Behandlungsstandards beachten

Wissenslücken schützen Ärzte nicht vor Haftung

Ärzte sind verpflichtet, sich über die aktuellen fachspezifischen Entwicklungen auf dem Laufenden zu halten und bestimmte Sorgfaltspflichten zu erfüllen. Wer das nicht ernst nimmt, muss schlimmstenfalls mit juristischen Folgen rechnen.

Unkenntnis schützt vor Strafe nicht: Diese alte juristische Weisheit gilt auch für die Tätigkeit des niedergelassenen Arztes. Das heißt konkret: Ärzte haften, wenn sie Fehler machen, und zwar auch dann, wenn sie es nachweislich nicht besser wussten. Es kommt nämlich vor allem darauf an, ob sie es hätten wissen müssen beziehungsweise können.

Zwar greift im deutschen Deliktsrecht zunächst der Grundsatz, dass derjenige, der einen Schaden verursacht hat, diesen nur ersetzen muss, wenn ihn für das Fehlverhalten auch eine rechtliche Schuld trifft. Im Bereich des Arzthaftungsrechts gelten dabei allerdings noch besondere Regeln: So wird bei der Ermittlung der persönlichen Schuld ein sogenannter verobjektivierter Standard, genauer der Facharztstandard, zugrunde gelegt. In Haftungsprozessen prüfen die Gerichte also, wie ein besonnener und gewissenhafter Arzt des jeweiligen Fachgebiets im entsprechenden Fall agiert hätte. Ausgangsbasis ist hierbei somit immer eine idealtypische Behandlungssituation.

Individuelle Besonderheiten des Arztes lassen die Juristen hingegen meist unberücksichtigt. Ein besonders hoher Stresslevel zum Zeitpunkt der Behandlung, mangelnde Erfahrung oder unverschuldete Personalengpässe in der Praxis entlasten den Arzt beispielsweise nicht. Ein Berufsanfänger muss im Grunde demselben Sorgfaltsmaßstab genügen wie ein „alter Hase“. Wenn er aus subjektiver Sicht einen entschuldbaren Fehler begangen hat, sein Handeln aber den objektiven medizinischen Standards nicht entsprach, ist er im Zweifelsfall also dennoch schadenersatzpflichtig.

Schuster, bleib bei deinen Leisten

Besonders kritisch wird es, wenn sich ein Arzt bei der Behandlung auf fremdes Terrain begibt. Verschreibt etwa ein Allgemeinmediziner einer Frau ein Verhütungsmittel, statt sie zum Gynäkologen zu schicken, muss er die volle Aufklärungsarbeit und denselben Standard garantieren wie der Frauenarzt. Sonst trifft ihn ein sogenanntes Übernahmeverschulden. Das Argument der Rechtsprechung: Genügen die Kenntnisse oder Fertigkeiten des behandelnden Arztes nicht dem Facharztstandard auf dem jeweiligen Gebiet, muss er eben einen entsprechend spezialisierten Kollegen zurate ziehen.

Und das bedeutet auch: Ein Behandlungsfehler liegt selbst dann schon vor, wenn der Arzt vor der Behandlung nicht erkannt hat, dass diese die Grenzen seines Fachgebietes, seiner persönlichen Fähigkeiten oder der ihm zur Verfügung stehenden apparativen Ausstattung überschreitet.

 

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