Kongress-Schwerpunkt

Zu wenig Zeit für Patienten und Ärzteausbildung: Augenärzte kritisieren zunehmende Ökonomisierung

Fehlentwicklungen in der Augenheilkunde durch die zunehmende Ökonomisierung in der Medizin sind ein Schwerpunktthema des 118. Kongresses der DOG (Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft), der vom 9. bis 11. Oktober 2020 erstmals online abgehalten wird. Die Forderung: Fehlanreize müssten korrigiert, überbordende Bürokratie- und Dokumentationsvorgaben endlich abgebaut werden. 

Ausgerechnet die Zeit des Lock-Downs während der Corona-Pandemie hat dem DOG-Präsidenten, Professor Dr. med. Hans Hoerauf, die kritikwürdigen Zustände in der Medizin deutlich vor Augen geführt. „In diesen Wochen und Monaten geringerer Patientenzahlen hatten wir definitiv mehr Zeit für das Patientengespräch und die Weiterbildung des ärztlichen Nachwuchses“, berichtet Hoerauf, der auch Direktor der Augenklinik der Universitätsmedizin Göttingen ist. „Mir wurde in dieser schwierigen Situation klar, dass man Medizin gründlicher und empathischer betreiben kann, als uns dies sonst möglich ist.“

Zu wenig Zeit, zu viel Arbeit im Normalbetrieb

Der Normalbetrieb, so Hoerauf, sei von sehr kurzen Verweildauern, Personal- und Zeitmangel sowie Überlastung geprägt, Fehlanreize belohnen Prozeduren und Diagnostik, wo mitunter ärztliches Abwarten angezeigt wäre. „Der Druck im Kessel ist zu hoch“, konstatiert Hoerauf. Für die Versorgung von Patienten mit komplexen Krankheitsbildern, aber auch für die Aus- und Weiterbildung des ärztlichen Nachwuchses stehe zu wenig Personal mit der erforderlichen Expertise zur Verfügung. „Wir Ärzte müssen uns zum Wohl der Patienten und unserer nachfolgenden augenärztlichen Generationen dem Wirtschaftlichkeitsstreben entgegenstellen, wo es zu Verwerfungen führt“, ist der Göttinger Ophthalmologe überzeugt.

Bürokratie ist eine große Belastung

Hilfreich wäre ein Abbau von Dokumentationspflichten und Bürokratie-Vorgaben, die aus Sicht des DOG-Präsidenten seit Jahren entgegen aller Versprechungen eher zu- statt abnehmen. „Dann wäre schon eine Menge mehr Medizin am Patienten möglich“, betont Hoerauf. Der Ophthalmologe plädiert zudem für ein Ende der massenhaften Ressourcen-Verschwendung in Kliniken: „Wenn ich als Operateur die Müll-Mengen sehe, die bei nur einer Augen-Operation entstehen, frage ich mich schon, ob unsere Medizin dadurch besser geworden ist.“

Die Auswirkungen der Ökonomisierung auf die Medizin stehen auch im Mittelpunkt zentraler Kongress-Veranstaltungen. So wird der bekannte Ökonomisierungs-Kritiker Professor Dr. med. Giovanni Maio in einem Festvortrag über „Der ärztliche Beruf heute – belohnter Aktionismus und abgewertete Sorgfalt?“ sprechen, Professor Dr. med. Peter Pramstaller eine Keynote Lecture halten zum Thema „Rettet die Medizin! Arzt-sein zwischen Patientenwohl und Wirtschaftlichkeit“.

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