So funktioniert „Social Prescribing“: Wenn Hausärzte soziale Unterstützung verschreiben
Deborah WeinbuchEuropäische Forscher erproben zurzeit das „soziale Rezept“: Statt Pillen verschreiben Ärzte Kunstkurse, Wandergruppen oder Beratungsgespräche. 1.800 Patienten testen, ob Menschlichkeit die beste Medizin ist.
Nicht jede Krankheit hat rein körperliche Ursachen. Oft sind es auch Einsamkeit, Beziehungsprobleme oder finanzielle Sorgen, die Menschen krank machen. Das Konzept des „Social Prescribing“ (soziales Rezept) setzt hier an: Es verbindet medizinische Versorgung mit sozialer Unterstützung. Die Wurzeln des Konzepts reichen bis in die 1990er Jahre zurück, in Großbritannien ist Social Prescribing seit 2019 Teil der Primärversorgung. Ein Forscherteam um Prof. Wolfram Herrmann von der Berliner Charité will nun die Evidenzlage durch ein paneuropäisches Projekt stärken. Mit einer Förderung von 6,9 Millionen Euro durch die Europäische Union sollen in den Jahren 2025 bis 2029 praktikable Modelle entwickelt und deren Wirksamkeit geprüft werden.
Social Prescribing Europe: Studie mit gefährdeten Gruppen
Beteiligt am Social Prescribing Europe (SP-EU) sind 22 Gesundheits- und Forschungseinrichtungen aus Deutschland, Belgien, Kroatien, Dänemark, Polen, Portugal, Spanien und der Schweiz. Im Fokus stehen drei besonders gefährdete Gruppen: ältere alleinlebende Menschen, LGBTIQ-Personen sowie Geflüchtete und Migrantinnen und Migranten der ersten Generation. Gemeinsam mit diesen Zielgruppen entwickeln die Forschenden soziale Verschreibungsmodelle, um die Interventionen an die jeweiligen Bedürfnisse anzupassen. Die randomisierte, kontrollierte Studie zur Effektivität des Ansatzes mit rund 1.800 Teilnehmenden wird durch eine qualitative Studie ergänzt. Hier werden fördernde und hemmende Faktoren aus Sicht von Ärztinnen und Ärzten, Patientinnen und Patienten, Kommunen und Entscheidungsträgern analysiert. Ziel ist es, eine belastbare Evidenz für die erfolgreiche Umsetzung in möglichst vielen europäischen Ländern zu schaffen.
Personenzentrierter Ansatz
Hausärztinnen und Hausärzte können dabei Patienten mit sozialen Problemen an sogenannte Link-Worker verweisen. Diese speziell geschulten Fachkräfte nehmen sich Zeit, um die persönliche Situation zu verstehen, Barrieren abzubauen und passende Angebote im lokalen Umfeld zu vermitteln – von Kunstkursen und Wandergruppen über Spieletreffs bis hin zu Schuldnerberatung oder Sozialdiensten. Ziel ist, Betroffene zu stabilisieren, ihr Selbstvertrauen zu stärken und die gesundheitlichen Folgen sozialer Ungleichheit abzumildern. Erste Modellpraxen in Brandenburg zeigen, dass die Zusammenarbeit von Hausärzten und -ärztinnen mit Link-Workern als entlastend und bereichernd erlebt wird.
Integrierte Gesundheitsversorgung
Politisch begleitet wird das Projekt SP-EU von EuroHealthNet, einer Europäischen Partnerschaft zur Förderung gesundheitlicher Chancengleichheit. Sie organisiert in Zusammenarbeit mit nationalen Partnern runde Tische, um Erkenntnisse in relevante Gesundheitsstrategien zu überführen. Langfristig soll das soziale Rezept skalierbar, kosteneffizient und wirksam sein. Ziel ist es, die Integration von Gesundheitsversorgung, sozialer Unterstützung und Gemeindestrukturen zu fördern – und damit den Übergang zu einer personenzentrierten, gemeindenahen und integrierten Gesundheitsversorgung in Europa voranzutreiben.
Gesundheit wird maßgeblich durch soziale und wirtschaftliche Lebensbedingungen geprägt
Soziale Isolation und Einsamkeit erhöhen das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfälle und Demenz, wie eine Vielzahl von Studien und Metaanalysen zeigen. Auch das Risiko schwerer Infektionen scheint erhöht. Besonders gefährdet sind ältere Menschen, chronisch oder psychisch Kranke sowie sozial benachteiligte Personen beispielsweise aufgrund von Armut. Gesellschaftliche Teilhabe und Unterstützung sind somit entscheidende Ansatzpunkte für die Prävention und Versorgung, da sie der Einsamkeit entgegenwirken.