Zwischen Praxisgründung und Praxisführung: Co-Leadership in der Arztpraxis
Stefanie JunghansWer eine Arztpraxis eröffnet, wird mit der Gründung automatisch auch Führungskraft. Teamführung, Administration, Organisation: Das kommt alles auf Praxisinhaber zu, ohne dass sie darauf vorbereitet wurden. Wie Co-Leadership dabei helfen kann, den Einstieg und Praxisalltag zu meistern, erklärt Stefanie Junghans im folgenden Beitrag.
„Eigentlich ist alles herausfordernd, außer die Arbeit am Patienten“, sagte mir letztens eine Ärztin, mit der ich mich über ihre Praxis unterhalten habe. Dieser Satz trifft es gut. Denn Ärzte werden für die Behandlung und Versorgung von Patienten ausgebildet. Doch mit der Eröffnung oder Übernahme einer Praxis kommen zwei wesentliche Blöcke hinzu, die zuvor im Studium keine Rolle gespielt haben: Administration und Führung.
Was mit der Praxisgründung wirklich kommt
Eine Arztpraxis lässt sich nicht im Alleingang betreiben. Es braucht Medizinische Fachangestellte, Unterstützung an der Anmeldung, vielleicht eine Praxisleitung oder mehr. Wer eine Praxis gründet, ist somit in der Regel vom ersten Tag an auch Arbeitgeber: Neben der medizinischen Arbeit müssen die Inhaber Mitarbeitende führen, Konflikte lösen und Kommunikation managen. Hinzu kommen die administrativen Aufgaben einer Praxis, wie E-Mails beantworten, Prozesse organisieren, Krankenversicherungen Rückmeldungen geben und Kostenvorschläge schreiben.
Viele (junge) Ärzte schlittern in die Verantwortung der Praxisführung, ohne wirklich darauf vorbereitet zu sein. Es ist ein strukturelles Problem, das immer mehr davon abhält, eine eigene Praxis zu eröffnen.
Immer weniger wollen diesen Schritt gehen
Der Anteil der niedergelassenen Ärzte sank laut Stiftung Gesundheit zwischen 2022 und 2024 von 72,6 auf 70,3 Prozent. Zeitgleich stieg der Anteil der in MVZ angestellten Ärzten von 13,8 Prozent (2022) auf 16,2 Prozent (2024). 2023 arbeiteten erstmals mehr als 50.000 Ärzte und Psychotherapeuten angestellt – die Zahl der Anstellungen hat sich seit 2013 verdoppelt (Quelle: KBV 2024). Der Trend geht in Richtung Anstellung, weil sie das bietet, was eine eigene Praxis in der klassischen Form oft nicht kann: Flexibilität, planbare Arbeitszeiten, keine alleinige Verantwortung, weniger Druck.
Das ist nachvollziehbar, aber der Versorgungsauftrag bleibt bestehen und der Bedarf an niedergelassenen Ärzten wächst. Was fehlt, ist ein Modell, das die Selbstständigkeit wieder attraktiver macht, indem es die Last verteilt, statt sie auf einer einzelnen Person abzuladen.
Was Co-Leadership bedeutet
Co-Leadership beschreibt ein Führungsmodell, bei dem sich zwei Personen eine Rolle teilen. Das ist keine klassische Partnerpraxis mit getrennten Zuständigkeiten, sondern wirklich geteilte Verantwortung. Die beiden stehen füreinander ein, haben gemeinsame Ziele und führen auf Augenhöhe.
Dabei ist das Modell flexibel gestaltbar. Beide können in Vollzeit tätig sein, es ist aber genauso möglich, dass eine oder beide Personen in Teilzeit arbeiten. Wie sich das Tandem aufstellt, richtet sich nach den Bedürfnissen der Personen und der Praxis.
Wie Co-Leadership konkret helfen kann
Co-Leadership nimmt Ärzten nicht ab, was mit der Praxisführung auf sie zukommt: Nur weil sie im Tandem führen, werden sie nicht automatisch zu einer besseren Führungskraft. Aber Co-Leadership kann die Last sinnvoll verteilen.
Beispielsweise bringen zwei Personen unterschiedliche Stärken mit. Die eine ist vielleicht besser in der direkten Kommunikation mit dem Team, die andere hat mehr Freude an Abrechnung, Dokumentation oder dem Beantworten von E-Mails.
Ein weiterer Vorteil ist, dass man in keiner Situation auf sich allein gestellt ist. Im Tandem greifen Ärzte sich unter die Arme, fragen sich gegenseitig, reflektieren gemeinsam und lernen voneinander. Gerade in der Anfangszeit, wenn alles neu ist und Ärzte sich in vieles gleichzeitig einarbeiten, macht das einen echten Unterschied.
Verschiedene Wege, Co-Leadership zu gestalten
Es gibt nicht das eine Modell, wie Co-Leadership in einer Arztpraxis aussehen muss. Stattdessen wird es angepasst, je nachdem, was die Personen mitbringen und was die Praxis braucht. Gängige Möglichkeiten sind:
Zwei Ärzte gründen gemeinsam und teilen sich Behandlung sowie Praxisführung gleichmäßig auf.
Eine ärztliche und eine nicht-ärztliche Person übernehmen gemeinsam die Leitung: Die eine fokussiert sich auf Patientenversorgung, die andere auf Organisation, Personal und Prozesse.
Eine erfahrene Inhaberin gibt über zwei bis drei Jahre schrittweise an eine jüngere Person ab, bevor sie ganz ausscheidet.
Was alle Varianten gemeinsam haben: Niemand muss alles allein machen.
Was es braucht, damit es funktioniert
Co-Leadership funktioniert nicht automatisch. Was es braucht, ist ein bewusstes Aufsetzen von Anfang an. Entscheidend ist dabei das Fundament, das sich aus einer klaren Aufgabenverteilung und offener Kommunikation zusammensetzt. Wie werden Entscheidungen getroffen? Wer ist für was zuständig? Wie stimmt man sich ab, wenn man unterschiedlicher Meinung ist?
Wer glaubt, dass sich das von selbst findet, liegt leider falsch. Gerade in der Anfangszeit braucht es mehr Austausch, am besten in einem regelmäßigen Termin. Lieber einmal mehr kommunizieren als einmal zu wenig. Das gilt besonders dann, wenn man denkt, schon zu wissen, was die andere Person meint. Zu Beginn ist das ein Aufwand, aber es ist auch die Grundlage für eine erfolgreiche Zusammenarbeit.
Fazit: Gründen muss man nicht allein
Eine Praxis zu gründen, heißt nicht, dass man sie auch allein führen muss. Co-Leadership ist ein Modell, das genau dort ansetzt, wo viele junge Ärzte zurückschrecken: bei der Last, alles auf einmal und allein tragen zu müssen. Dabei ist Co-Leadership kein Allheilmittel. Aber es ist ein Modell, das Selbstständigkeit für Menschen möglich macht, die sie sonst nicht in Betracht ziehen würden.