Kindererziehung: Emotionale Strafen sind fatal
Constanze Polenz„Ein Klaps auf den Po hat noch keinem geschadet.“ Zum Glück hat sich diese Einstellung in Deutschland in den letzten 25 Jahren gewandelt. Wie schlimm auch emotionale Strafen sind, zeigt eine aktuelle Studie.
Seit 8. November 2000 gibt es das „Gesetz zur Ächtung der Gewalt in der Erziehung“ im Bürgerlichen Gesetzbuch (§ 1631 Abs. 2 BGB). Kinder haben dadurch „ein Recht auf Pflege und Erziehung unter Ausschluss von Gewalt, körperlichen Bestrafungen, seelischen Verletzungen und anderen entwürdigenden Maßnahmen".
Studienlage: Rückgang körperlicher Gewalt in deutschen Familien
25 Jahre ist das jetzt her, und seit damals ist die Gewaltausübung gegen Kinder zurückgegangen - vor allem, was die Akzeptanz körperlicher Strafen angeht. Das belegen regelmäßige Studien der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Universitätsklinik Ulm in Kooperation mit UNICEF Deutschland.
Aktuelle Zahlen: Gewalt und Strafen in der Erziehung dennoch weiterhin verbreitet
Aber es hat sich immer noch nicht genug geändert und es gibt immer noch Kinder, die regelmäßig körperliche oder psychische Gewalt erfahren. Die aktuelle Studie befragte insgesamt 2.530 in Deutschland lebende Menschen zwischen 16 und 92 Jahren (durchschnittliches Alter rund 49 Jahre) zu ihren Einstellungen zu Bestrafungen in der Kindererziehung. Eine Subpopulation von 1.535 Teilnehmern hatte selber Kinder erzogen. Sie wurden auch dazu befragt, welche Strafen sie selber in der Erziehung angewandt hatten. Die Ergebnisse zu diesen Fragen beziehen sich immer auf diese kleinere Teilnehmergruppe. Folgende Erkenntnisse zeigten sich in der Studie:
Trends: Körperliche Bestrafungen im Wandel der Zeit
Körperliche Bestrafungen in Zahlen:
2016 fanden noch 44,7 Prozent der Studienteilnehmer einen Klaps auf den Hintern akzeptabel.
2020 waren es mit 42,7 Prozent kaum weniger.
In der Befragung 2024/25 halten nur noch 30,9 Prozent einen Popoklaps für ein geeignetes Erziehungsmittel, jemals angewandt hatten ihn 38,0 Prozent.
14,5 Prozent lehnen eine leichte Ohrfeige ab, gegeben haben sie 19,0 Prozent mindestens einmal.
Zwei Drittel lehnen Körperstrafen ganz ab. Nie angewandt hatten sie 58,8 Prozent.
Ein großer Teil der Studienteilnehmer hat in der eigenen Kindheit selbst Körperstrafen erlebt. In der aktuellen Studie waren es rund die Hälfte und damit nicht mehr so viele wie in früheren Befragungen.
Gesundheitsfolgen: Körperliche und emotionale Gewalt schädigen nachhaltig
Körperliche Strafen schädigen Kinder und können in Folge zu vielen weiteren schwerwiegenden Problemen führen. Ebenso wie emotionale Bestrafungen, die oft als weniger schwerwiegend empfunden und eher mal übersehen werden. „Gewalt hinterlässt Spuren – oft ein Leben lang. Körperliche und emotionale Gewalt gefährden nicht nur die Gesundheit von Kindern, sondern auch ihre Bildungschancen und ihre seelische Gesundheit im Erwachsenenalter“, erklärt Christian Schneider, Geschäftsführer von UNICEF Deutschland.
16 Prozent finden Anschreien in Ordnung
Emotionale Bestrafungen in Zahlen:
Emotionale Strafen werden deutlich stärker abgelehnt, nämlich von fast drei Vierteln der Befragten. 62,0 Prozent derjenigen, die Kinder erzogen haben, haben noch nie welche ausgeübt.
Kinder anzuschreien, um sie zu erziehen, finden 16,1 Prozent akzeptabel. Jemals angewandt haben es 26,3 Prozent.
9,2 Prozent sagen, dass Einsperren ins Zimmer angemessen ist. Getan hat es tatsächlich jeder Zehnte schon mal.
8,6 Prozent empfinden es in Ordnung, nicht mehr mit dem Kind zu sprechen, angewandt haben es ein bisschen mehr, nämlich 9,4 Prozent.
Etwas mehr als die Hälfte der Befragten hat in der eigenen Kindheit selbst emotionale Strafen erlebt.
Wer emotionale Gewalt erlebt hat, gibt sie eher weiter
In der Studie zeigte sich auch, dass emotionale Strafen zu einem Kreislauf der Gewalt führen können. Teilnehmer, die in der Kindheit auf solche Weise bestraft worden waren, hielten sowohl emotionale Strafen als auch körperliche Strafen signifikant häufiger für adäquate Erziehungsmethoden. Zwei Drittel von ihnen hatten ihre Kinder schon emotional bestraft und rund 60 Prozent von ihnen hatten Körperstrafen angewandt. Bei den Eltern, die emotionale Strafen aus ihrer Kindheit nicht kannten, waren es deutlich weniger. Nur rund 5 Prozent hatten die eigenen Kindern emotional gestraft und rund 17 Prozent körperlich.
Prävention: Aufklärung und Unterstützung für gefährdete Familien
Nicht jeder, der als Kind emotionale Gewalt erlebt hat, gibt sie als Erwachsener an die eigenen Kinder weiter. Die Wahrscheinlichkeit ist allerdings höher. Umso bedeutender ist es, Maßnahmen zu fördern, die einen solchen möglichen Gewaltkreislauf durchbrechen können. Aufklärung, die genau das anspricht, ist notwendig. Ebenso wie Unterstützungsangebote für Eltern, bei denen die Risikofaktoren oder die Belastungen hoch sind. Dabei betonen die Studienautoren die Wichtigkeit, digitale Welten wie Social Media einzubeziehen.
Christian Schneider resümiert: „Gerade in einer sich verändernden Welt muss der Schutz vor Gewalt in der Kindheit endlich als gesamtgesellschaftliche Aufgabe ernst genommen und deutlich verstärkt werden.“
Quelle: