Ausblick 2026: Wie Anleger sich in einem unsicheren Umfeld am besten positionieren
Gerd HübnerAusgehend von einer zunehmend protektionistischen Politik durchläuft die Welt derzeit einen massiven Wandel. Entsprechend schwierig ist der wirtschaftliche Ausblick auf das kommende Jahr. Anleger sollten ihr Portfolio deshalb wetterfest aufstellen.
Noch nie in den vergangenen Jahrzehnten war die Unsicherheit in der Welt so groß wie aktuell. Das lässt sich gut am Economic Policy Uncertainty Index ablesen, der in diesem Jahr einen historischen Höchststand erreicht hat. „Das kann auch kaum verwundern“, sagt Prof. Hartwig Webersinke von der TH Aschaffenburg, „denn wir haben es derzeit ausgehend von der Handelspolitik der USA mit einer neuen Weltordnung zu tun.“
So lag der durchschnittliche Zollsatz der USA beim Amtsantritt von Donald Trump noch bei rund 2,5 Prozent, inzwischen sind es 13,5 Prozent. „Zölle sind aber nichts anderes als eine Steuer auf Importe“, sagt Prof. Webersinke. „Und diese Abkehr von der internationalen Arbeitsteilung hin zum Protektionismus führt zu Wohlstandsverlusten.“
Offen ist aber dennoch, wie sich die Zollpolitik auf die Inflation und das Wirtschaftswachstum konkret auswirkt. Denn aktuell halten sich die Folgen noch in Grenzen. „Es ist davon auszugehen, dass wir die gesamte Wirkung der Zollpolitik erst im kommenden Jahr sehen werden“, sagt Burkhard Wagner, Vorstand der Partners Vermögensmanagement AG in München. „Deshalb haben es Anleger derzeit mit einem recht komplexen Umfeld zu tun.“
Eines ist nach Ansicht von Prof. Webersinke aber sicher: „Die protektionistischen Maßnahmen stellen mit Blick auf das kommende Jahr ein Inflationsrisiko dar.“ Zudem sei künftig ein schwächeres Wachstum zu erwarten. „Der Internationale Währungsfonds rechnet mit nur durchschnittlich drei Prozent für die kommenden fünf Jahre“, sagt er weiter.
Dazu kommen weitere Unsicherheiten wie geopolitische Risiken, die zunehmende Staatsverschuldung in der Welt oder die nicht mehr ganz günstige Bewertung der Aktienmärkte. „Es ist nicht auszuschließen, dass es ausgehend vom Technologiesektor, wenn hier einer der großen Player die Erwartungen der Anleger nicht erfüllt, zu einer Korrektur am Markt kommt“, so Wagner.
Dennoch warnt Wagner vor panikartigen Reaktionen. „Anleger sollten sich im aktuellen Umfeld nicht zu einseitig positionieren“, sagt er. „Ich kann nur davon abraten, sich zu stark auf den Technologiesektor zu fokussieren oder diesen – im Gegenteil – ganz aus dem Portfolio zu werfen und nur auf defensive Investments zu setzen oder gar ganz aus dem Markt zu gehen.“
Zwar könnte das Gewicht des Technologiesektors, der in vielen Portfolios ein starkes Übergewicht bekommen haben dürften, etwas abgebaut werden. „Insgesamt rate ich aber zu einer breiten Diversifikation im Aktienbereich und die Berücksichtigung weiterer Anlageklassen“, sagt Wagner.
Auf jeden Fall ist es nach Ansicht von Prof. Webersinke wichtig, zum Beispiel durch aktives Management flexibel zu bleiben und Sachwerte im Portfolio zu berücksichtigen. „Denn in einem inflationären Umfeld bieten Aktien, Immobilien und Gold historisch die besten Renditechancen“, so der Experte.
Dazu rät Wagner zu Unternehmens- oder Staatsanleihen guter Bonität als Stabilisator sowie zu alternativen Anlagen, die sich zum Kapitalmarkt unkorreliert entwickeln. Zudem könnte Gold bei Verwerfungen am Markt Schutz bieten, ebenso wie Silber, das zusätzlich von der industriellen Nachfrage und hier vor allem von der Energiewende profitiert. Außerdem rät er Anlegern, eine Cash-Position aufzubauen. „Im Fall einer Korrektur bietet das die Möglichkeit nachzukaufen“, so Wagner. „Und wer noch gar nicht investiert ist, sollte sein Geld besser in mehreren Tranchen zeitlich gestaffelt anlegen.“
Wer dagegen bereits investiert ist, sollte unbedingt dabei bleiben. „Der Einsatz von KI wird auch in anderen Branchen die Kosten reduzieren und für mehr Produktivität sorgen“, sagt Wagner. „Langfristig werden Qualitätsaktien auch deshalb weiter steigen.“ Für attraktiv hält er derzeit außerdem Aktien aus den Schwellenländern sowie europäischen Nebenwerten, vor allem, wenn es Deutschland gelingt, seine Konjunktur anzuschieben.
Und auch Webersinke sieht, trotz des unsicheren Umfeldes, Chancen. „Die Welt befindet sich hinsichtlich Digitalisierung oder der Energieerzeugung in einer Transformation“, erklärt er. „Damit ergibt sich bei neuen Geschäftsmodellen oder in Bereichen wie Künstlicher Intelligenz ein gewaltiges Potenzial.“
Dazu kommt, dass die kurzfristigen Zinsen in den USA erst einmal weiter sinken. „Auch das wird den Aktienmarkt unterstützen“, folgert Webersinke. Es bieten sich also – trotz der enormen Unsicherheit – auch Chancen. Wer in diesem Umfeld breit streut und flexibel bleibt, kann mögliche Kurseinbrüche besser überstehen und sich bietende Gelegenheiten nutzen.
Interview mit Prof. Webersinke: „Protektionismus vernichtet Wohlstand“
Die Handelspolitik unter US-Präsident Donald Trump stellt eine Abkehr vom Freihandel dar. Prof. Hartwig Webersinke von der TH Aschaffenburg erläutert, welche Folgen das hat und wie Anleger sich am besten positionieren.
Herr Prof. Webersinke, wie hat sich die Weltordnung aus volkswirtschaftlicher Sicht unter US-Präsident Donald Trump verändert?
Der Slogan ‚America First‘ bedeutet nichts anderes als Protektionismus. Diese neue Weltordnung, in der die USA die Welt mit Zöllen überziehen, sich vom Freihandel abwenden und die globale Arbeitsteilung reduzieren, vernichtet Wohlstand. Zum einen stellen diese protektionistische Maßnahmen ein erhöhtes Inflationsrisiko dar. Zum anderen bedeutet es ein schwächeres globales Wachstum. Der Internationale Währungsfonds erwartet nur 3,0 Prozent durchschnittlich in den kommenden fünf Jahren. Es ist deshalb kein Wunder, dass diese neue Weltordnung zusammen mit den geopolitischen Krisen für viel Unsicherheit bei Verbrauchern und Anlegern sorgt, auch wenn man aktuell von den Folgewirkungen noch nicht so viel sieht.
Müssen wir aufgrund des erhöhten Inflationsrisikos mit höheren Leitzinsen rechnen?
Prof. Webersinke: Die Notenbanken befinden sich in einem Dilemma, das sich am deutlichsten in den USA zeigt, wo US-Präsident Trump vehement niedrigere Zinsen fordert. Dort schwächt sich die Konjunktur ab, während die Inflationsrate hartnäckig bei rund drei Prozent liegt. Doch ist es die Aufgabe der Notenbank Fed, für Stabilität zu sorgen und die Inflation in Schach zu halten. Wichtig ist dabei aber, dass die Geldpolitik die langfristigen Zinsen nicht beeinflussen kann. Und die sind stärker gestiegen als die am kurzen Ende, wodurch die Zinskurve steiler geworden ist. Darin spiegelt sich eine höhere Inflationserwartung, aber auch die Sorge vor den zunehmenden Staatsschulden und dem Anstieg der Zinsausgabenquote wider.
Die langfristigen Anleiherenditen sind auch für die Bauzinsen entscheidend. Was sind mögliche Folgen?
Prof. Webersinke: Bei langlaufenden Anleiherenditen haben wir nicht den Rückgang gesehen, der zur aktuellen wirtschaftlichen Situation in Deutschland und in der Eurozone passen würde. Und ja, dadurch sind die Zinsen für ein zehnjähriges Baudarlehen Mitte November noch immer im Bereich von 3,6 Prozent. Das Problem ist, das bei vielen Immobilienkäufern und Bauherren in den kommenden Jahren die zehnjährige Zinsbindung ausläuft. Dann brauchen sie eine Anschlussfinanzierung, bei der die Zinsbelastung plötzlich drei- bis viermal so hoch ist, womit die Anschlussfinanzierung deutlich teurer wird.
Was können Betroffene tun?
Prof. Webersinke: Wer weiß, dass seine Zinsbindung in den kommenden Jahren ausläuft und Schwierigkeiten mit der Anschlussfinanzierung haben wird, sollte frühzeitig das Gespräch mit seiner Bank suchen. Denn auch die Banken haben kein Interesse daran, wenn es reihenweise zu Zwangsversteigerungen kommt. Gemeinsam kann man dann überlegen, ob man zum Beispiel über die Vereinbarung unterschiedlicher Fristen eine Lösung findet.
Wenn wir auf Deutschland blicken, was bedeutet die neue Weltordnung für die hiesige Wirtschaft?
Prof. Webersinke: Da die USA für Deutschland und auch für Europa insgesamt ein wichtiger Handelspartner sind, muss man damit rechnen, dass die veränderte US-Handelspolitik die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt auf dem alten Kontinent belasten. Speziell die deutsche Wirtschaft hat jedoch kein konjunkturelles, sondern ein strukturelles Problem. Deutschlands Wirtschaft stagniert seit drei Jahren. Der Sachverständigenrat sieht die langfristigen Wachstumsaussichten unverändert auf einem historischen Tief mit einem Potentialwachstum von nur 0,4 Prozent.
Wo liegen die Probleme?
Prof. Webersinke: Die entscheidenden Belastungsfaktoren sind die überbordende Bürokratie sowie der Energie- und der Arbeitsmarkt. So müssen wir bis 2035 mit einem anhaltenden starken Fachkräftemangel rechnen. Dazu kommen die notwendigen Maßnahmen gegen den Klimawandel, für die äußere Sicherheit und für den sozialen Ausgleich. Das verursacht gewaltige Kosten und droht den Staat zu überfordern.
Was sollte die Bundesregierung Ihrer Ansicht nach tun?
Prof. Webersinke: Wichtig sind strukturpolitische Maßnahmen zum Bürokratieabbau sowie zur Verbesserung der Situation am Energie- und Arbeitsmarkt. Dazu würde ich mir wünschen, dass die Aktienanlage als Instrument der privaten Altersvorsorge gestärkt werden. Denn Aktien eignen sich am besten, um langfristig ein Vermögen aufzubauen.
Was ist in dem von Ihnen skizzierten globalen Umfeld Anlegern zu raten?
Prof. Webersinke: Sachwerte sind in einem inflationären Umfeld entscheidend. Neben Gold oder Immobilien sind vor allem Aktien zu nennen. So haben sich zum Beispiel bei den Dax-Unternehmen die Gewinne in den vergangenen fünf Jahren fast verdoppelt. Die Kursentwicklung des deutschen Leitindex spiegelt das wider: Er legte in diesem Zeitraum rund 90 Prozent zu. Und auch historisch lieferten Aktien nach Inflation mit die höchsten Renditen.
Was ist bei der Aktienanlage wichtig?
Prof. Webersinke: Generell gilt, dass eine breite Streuung über verschiedene Regionen und Branchen wichtig ist, da sich die einzelnen Aktienmärkte nicht immer im Gleichschritt entwickeln. Seit etwa 2010 sind zum Beispiel US-Aktien außergewöhnlich gut gelaufen, in diesem Jahr waren Aktien aus den Schwellenländern besonders stark. Dazu sollten Anleger auf die Kosten bei der Geldanlage achten. Deshalb bieten sich Exchange Traded Funds auf breit gestreute Indizes als Bausteine für den Vermögensaufbau an. Zugleich sollten Anleger aber, da wir es mit vielen Unsicherheitsfaktoren zu tun haben, bei ihrer Anlage flexibel bleiben.
Bietet das herausfordernde Umfeld, das Sie skizziert haben, auch Chancen?
Prof. Webersinke: Die Welt befindet sich hinsichtlich Digitalisierung oder der Energieerzeugung in einer Transformation. Damit ergibt sich bei neuen Geschäftsmodellen oder Bereichen wie der Künstlichen Intelligenz ein gewaltiges Potenzial. Zwar erscheinen die Bewertungen im Technologiebereich nicht mehr ganz günstig, dennoch ist das Umfeld aus sinkenden Zinsen in den USA und moderatem Wirtschaftswachstum für Aktien positiv. Nicht vergessen darf man auch, dass sich die Staaten zwar stärker verschulden, das Geld aber investiert werden soll. In Europa könnten sich somit Chancen bei Nebenwerten ergeben, die weit hinter den Standardwerten zurückgeblieben sind. Zugleich dürfte Gold von der anhaltenden Unsicherheit, sinkenden Zinsen und einem schwachen US-Dollar profitieren.
Wie sollten sich Anleger für 2026 positionieren?
Selten waren Anleger mit einem solch hohen Maß an Unsicherheit konfrontiert wie aktuell. Entsprechend raten Anlageprofis dazu, ein möglichst breit gestreutes Portfolio bestehend aus Aktien, festverzinslichen Wertpapieren, Rohstoffen wie Gold und Silber aber auch Cash, um in stärkeren Korrekturphasen nachkaufen zu können. In einem ausgewogenen und breit gestreuten Portfolio kommen Aktien auf einen Anteil von rund 50 Prozent, Anleihen auf 20 bis 30 Prozent, sowie jeweils rund zehn Prozent Rohstoffe und Barmittel.
Im Aktienbereich eignet sich als Basisanlage ein Exchange Traded Fund (ETF) auf den MSCI World, der die nach Marktkapitalisierung größten Unternehmen aus den Industriestaaten enthält. Dieser kann durch einen ETF oder einen aktiv gemanagten Fonds auf Nebenwerte sowie auf die Emerging Markets ergänz werden. Es besteht aber auch die Alternative auf einen Index wie den MSCI All Country World oder FTSE All-World zu setzen, die breiter aufgestellt sind und beispielsweise auch die Schwellenländer umfassen.
Ein Investment in den MSCI World lässt sich mit dem Xtrackers MSCI World ETF (ISIN: IE00BJ0KDQ92) oder dem Deka MSCI World ETF (DE000ETFL50) umsetzen. Ergänzt werden könnte dies durch den Amundi MSCI Emerging Markets (LU1681045370), den Xtrackers MSCI Emerging Markets (LU2675291913) oder den Nebenwerte-ETF iShares MSCI World Small Cap (IE00BF4RFH31). Wer mit nur einem Produkt möglichst breit investieren will, kann das mit dem der Amundi MSCI All Country World (LU1829220216) oder dem Vanguard FTSE All-World (IE00B3RBWM25) tun.
Im Anleihebereich bieten sich Unternehmens- wie auch Staatsanleihen bester Bonität an, um das Portfolio zu stabilisieren. Ein Beispiel für ein Investment in Unternehmensanleihen aus dem sogenannten Investment-Grade-Bereich, also mit hoher Bonität, ist der iShares Euro Corporate Bond (IE00B3F81R35), für sichere Staatsanleihen kann der iShares Euro Government Bond 7-10yr (IE00B1FZS798) genutzt werden. Gold wiederum lässt sich durch den physisch hinterlegten Xetra Gold ETC (DE000A0S9GB0) abbilden, eine Silber-Position durch den WisdomTree Physical Silver (JE00B1VS3333).
Wer sich im Rohstoffbereich breiter aufstellen möchte, kann alternativ den iShares Diversified Commodity Swap UCITS ETF (IE00BDFL4P12) nehmen. Für die Cash-Position bietet sich Tagesgeld oder ein Geldmarkt-ETF wie der Amundi Smart Overnight Return ETF (LU1190417599) an, da das Geld schnell und jederzeit verfügbar sein sollte. Auf diese Weise entsteht ein breit gestreutes Portfolio, mit dem Anleger gut durch die aktuell unsicheren Zeiten kommen sollten, zugleich aber langfristig trotzdem einen Wertzuwachs erzielen können.