Ärztliche Versorgungswerke unter Druck: Was Ärztinnen und Ärzte jetzt wissen müssen
Marzena SickingIn mehreren Bundesländern stehen ärztliche und zahnärztliche Versorgungswerke unter Druck: Berichte über Abschreibungen, Fehlinvestitionen und Wertverluste verunsichern ihre Mitglieder. Immer mehr Ärztinnen und Ärzte fragen sich, wie solide ihre Versorgungseinrichtung aufgestellt ist und vor allem, was das für ihre Altersrente bedeutet.
Jahrelang galten berufsständische Versorgungswerke als verlässliche Säule der Altersvorsorge. Stabil, gut finanziert, solide angelegt – so zumindest die weit verbreitete Wahrnehmung unter Ärztinnen und Ärzten. Doch die aktuelle Entwicklung zeigt, dass dieses Vertrauen nicht uneingeschränkt gerechtfertigt war. In gleich mehreren Bundesländern mussten Versorgungswerke zuletzt hohe Verluste melden. Für viele Mediziner stellt sich jetzt deshalb die Frage: Wie sicher ist meine Rente tatsächlich?
Hohe Verluste bei mehreren Versorgungswerken: Überblick über die aktuelle Lage
Fakt ist: Gleich in mehreren Bundesländern stehen Versorgungswerke aufgrund von Fehlinvestitionen unter Druck. Vor allem riskante Unternehmensbeteiligungen und unbesicherte Darlehen führten zu teils massiven Abschreibungen und Verlusten:
Berlin – Zahnärzteversorgung mit massivem Schaden:
Das Versorgungswerk der Zahnärztekammer Berlin warnt seine rund 10.000 Mitglieder vor möglichen Rentenkürzungen und höheren Beiträgen. Grund sind offenbar riskante Beteiligungen und ungesicherte Darlehen. Medien berichten über einen Verlust von bis zu einer Milliarde Euro. Das wäre ein unfassbarer Skandal. Die spektakuläre Verlusthöhe wurde vom Versorgungswerk selbst bislang zwar nicht bestätigt, die Mitglieder sind aber trotzdem deutlich verunsichert.
Hessen – Millionenverluste durch Immobilienfinanzierungen:
Die Ärzteversorgung in Hessen musste knapp 300 Millionen Euro auf Immobilien-Mezzanine-Finanzierungen abschreiben, insbesondere auf Projekte insolventer Entwickler.
Bayern – Versorgungskammer verliert durch US-Immobilieninvestments:
Besondere mediale Aufmerksamkeit erfährt derzeit die Bayerische Versorgungskammer (BVK), die auch die bayerische Ärzteversorgung verwaltet und der aktuellste bekannt gewordene Fall ist. Sie rechnet nach Fehlinvestitionen in mehrere US-Immobilienprojekte mit Abschreibungen von bis zu 700 Millionen Euro. An einzelnen Geschäften war wohl der US‑Investor Michael Shvo beteiligt, gegen den in den Vereinigten Staaten Klagen laufen. Die BVK betont zwar, dass laufende Rentenzahlungen nicht gefährdet seien, doch politisch und reputativ ist der Schaden jetzt schon erheblich.
Schleswig-Holstein – 64 Mio. Euro Verlust im ärztlichen Versorgungswerk:
Auch hier wurden hochwertige Immobilienprojekte als Anlage ausgewählt, die dann deutlich an Wert verloren haben. Hier fielen bislang Abschreibungen in Höhe von fast 64 Millionen Euro an.
Die Liste zeigt: Die Probleme der Versorgungswerke können nicht mehr als Einzelfälle abgetan werden. Zumal alle ein gemeinsames Muster vorweisen, das für die benannten Probleme verantwortlich ist.
Warum geraten ärztliche Versorgungswerke unter Druck?
Die meisten Versorgungswerke arbeiten nach dem offenen Deckungsplanverfahren: Die Beiträge werden langfristig am Kapitalmarkt investiert. Das funktioniert gut, solange die Renditen stimmen. Doch mehrere Faktoren haben das System zuletzt sehr verwundbar gemacht.
1. Langjährige Niedrigzinsphase führte zu mehr Risiko:
Um auskömmliche Renditen zu erzielen, investierten viele Versorgungswerke stärker in:
Projektentwicklungen
Immobilienfonds
Unternehmensbeteiligungen
Mezzanine-Kredite
Offenbar war nicht alles ausreichend abgesichert.
2. Gremienstrukturen mit begrenzter Finanzexpertise:
Viele Versorgungswerke setzen in ihrer Verwaltung in erster Linie auf ehrenamtliche Vertreter. Diese verfügen aber nicht zwangsläufig über tiefgehende Kapitalmarkterfahrung oder Expertise in der Anlage größerer Geldsummen. Dennoch müssen sie regelmäßig über hochkomplexe Kapitalanlagen entscheiden. Beobachter kritisieren diese Konstellation zunehmend als strukturelle Schwäche.
3. Wenig externe Kontrolle:
Versorgungswerke unterliegen in vielen Bundesländern zudem einer geringeren staatlichen Überwachung als Versicherer oder Pensionskassen. Das schafft Freiräume, aber auch höhere Risiken.
Wie sicher ist die Rente von Ärztinnen und Ärzten noch?
Eine unmittelbare Gefährdung der laufenden Renten besteht nach derzeitiger Einschätzung trotzdem nicht. Alle betroffenen Einrichtungen betonen, dass sie weiterhin leistungsfähig sind. Die Verluste werden sich vor allem auf die Rendite und damit in erster Linie auf die Entwicklung künftiger Rentenansprüche auswirken.
Im Umkehrschluss bedeutet das: es kann nicht mit absoluter Sicherheit ausgeschlossen werden, dass es künftig noch zu folgenden Auswirkungen kommen könnte:
geringere Rentenanpassungen in den kommenden Jahren
mögliche Beitragserhöhungen
Änderung der Leistungsfaktoren (wie z.B. Verzögerungen oder Ausfälle von Wertsteigerungen in Anwartschaften)
strengere Vorgaben für Einmalzahlungen
Anpassungen bei Hinterbliebenen‑ oder BU-Leistungen
Sicher ist derzeit nur: Ärztinnen und Ärzte werden sich in Zukunft stärker als bisher mit ihrem Versorgungswerk beschäftigen müssen. Geschäftsberichte, Vertreterversammlungen und Transparenzberichte liefern auch heute schon wertvolle Hinweise darauf, wie solide die Anlagepolitik des jeweiligen Versorgungswerks tatsächlich ist.
Ärzteversorgung bleibt stabil, aber die Zeit der Selbstverständlichkeit ist vorbei
Die aktuellen Fälle haben Ärztinnen und Ärzten sehr deutlich vor Augen geführt, dass auch Versorgungswerke nicht unverwundbar sind. Zwar haben die meisten Einrichtungen weiterhin eine solide Substanz und leistungsfähige Strukturen, doch die Zeit des unreflektierten Vertrauens seitens der Mitglieder dürfte nun endgültig vorbei sein.
Checkliste: Was Ärztinnen und Ärzte jetzt tun sollten
1. Geschäfts- und Jahresberichte prüfen
Achten Sie hier besonders auf:
Immobilienquote
illiquide Anlagen
Höhe der Abschreibungen
Entwicklung der Rentenfaktoren
2. Vertreterversammlungen aktiv nutzen
Fragen Sie nach:
Risikomanagement
Entscheidungswegen
externen Kontrollen
Diversifikationsstrategie
3. Private Altersvorsorge ergänzen
Vernünftige Bausteine können sein:
Rürup-Basisrente
breit diversifizierte ETF-Sparpläne
risikoarme Immobilienanlagen
zusätzliche BU‑ und Hinterbliebenenverträge
4. Einmalzahlungen mit Vorsicht tätigen
In stabilen Systemen sind sie attraktiv – in angespannten Situationen sollte man genau hinsehen, bevor man größere Summen bindet.