Wirtschaftsnachrichten für Ärzte | ARZT & WIRTSCHAFT
Praxisführung
Inhaltsverzeichnis

Jugendliche tauchen meist wegen akuter Beschwerden oder einer Auffrischimpfung in der Praxis auf. Für Ärztinnen und Ärzte ist das oft eine wertvolle Gelegenheit, über körperliche Symptome hinaus auch psychosoziale Themen anzusprechen. Denn in dieser Altersgruppe treten riskantes Verhalten, Schulprobleme oder erste psychische Krisen häufig erstmals offen zutage. Wer solche Signale früh erkennt und sensibel aufgreift, kann entscheidende Weichen stellen – oft schon in wenigen Minuten.

Risikoverhalten ansprechbar machen

Wie das gelingt, weiß Prof. Reiner Frank, Kinderarzt und Arzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Er war langjähriger Leiter der Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der LMU München. Ein zentraler Ansatz in der Arbeit mit Jugendlichen ist für Frank die Enttabuisierung heikler Themen durch Routinefragen. „Ich sage immer dazu: Das frage ich alle. Das nimmt den Jugendlichen die Angst, herausgepickt worden zu sein – und hilft dabei, nichts Wichtiges zu übersehen.“ Zwar sei die Jugenduntersuchung J1 besonders dazu geeignet, Risikoverhalten abzufragen. In der Praxis werde dieses Potenzial jedoch selten ausgeschöpft.

Substanzkonsum: Nicht nur warnen

Beim Ansprechen von Suchtverhalten empfiehlt Frank konkrete Nachfragen. Mit einer simplen geschlossenen Frage wie „Rauchst du?“ ist das Thema nicht abgehakt, sondern gerade erst eröffnet. Weitere wichtige Fragen sind: „Wieviel rauchst du? Und wann?“ Ärztinnen und Ärzte können in diese Gespräche ihr Wissen über Pharmakologie einbringen: Alkohol und Nikotin haben kurze Halbwertszeiten, Entzugserscheinungen zeigen sich vor allem am Morgen. Eine gezielte Frage kann deshalb sein: „Brauchst du eine Zigarette direkt nach dem Aufwachen?“ Beim Alkohol eignen sich standardisierte Kurztests wie die CAGE-Fragen (s. Kasten). Entscheidend sei zudem, nicht nur die Risiken des Konsums zu thematisieren, sondern zu fragen: „Was gibt es Dir?“ Oft nennen die Jugendlichen dann Aspekte wie Entspannung, Geselligkeit sowie das Gefühl „zu sich zu kommen“. Diese Motive sind eine gute Gelegenheit zu explorieren: Könnte es noch andere Strategien geben, um diese Bedürfnisse zu befriedigen?

Zur Verdeutlichung von Mengen arbeitet Frank gern mit Perspektivwechseln: Sagt jemand „Ich trinke ein bisschen Bier“, fragt er: „Wie viel würdest du von einer Flasche Whisky schaffen?“ Im Anschluss prüft er Abhängigkeitssignale wie Entzugserscheinungen, Kontrollverlust oder gescheiterte Reduktionsversuche. Gibt es Hinweise auf eine Sucht, verlagert er das Gespräch schnell auf die Ressourcen des jungen Menschen: „Was kannst du gut? Was hast du vor im Leben?“ Auffällig sei, dass Jugendliche oft leichter über Ärger mit der Polizei sprächen als über ihre eigenen Stärken. Diese wurden oft wenig reflektiert und gespiegelt. „Suchtbehandlung gelingt aber nur, wenn Jugendliche ihre Stärken kennen.“ Ärztinnen und Ärzte sollten Optionen aufzeigen, aber keine Entscheidungen abnehmen: „Du entscheidest, was dir wichtig ist – eine kurzfristige Belohnung oder ein langfristiges Ziel.“

Schulversäumnisse: Das Motiv bestimmt die Strategie

Hinter Fehlzeiten sieht Frank wiederkehrende Muster: Angst in der Schule, etwa durch Mobbing; Angst zu Hause, etwa bei elterlichen Konflikten, Krankheit oder Sucht der Mutter. Manche Schulschwänzer haben Angst um ihre Mutter und glauben, auf sie aufpassen zu müssen. Manchmal liegen auch schlicht andere Interessen wie ein exzessiver Medienkonsum zugrunde. Frank rät zu kleinen Schritten, klaren Absprachen zwischen Eltern und Schule und praktischen Hilfen wie einer verabredeten Begrüßung am Schultor. Jeder bewältigte Abschnitt wird gelobt – so wächst Schritt für Schritt das Vertrauen, die Situation meistern zu können. Rückfälle sind dabei einkalkuliert. „Den Jugendlichen sollte vermittelt werden, dass es entscheidend ist, wieder aufzustehen.“

Selbstverletzung und Suizidalität bei Jugendlichen

Verletzt sich der junge Mensch selbst, etwa durch Ritzen, fragt Frank zunächst um Erlaubnis, die Stellen zu sehen. Häufig finde dieses Verhalten als zyklisches Muster statt: Stress – Ritzen – Entlastung – Ruhe – erneuter Stress. „Das spreche ich direkt an: Ist es bei dir ähnlich?“ Zunächst werde dann anerkannt, dass es sich um eine Bewältigungsstrategie handle, dann würden alternative Wege erarbeitet – von Kälte- oder Wärmereizen oder Bürsten bis hin zu langfristiger Entspannungskompetenz. Erst danach gehe er tiefer auf die Lebenssituation ein.

Bei Suizidalität steht für Frank der Beziehungsaufbau an erster Stelle. „Fehlende Gesprächsbereitschaft ist ein Alarmsignal – dann braucht es die (jugend-)psychiatrische Aufnahme, notfalls geschlossen.“ Besteht Gesprächsbereitschaft, klärt er Situation, Mittel, Menge und Intention und vereinbart, was mit den Eltern geteilt werden darf. „Betroffenen eine Adresse zum eigenständigen Aufsuchen einer Beratungsstelle zu geben, beruhigt zwar den Arzt, hilft aber oft nicht weiter.“ Besser sei die persönliche Übergabe mit Anruf.

Misshandlung: Mit den Eltern sprechen

In der Arbeit mit Eltern setzt Frank auf Wertschätzung und ein klares Ziel: „Ich sehe, wie schwierig das für Sie ist“ – und dann die Perspektive des Kindes sichern. Bei Misshandlungsverdacht warnt er vor Fehleinschätzungen aufgrund eines „netten Eindrucks“. Auch dann gelte es anzuerkennen, dass Eltern in vielen Situationen gute Eltern sein wollen und oft auch sind. Auf dieser Basis lasse sich nach Lösungen suchen. Häufig ist die Verdrängung groß: Zu Hause sei alles in bester Ordnung, das Kind werde sehr geliebt. Manche Eltern blenden sogar schwere Übergriffe so weit aus, dass sie sich nicht mehr daran erinnern – ein Abspalten, das ihnen ermöglicht, das Geschehene nicht als Teil ihrer Person wahrzunehmen. 

Sinnvoll sei es oft, das erste Gespräch zu diesem Thema mit einer zweiten Person zu führen, beispielsweise mit dem Sozialdienst. Auch in kurzen Terminen gelte: Jede Person im Raum sollte miteinbezogen werden und dem Jugendlichen dabei gezielt Raum gegeben werden. Im konkreten Fall können sich Ärztinnen und Ärzte bei der Medizinischen Kinderschutzhotline unter der Telefonnummer 0800 1921000 anonym beraten lassen.

Selbstwirksamkeit stärken: Kleine Erfolge würdigen

Körpersprache ist ein Schlüsselthema: „Worte können perfekt sein, doch die Körpersprache verrät oft Nervosität, Schuldgefühle oder Abwehr“, so Frank. Haltung, Blickkontakt und Sitzposi-tion sollten bewusst gewählt werden. Auch Pausen sind wichtig, sie geben den Patienten Raum anzusetzen. „Wer eine Pause aushält, hört oft die entscheidenden Sätze.“

Ebenso bedeutsam ist für Frank das Arbeiten in kleinen Schritten – und das bewusste Benennen von Mini-Erfolgen. Das gilt für die jungen Patientinnen und Patienten ebenso wie für die Ärztinnen und Ärzte selbst, die häufig stark selbstkritisch sind. „Ein wohlwollender Umgang mit sich selbst ist die Basis, um auch kleine Fortschritte bei Patienten zu würdigen.“ Zur Entlastung empfiehlt er Supervision, kollegiale Fallbesprechungen und Auffrischungstrainings. Erfolgsmomente sollten im Team bewusst geteilt werden. Franks zentrale Botschaft an Jugendliche lautet: „Es gibt Optionen – und Du entscheidest, was Dir wichtig ist. Ich traue Dir den nächsten Schritt zu.“

Buchtipp: Reiner Frank: „Ärztliche Kommunikation mit Kindern, Jugendlichen und Eltern“, Kohlhammer Verlag

CAGE-Fragen zur Erkennung riskanten Alkoholkonsums

  • 1. Cut down: Hast Du schon darüber nachgedacht, weniger zu trinken?

  • 2. Annoyed: Hat Dich schon einmal jemand mit Kritik an Deinem Trinkverhalten verärgert?

  • 3. Guilty: Hast Du Dich wegen Deines Trinkens schon einmal schuldig gefühlt?

  • 4. Eye-opener: Trinkst Du manchmal gleich morgens Alkohol, um „in Gang zu kommen“ oder Entzugserscheinungen zu mildern?

Bereits zwei positive Antworten gelten als Hinweis auf problematischen Alkoholkonsum und sollten Anlass für ein vertiefendes Gespräch geben.

Stichwörter