MVZ unter Druck: „Wir brauchen klare Prozesse statt Flickenteppich"
A&W RedaktionDer MVZ-Markt ist in Bewegung: Was jahrelang durch schnelles Wachstum geprägt war, wird jetzt zum Problem. Unterschiedliche IT-Systeme, verschiedene Prozesse, unklare Zuständigkeiten – viele MVZ-Gruppen kämpfen mit den Folgen ihrer Expansion. Dr. Dr. Dirk Knüppel, langjähriger CEO im ambulanten Sektor und Partner bei ISP Healthcare, erklärt im Interview, warum die Integration schwieriger wird als erwartet, welche Fehler Betreiber vermeiden sollten und warum Employer Branding über Erfolg oder Scheitern entscheidet.
Nach Jahren des dynamischen Ausbaus stehen Medizinische Versorgungszentren (MVZ) an einem entscheidenden Punkt ihrer Entwicklung. Viele Gruppen sind durch Zukäufe gewachsen, doch dieses Wachstum hat in zahlreichen Fällen zu heterogenen Strukturen geführt: unterschiedliche Prozesse, verschiedene IT-Systeme, unklare Verantwortlichkeiten und eine steigende administrative Last. Zugleich verschärfen Fachkräftemangel, steigende Kosten und der gesellschaftliche Wunsch nach digitalen, flexiblen Versorgungsangeboten den Druck auf die Organisationen. . Wie MVZ diesen Herausforderungen begegnen können und welche Weichen jetzt gestellt werden müssen, erläutert Dr. Dr. Dirk Knüppel im folgenden Interview.
Herr Knüppel, viele MVZ-Gruppen berichten von zunehmender Komplexität und wachsenden Engpässen. Wie würden Sie die gegenwärtige Situation im deutschen MVZ-Markt beschreiben?
Der Druck auf MVZ nimmt spürbar zu. Wie alle Leistungserbringer im Gesundheitswesen kämpfen sie mit einem weiter wachsenden Fachkräftemangel, der nahezu alle Berufsgruppen betrifft – von Fachärztinnen und Fachärzten über MFAs bis hin zu pflegerischem oder medizintechnischem Personal. Das führt nicht nur zu steigenden Arbeitskosten, sondern in manchen Fällen auch zu Einschränkungen im Leistungsangebot. Die jährliche Erhöhung des EBM-Punktwerts kann diese Mehrkosten nur teilweise kompensieren. In der Folge kann es insbesondere dort, wo Personal sehr knapp ist, zunehmend zu Praxisschließungen kommen. Gleichzeitig zieht es viele junge Ärztinnen und Ärzte heute eher in die Anstellung als in die Selbstständigkeit, was die Personalsituation weiter verschärft. Hinzu kommt, dass die Erwartungen der Patientinnen und Patienten steigen: Neben medizinischer Qualität werden heute flexible Terminvergabe, Serviceorientierung und digitale Angebote vorausgesetzt. Bei MVZ-Gruppen wirkt sich der Fachkräftemangel zudem auf das Backoffice aus – Funktionen wie Controlling, Personal oder IT sind ebenso betroffen. Und nicht zuletzt belasten höhere Zinsen viele MVZ aufgrund ihrer Finanzierungsmodelle.
Wenn man diese Gemengelage betrachtet – wohin wird sich die Entwicklung aus Ihrer Sicht in den kommenden Jahren bewegen?
Wir müssen davon ausgehen, dass sich viele dieser Trends weiter verstärken werden. Der Personalmangel, steigende Kosten und die wachsenden Erwartungen der Bevölkerung werden die Zusammenarbeit zwischen Beschäftigten, Trägern und Patientinnen und Patienten schwieriger machen. Der Trend zur Anstellung wird sich fortsetzen und damit die Konsolidierung im ambulanten Bereich beschleunigen. Weitere Praxisschließungen, gerade in ländlichen Regionen, sind wahrscheinlich. Um die Versorgung sicherzustellen, werden neue Modelle notwendig sein – etwa eine stärkere Einbindung von Pflegekräften oder weitreichendere digitale Lösungen. Die Bundesregierung hat hierfür das Gesetz zur Befugniserweiterung und Entbürokratisierung in der Pflege auf den Weg gebracht, das u.a. mehr eigenverantwortliche Heilkundeausübung zum Beispiel bei Diabetes, Demenz oder in der Wundversorgung ermöglicht. Auch bei den digitalen Angeboten geht es um integrierte Systeme, die den gesamten Ablauf von der Terminvergabe über Telekonsultationen bis hin zu Verordnungen abbilden und sowohl Patienten als auch Arztpraxen und MVZs spürbar entlasten. Während sich der Zinsanstieg zuletzt zwar etwas abgeschwächt hat, führt die globale Lage weiterhin zu wirtschaftlicher Unsicherheit, was sich auch in der Finanzierung gesundheitlicher Einrichtungen bemerkbar machen wird.
Über Dirk Knüppel
Dr. Dr. Dirk Knüppel ist Partner bei ISP Healthcare und verfügt über mehr als 20 Jahre Führungserfahrung im Gesundheitswesen. Er war unter anderem CEO der MED:ON Gruppe sowie Group CEO der evidia Gruppe und gilt als ausgewiesener Experte für den Aufbau, die Integration und operative Weiterentwicklung medizinischer Versorgungsstrukturen.
Viele Betreiber sprechen davon, dass MVZ zunehmend „unter Druck“ geraten. Worin liegt dieser Druck konkret begründet?
Er resultiert vor allem aus der Kombination von Personalknappheit, steigenden Kosten und komplexeren Anforderungen. Viele MVZ-Gruppen sehen sich gezwungen, ihre Produktivität zu erhöhen – doch dieser Integrations- und Professionalisierungsprozess dauert länger und gestaltet sich schwieriger als ursprünglich erwartet. Hintergrund ist, dass einerseits akquirierte Praxen recht individuell aufgestellt und ausgestattet sind, u.a. beim Personal, der IT und der Medizintechnik und andererseits gewisse Standards notwendig sind, um eine größere werdende MVZ-Gruppe effizient zu managen. Zudem gab es in den vergangenen Jahren nur wenige Transaktionen von kompletten MVZ-Gruppen, bedingt durch gestiegene Zinsen und politische Unsicherheit. Da die übliche Haltedauer von Investoren zwischen drei und sechs Jahren liegt, nähern sich einige MVZ-Gruppen inzwischen dieser Grenze oder haben sie bereits überschritten. Das führt zu zusätzlichen strategischen Überlegungen auf Eigentümerseite und erhöht den Druck weiter.
Wie schätzen Sie vor diesem Hintergrund die aktuelle politische Diskussion rund um MVZ ein?
Die Branche ist seit der Ankündigung des Bundesgesundheitsministers Ende 2022, ein Gesetz zur Regulierung investorengetragener MVZ vorzulegen, in Aufruhr. Zwar gibt es bis heute keinen konkreten Gesetzentwurf, doch im Koalitionsvertrag ist eine gewisse Regulierung bereits vorgesehen. Gleichzeitig bleibt der politische Druck bestehen, insbesondere aus den Ländern. Auch wenn das Bundesgesundheitsministerium derzeit andere Prioritäten setzt, ist das Thema nicht gänzlich vom Tisch. Diese Unsicherheit wirkt sich deutlich auf Investitionsentscheidungen und langfristige Planungen aus.
Unabhängig von der politischen Lage: Welche strukturellen Schritte sollten MVZ-Gruppen aus Ihrer Sicht unbedingt angehen, um langfristig handlungsfähig zu bleiben?
Es braucht eine klare Strategie, die definiert, welche Aufgaben lokal, regional oder zentral erbracht werden. Viele MVZ sind stark gewachsen, ohne ihre Strukturen systematisch anzupassen. Dadurch sind Funktionen teils doppelt vorhanden, Abstimmungen kompliziert und Verantwortlichkeiten unklar. Das führt nicht nur zu Effizienzverlusten, sondern beeinträchtigt auch die Motivation der Mitarbeitenden. Klare Prozesse und eindeutige Zuständigkeiten sind deshalb essenziell. Nur so lassen sich Ressourcen gezielt einsetzen und Reibungsverluste vermeiden.
Ein großer Engpass bleibt der Mangel an Fachkräften. Was können MVZ tun, um auf der Personalseite besser aufgestellt zu sein?
MVZ haben durchaus Gestaltungsspielräume. Entscheidend ist ein starkes, nach außen klar kommuniziertes Employer Branding. Bewerbern muss deutlich werden, wofür ein Arbeitgeber steht und was ihn von anderen unterscheidet. Bewerbungsprozesse sollten möglichst niederschwellig gestaltet sein, und schnelle Reaktionszeiten sind entscheidend. Bei ärztlichen Positionen ist der Einsatz professioneller Recruiter oft unerlässlich, ergänzt durch interne Ressourcen und ein breites Netzwerk. Ebenso wichtig sind Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten – sowohl für MFAs als auch für angehende Fachärzte oder administrative Berufsgruppen. Schließlich müssen Vergütung und Zusatzleistungen marktgerecht sein. Gerade attraktive Benefits, wie zum Beispiel flexible Arbeitszeitmodelle und Möglichkeit zum Homeoffice, Jobtickets, aber auch finanzielle Leistungen wie betriebliche Altersversorgung, bieten MVZ die Chance, sich positiv von Wettbewerbern abzuheben.
Wie lautet Ihr Fazit, Herr Knüppel?
MVZ bewegen sich heute in einem Spannungsfeld aus wachsender Komplexität, wirtschaftlichem Druck und steigenden Erwartungen an moderne Versorgung. Die nächste Entwicklungsphase wird vor allem von Integration, Strukturaufbau und weiterer Professionalisierung geprägt sein. Wer klare Prozesse schafft, strategisch denkt und seine Attraktivität als Arbeitgeber stärkt, kann aus heterogenen Verbünden leistungsfähige Organisationen formen. Die kommenden Jahre bieten MVZ, die diese Weichen rechtzeitig stellen, die Chance, gestärkt und zukunftsfähig aus dem Wandel hervorzugehen.
Herr Knüppel, wir danken Ihnen für das Gespräch.