Botulinumtoxin und Dermalfiller: Komplikationen ästhetischer Gesichtsbehandlungen
Marcus SefrinMit der steigenden Verbreitung von ästhetischen Gesichtsbehandlungen wächst zwangsläufig auch die Anzahl der Komplikationen. Die Studienlage sei dazu immer noch dünn, kritisiert ein aktuelles Review – um dann doch einen umfassenden Überblick zu geben.
Das Fazit eines aktuellen Reviews zu Nebenwirkungen ästhetischer Gesichtsbehandlungen ist schonungslos: „Komplikationen bei ästhetischen Eingriffen sind ein Problem der öffentlichen Gesundheit geworden, eine Epidemie, die unter der Aufsicht der Gesundheitsbehörden stattfindet.“ Die Autoren wenden sich klar gegen den oft in Verbindung mit diesen Prozeduren verwendeten Begriff „minimalinvasiv“, da er bei Laien den Eindruck erzeugen könne, dass diese Eingriffe keine Nebenwirkungen hätten. Sie kritisieren einen „Publication Bias“, denn im Vergleich zu den Erfolgsmeldungen würden die Nebenwirkungen oft zu kurz kommen. „Der Mangel an Wissen über Komplikationen, die aus so breit publizierten und durchgeführten Prozeduren entstehen, verhindert die Entwicklung evidenzbasierter Leitlinien“, mahnen die Autoren.
Review: Nebenwirkungen von Botulinumtoxin und Dermalfillern im Fokus
In ihrem narrativen Review haben brasilianische Wissenschaftler Nebenwirkungen des ästhetischen Einsatzes von Botulinumtoxin und Dermalfillern am Gesicht untersucht. Sie zogen dazu Literatur aus Fachzeitschriften der Jahre 2017 bis 2022 und auch aus Lehrbüchern heran.
Botulinumtoxin: Häufige und seltene Nebenwirkungen im Überblick
Als Faktoren, die bei Prozeduren mit Botulinumtoxin zu Nebenwirkungen führen können, werden die Qualität des verwendeten Produkts, die Eigenschaften des Lösungsmittels, fehlende Kompetenz der Anwender bei Wissen und Fertigkeiten sowie Variabilität der Gesichtsanatomie genannt. Hämatome und Ekchymosen werden als die häufigsten Nebenwirkungen nach Applikation von Botulinumtoxin genannt, wobei Ekchymosen häufiger auftreten. Hämatome können aber selbst bei Verwendung feiner Nadeln und scharfem Facettenschliff vorkommen.
Wenn die durch das Botulinumtoxin erwünschte Muskelentspannung oder -lähmung nicht an den Zielmuskeln, sondern in benachbarten Muskeln oder außerhalb des vorgesehenen Gebiets auftritt, gilt auch dies als Nebenwirkung. Als Ursachen hierfür werden eine schlechte Patientenauswahl sowie eine Injektion in ungünstige Regionen oder mit zu hohen Dosierungen genannt.
Die Ptosis des Augenlids trat in einer Metaanalyse von acht randomisierten Studien und 13 Fallberichten bei 3,39 Prozent der Fälle als häufigste Nebenwirkung einer Botulinumtoxin-Applikation auf, gefolgt von Kopfschmerzen. Daneben seien auch ophthalmologische Nebenwirkungen wie Doppelsehen, Lagophthalmos oder Xerophthalmie möglich.
Mit einer Inzidenz von einem bis fünf Prozent sind auch Augenbrauenasymmetrie und -ptosis relativ häufige Nebenwirkungen nach der Behandlung mit Botulinumtoxin am Musculus frontalis. Auch Blepharoptosis und Ektropium können auftreten. Letztere nach Injektion in der Nähe des unteren Augenlids durch Diffusion in den lateralinferioren Musculus orbicularis oculi.
Im Allgemeinen seien Nebenwirkungen in Verbindung mit Botulinumtoxin im Vergleich zu durch Biomaterialien (Filler) verursachten weniger schwer, resümierten die Autoren. Schwere Komplikationen wie Urtikaria, Anaphylaxie, Dyspnoe oder Weichteilödeme treten laut des Reviews selten unter Botulinumtoxin auf.
Dermalfiller: Risiken, Kontraindikationen und Komplikationen
Die am häufigsten als Filler verwendeten injizierbaren Implantate sind Hyaluronsäure, Calciumhydroxylapatit, Poly-L-Milchsäure (PLLA), Polymethylmethacrylat (PMMA) und Polycaprolacton (PCL). Auch bei ihnen sind laut des Reviews die meisten Nebenwirkungen mild, vorübergehend und unspezifisch. Sie stehen im Zusammenhang mit dem Eingriff und der kurzfristigen Entzündungsreaktion auf das Implantat. Durch verschiedene Mechanismen können Filler jedoch auch unerwünschte immunvermittelte Reaktionen auslösen. Das entsprechende Risiko hänge von der Zeitdauer ab, die die Biomaterialien im Gewebe verbleiben.
Die Literatur listet einige Vorerkrankungen als absolute oder relative Kontraindikationen für die Verwendung von Biomaterialien als Dermalfiller auf: eine aktive Haut- oder andere Infektion wie Sinusitis, Parodontitis oder Harnwegsinfekte, inflammatorische Hauterkrankungen wie Pyoderma gangrenosum oder inflammatorische Aktivität in anderen Regionen wie bei Colitis ulcerosa, Morbus Crohn oder Osteoarthritis. Auch ein unkontrollierter Diabetes, Autoimmunerkrankungen, Immunsuppression und Gerinnungsstörungen werden genannt.
Persistierende Ödeme und technische Anforderungen bei Filler-Anwendungen
Die Anwendung von Fillern am unteren Augenlid ist laut der Autoren anfällig für die Entwicklung persistenter Ödeme, diese Region verlangt nach ihrer Ansicht das größte technische Wissen vom behandelnden Arzt.
Lippenfiller: Knötchenbildung als häufige Nebenwirkung
In einem Fallbericht, der Lippenfiller analysierte, war die Bildung von Knötchen mit über 50 Prozent der Fälle die häufigste Nebenwirkung. Gleichwohl sei die Inzidenz niedrig gewesen; Ursachen seien häufig größere Volumina, die oberflächlich oder an derselben Stelle appliziert wurden oder eine individuelle Abwehrreaktion.
Gefäßverschlüsse und schwere Komplikationen durch Dermalfiller
Zu den gefürchtetsten Komplikationen des Filler-Einsatzes zählen Gefäßverschlüsse mit Folgen wie Schlaganfall, Sehverlust oder großflächiger Nekrose. In der Literatur fanden die Autoren Fälle sowohl bei Verwendung von Nadeln und Kanülen, wobei es Hinweise auf ein niedrigeres Risiko für Schlaganfälle mit Kanülen mit stumpfer Spitze und kleineren Durchmessern gebe. Trotzdem warnten die Autoren, die Sicherheit der Filler-Applikation mit Kanülen nicht zu überschätzen.
ASIA-Syndrom: Seltene immunologische Komplikationen nach Filler-Anwendung
Das Review widmet sich auch dem sogenannten ASIA-Syndrom, das 2011 erstmals beschrieben wurde. Dabei handelt es sich um ein autoimmunes/inflammatorisches Syndrom, das durch Adjuvanzien induziert ist und in einem Spektrum an klinischen Erscheinungsbildern auftreten kann, darunter Silikose, makrophagische Myofasciitis, Postvakzinations-Phänomene oder auch das sogenannte Golfkriegs-Syndrom. Auch als Filler verwendete Biomaterialien werden als ASIA-Syndrom auslösende Adjuvanzien genannt. Da es kein zeitliches Limit zwischen der Exposition und dem Effekt gibt, sei es schwer, kausale Zusammenhänge nachzuweisen. Die Autoren weisen dennoch auf das mögliche Auftreten des ASIA-Syndroms hin, um Dermatologen für diese, wenn auch seltene, Komplikation zu sensibilisieren.
Quelle:Pampado Di Santis E et al. Anais Brasileiros de Dermatologia 2025;100:87-103