Nahrungsergänzungsmittel: Wie sie bei Social Media verharmlost werden
Deborah WeinbuchNahrungsergänzungsmittel sind gefragter denn je. Persönliche Erfahrungsberichte und vermeintliche „Health Hacks“ prägen dabei zunehmend die Wahrnehmung – mit dem Risiko enorm hoher Dosierungen.
Für viele Menschen gehört die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln (NEM) inzwischen zum Alltag. Laut Befragungen des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) nutzt mehr als die Hälfte der Bevölkerung sie regelmäßig, im Jahresverlauf sogar 75 Prozent. Vor 15 Jahren lag dieser Anteil noch bei 28 Prozent. Ein häufiges Motiv ist die Selbstoptimierung: Gewünscht werden mehr Energie, bessere Abwehrkräfte, schönere Haut und Haare. Personen, die sich primär über soziale Medien informieren, nehmen dabei laut Bundesgesundheitsblatt im Schnitt mehr Präparate ein und bewerten deren Nutzen positiver als Menschen, die Informationen aus klassischen Quellen beziehen.
Risiken bei zu hoher Dosierung von Nahrungsergänzungsmitteln
Influencer mit hoher Reichweite inszenieren Erfahrungsberichte und normalisieren dabei oft hohe Dosierungen ohne zeitliche Begrenzung. So berichtet etwa Influencer Fabian Kowalik, täglich 10.000 bis 25.000 IE Vitamin D einzunehmen – Risiken wie Hyperkalzämie oder Nierensteine sowie die Notwendigkeit einer ärztlichen Begleitung bleiben im Video unerwähnt. Megadosen von B-Vitaminen kursieren als Mutproben, etwa die „Flush-Challenge“ auf TikTok mit Vitamin B3 (#niacinflush). Teilnehmende dokumentieren die typischen Hautrötungen und das Hitzegefühl nach mehreren hundert Milligramm Niacin; möglich sind zudem Nesselsucht und bei toxischer Dosis Leberschäden. Sehr hohe, langfristige B6-Dosierungen können zu Hautläsionen, Lichtempfindlichkeit und Nervenschäden führen.
Sicherheitsüberprüfung bei Nahrungsergänzungsmitteln auf niedrigem Niveau
Etwa die Hälfte der Verbraucherinnen und Verbraucher hält NEM fälschlicherweise für ähnlich kontrolliert wie Arzneimittel. Tatsächlich gelten sie rechtlich als Lebensmittel, eine behördliche Sicherheitsprüfung vor Markteintritt findet nicht statt; überwacht wird nur stichprobenartig. Besonders riskant sind Internetangebote aus dem Ausland, die außerhalb der deutschen Kontrolle liegen.
Über den Wunsch nach Anti-Aging-Effekten wird zudem leicht eine Spirale stetig zunehmender Produktnutzung losgetreten. Das BfR betont: Für gesunde Menschen mit ausgewogener Ernährung sind NEM in der Regel überflüssig. In bestimmten Lebensphasen und -situationen ist eine gezielte Ergänzung jedoch sinnvoll – etwa bei veganer Ernährung, in der Rekonvaleszenz oder in Schwangerschaft und Stillzeit.
Sondersituation im Alter
Eine weitere Sondersituation ist das höhere Alter. Darauf weist ein Team um Prof. Tilman Grune vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE) hin. Bei Menschen über 65 Jahren wird die Versorgung mit Mikronährstoffen oft kritisch. Die Vitamin-D-Synthese nimmt ab, die Magensäureproduktion sinkt, Motilität und Medikamente verändern die Resorption. Daten aus der KORA-Kohorte zeigen: Ein Großteil der älteren Erwachsenen erreicht die empfohlene Vitamin-D-Zufuhr nicht; auch Vitamin B12 und Magnesium sind häufig erniedrigt. Eisen, Folat und Calcium können ebenfalls kritisch sein. Damit unterscheidet sich diese Altersgruppe von der Allgemeinbevölkerung. Für die Praxis gilt: Überversorgung klar adressieren – und echte Defizite dabei im Blick behalten.
Pflanzliche Präparate werden von Patienten häufig nicht erwähnt
Viele Hautpatientinnen und -patienten nehmen pflanzliche Präparate wie Kurkuma, Grüntee-Extrakt oder Ashwagandha ein. Einige dieser Stoffe können hepatische Enzyme und damit die Pharmakokinetik systemisch wirksamer Medikamente beeinflussen. Relevant ist dies bei Therapien, die über CYP-Enzyme metabolisiert werden – beispielsweise bei Ciclosporin, systemischen Steroiden oder bestimmten Retinoiden. Bei Patientinnen und Patienten, die eine systemische Therapie erhalten, kann es sich daher lohnen, die Einnahme von NEM aktiv zu erfragen.