Reizdarmsyndrom bei Frauen: Löst Östrogen Schmerzen aus?
Marcus SefrinAuf der Suche nach einem Grund für die deutlich höhere Prävalenz des Reizdarmsyndroms bei Frauen haben US-Forscher einen neuen östrogenabhängigen Signalweg beschrieben.
Reizdarm trifft Frauen doppelt so oft wie Männer
Weltweit wird die Prävalenz des Reizdarmsyndroms auf rund elf Prozent geschätzt. Doch Epidemiologie, Inzidenz und Prävalenz des Reizdarmsyndroms sind variabel, definitionsabhängig und werden von zahlreichen Kriterien beeinflusst, betont die aktuelle S3-Leitlinie zum Thema. Sie nennt 15 pathophysiologisch relevante molekulare und zelluläre Faktoren, die beim Reizdarmsyndrom auftreten können. Eine Aussage aber macht die Autorengruppe ganz klar: Das Reizdarmsyndrom tritt häufiger bei Frauen auf. In der zweiten und dritten Lebensdekade würden Frauen im Verhältnis 2:1 überwiegen.
In den aktuellen Rom-IV-Kriterien wird das Reizdarmsyndrom als Störung der Darm-Hirn-Achse angesehen.
Reizdarm-Symptome verschlechtern sich kurz vor der Periode
Viele Frauen berichten davon, dass sich die Reizdarm-Symptome mit dem Zyklus verändern; sie würden kurz vor und während der Regelblutung schlimmer. Als naheliegende Erklärung wird eine Abhängigkeit auch von Sexualhormonen diskutiert.
Ein Forscherteam der University of California, San Francisco hat nun am Mausmodell einen neuen Weg aufgezeigt, über den Östrogen Schmerzen im Darm auslösen und die Empfindlichkeit für sogenannte FODMAP (fermentierbare Oligosaccharide, Disaccharide, Monosaccharide und Polyole)-Nahrungsmittel und ihre Abbauprodukte steigern kann.
Östrogenrezeptoren in L-Zellen der Darmschleimhaut entdeckt
Bis dato war die Lokalisation von Rezeptoren für Östrogen in der Darmschleimhaut nicht bekannt; die Wissenschaftler fanden sie in den L-Zellen. Das sei überraschend gewesen, denn in einer früheren Studie hatte das Team herausgefunden, dass die enterochromaffinen Zellen (EC-Zellen) im Kolon an der Entstehung der Schmerzen beteiligt sind. Die Weiterleitung an die sensorischen Nerven erfolgt durch den Neurotransmitter Serotonin.
Die aktuelle Arbeit zeigt nun ein Wechselspiel zwischen beiden Zellarten bei der Schmerzentstehung: Östrogen reguliert auf den L-Zellen Olfr78 hoch, einen Rezeptor für kurzkettige Fettsäuren. Dies führt zur vermehrten Ausschüttung des bisher als Sättigungshormon bekannten Peptids YY (PYY). Dieses bewirkt über den Neuropeptid-Y-Rezeptor Typ 1 (NPY1R) eine erhöhte Serotonin-Freisetzung aus benachbarten EC-Zellen und in Folge die Aktivierung von sensorischen Nervenfasern.
Die Autoren vermuten, dass Schwankungen der Hormonspiegel zusammen mit anderen Faktoren wie Stress und Ernährung diesen Regelkreis im Darm verstärken und so zu einer fehlangepassten Darmempfindlichkeit führen können.
Ovarien entfernt: Schmerzreduktion im Tierversuch bestätigt
Bei weiblichen Mäusen konnten die Forscher nach Entfernung der Ovarien oder durch Blockade von Östrogen, Serotonin oder PYY eine deutliche Reduktion der Schmerzen im Darm beobachten. Bei männlichen Mäusen stieg die Darmempfindlichkeit durch Steigerung der Östrogen-Spiegel auf das bei weiblichen Tieren gefundene Niveau an.
Zwiebeln, Weizen und Bohnen befeuern die Darmempfindlichkeit
Die von Olfr78 detektierten kurzkettigen Fettsäuren sind Metaboliten von Darmbakterien, die bei der Verstoffwechselung von Lebensmitteln entstehen, die FODMAPs enthalten. Als Beispiele für FODMAP-reiche Lebensmittel werden Zwiebeln, Knoblauch, Honig, Weizen und Bohnen genannt. Sogenannte Low-FODMAP-Diäten werden zur Reduktion von Reizdarm-Symptomen schon länger propagiert.
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