Zigaretten als Stimmungskiller
Marcus SefrinDass Nikotin mit seinem Suchtpotenzial schädliche Wirkungen auf das Gehirn haben kann, überrascht kaum. Daten der NAKO Gesundheitsstudie unterstreichen die Assoziation zwischen Rauchen und Depression.
Es gibt viele gute Gründe, mit dem Rauchen aufzuhören respektive gar nicht erst damit anzufangen. Der nach gesundem Menschenverstand überzeugendste muss auf jedem Rauchtabakerzeugnis als Warnhinweis stehen: „Rauchen ist tödlich“. Weitere Argumente liefert Anhang 1 der EU-Richtlinie 2014/40/EU. Dort sind 14 gesundheitsbezogene Warnhinweise genannt; einer davon muss in Kombination mit einem passenden Bild zwei Drittel von Vorder- und Rückseite der Tabakerzeugnisse in der EU einnehmen. Sie reichen von Fakten, die quasi zum Allgemeinwissen gehören, wie „Rauchen verursacht neun von zehn Lungenkarzinome“, bis hin zu für medizinische Laien vielleicht überraschenden Zusammenhängen wie „Rauchen erhöht das Risiko, zu erblinden“ oder „Rauchen mindert Ihre Fruchtbarkeit“.
Nicht auf der Liste steht der Hinweis „Rauchen verursacht Depressionen“. Dieser Kausalzusammenhang ist wissenschaftlich nicht nachgewiesen, Assoziationen zwischen Rauchen und Depressionen sind jedoch gut belegt.
NAKO-Daten zeigen Dosis-Wirkungs-Beziehung zwischen Tabakkonsum und depressiven Symptomen
Eine Auswertung der NAKO Gesundheitsstudie hat diese Verbindung nun erneut bestätigt und um wichtige Details ergänzt. So konnten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eine Dosis-Wirkungs-Beziehung beobachten: Je mehr Zigaretten pro Tag geraucht wurden, desto stärker fielen die aktuellen depressiven Symptome aus. Gefunden wurden 0,05 Symptome mehr pro zusätzlich gerauchter Zigarette. Ein späterer Beginn des Rauchens war mit einem um 0,24 Jahre späteren Auftreten der ersten Depression pro Jahr späterem Rauchbeginn verbunden. Auch der Rauchstopp zeigte einen positiven Effekt: Je länger dieser zurücklag, desto länger lag die letzte depressive Episode in der Regel zurück (0,17 Jahre pro Jahr Rauchabstinenz).
Studiendesign: Große Kohorte der NAKO-Gesundheitsstudie liefert robuste Assoziationsdaten
Die Analyse umfasste 173.890 Teilnehmende der deutschen NAKO Gesundheitsstudie im Alter von 19 bis 72 Jahren, darunter 50 Prozent Frauen. Sie berichteten in Interviews sowie mithilfe standardisierter Fragebögen über ärztlich diagnostizierte Depressionen, aktuelle depressive Symptome, Lebensumstände und ihr Rauchverhalten. Auf dieser Grundlage ergaben sich drei Gruppen: 81.775 Nie-Rauchende, 58.004 ehemals Rauchende und 34.111 aktuell Rauchende.
Es zeigte sich, dass Depressionen über die Lebenszeit bei aktuellen und ehemaligen Rauchern häufiger vorkamen als bei Nie-Rauchenden. Besonders ausgeprägt waren diese Unterschiede in den Altersgruppen zwischen 40 und 59 Jahren. „Das weist darauf hin, dass neben sozialen Faktoren auch zeitliche Effekte eine Rolle im Zusammenspiel von Rauchen und psychischer Gesundheit spielen könnten“, erklärt Carolin Marie Callies, eine der Autorinnen von der Universität Mannheim.
Keine Kausalität, aber wichtige Implikationen für Depressionsrisiko und Tabakentwöhnung
Eine Beobachtungsstudie wie die NAKO Gesundheitsstudie kann prinzipiell keine Kausalitäten beweisen. So weisen die Autoren auch darauf hin, dass ihre Daten keinen Rückschluss auf die Richtung der Assoziation zulassen. Es gebe zum Beispiel auch Evidenz dafür, dass eine Depression Einfluss auf das Rauchverhalten hat. Gleichwohl verweisen sie auf Forschungsdaten, die auf einen pharmakologischen oder neurobiologischen Zusammenhang zwischen Nikotinexposition und Stimmungsdysregulation hinweisen. Sie betonen eine auch für die Patientenmotivation unter Umständen relevante Folge der gezeigten Dosis-Wirkungs-Beziehung: Auch eine Reduktion des Zigarettenkonsums statt des kompletten Rauchstopps könnte mit einer Besserung depressiver Symptome einhergehen.
Quelle:u. a. Völker MP et al. BMC Public Health2026;26:301;doi:10.1186/s12889-025-25959-0