag anlässlich der Bundeshauptversammlung des Virchowbundes am 14.10.2022 in Berlin.

Der Verband der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte (Virchowbund), kämpft dafür, die Budgetierung zu beenden, die ärztliche Selbstverwaltung zu stärken und die Freiberuflichkeit zu erhalten. Außerdem unterstützt der Virchowbund Praxisinhaber und MFA konkret beim Praxismanagement und mit persönlicher Rechtsberatung. Jetzt alle Verbands-Services kennenlernen.