Wirtschaftsnachrichten für Ärzte | ARZT & WIRTSCHAFT
Klinik

Die Klinikzeiten liegen für niedergelassene Ärztinnen und Ärzte in der Vergangenheit – zum Glück, muss man angesichts einer neuen Mitgliederbefragung des Marburger Bundes (MB) Hamburg sagen. Zwischen dem 7. und 25. Juli 2025 beteiligten sich rund 500 Klinikkolleginnen und -kollegen an der Online-Umfrage zu Machtstrukturen und Führungskultur. Die Ergebnisse sind vielfach schockierend. „Kaum eine andere Branche ist durch eine so starke Machtkonzentration und Abhängigkeit von Vorgesetzten geprägt“, sagt Dr. Pedram Emami, Vorsitzender des MB Hamburg. „Das schafft einen Nährboden für Machtmissbrauch.“

Kaskade des Anschreiens

Die meisten Befragten erleben die Klinikstrukturen als stark hierarchisch – hinderlich für Teamarbeit, Eigeninitiative und Innovation. Machtmissbrauch wurde erlebt oder beobachtet (87 %; davon 36 % vereinzelt, 51 % mehrfach). In den Freitext-Antworten wird von Entscheidungen berichtet, die selbst dann gelten, wenn sie Leitlinien oder Studien widersprechen. Laufe etwas schief, folge häufig eine „Kaskade des Anschreiens“, statt dass Verantwortung übernommen werde. Eine Stimme berichtet zudem, Frauen würden nicht an Führungsentscheidungen beteiligt; es bestünden Männerzirkel, die unter sich blieben.

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Quelle: Marburger Bund

Diskriminierende oder sachfremde Kommentare gehören für viele zum Alltag (81 %; bei den weiblichen Befragten 86 %). Freitext-Antworten berichten von übergriffigen, sexistischen Bemerkungen wie „Warum hatten wir noch nie Sex?“, „Welche Farbe hat Ihre Intimbehaarung?“ oder „Oh, Sie sind schwanger? Dann ist Ihre Karriere ja vorbei.“ Andere schildern Aussagen wie „Als Frau sollte man nicht in den OP, da muss man sich konzentrieren und darf mit den Gedanken nicht bei der Familie sein“ oder dass eine Beförderung der Kollegin ausgeschlossen sei, da sie wegen ihres Migrationshintergrunds sicher bald viele Kinder bekommen werde. Eine Stimme berichtet, dass Arbeitsverträge für Fachärztinnen im gebärfähigen Alter befristet sind, unbefristete Verträge für männliche Kollegen jedoch möglich seien. Andere berichten von schwulenfeindlichen oder rassistischen Äußerungen aufgrund der Herkunft. „Unsere Ergebnisse zeigen klar: Machtmissbrauch ist strukturell verbreitet – das sind keine Einzelfälle“, betont MB-Geschäftsführerin und Rechtsanwältin Katharina von der Heyde. Misogyne, sexistische oder rassistische Kommentare seien auch 2025 noch Alltag. Ziel sei es, die Problematik nun öffentlich zu machen und die Diskussion über Machtstrukturen, Hierarchien und Vielfalt in Führungspositionen voranzutreiben.

Intransparent und wenig objektiv

Viele beklagen intransparente oder ungerechte Führungsentscheidungen. 405 Freitext-Antworten beschreiben einen Sumpf an Missständen – von Vetternwirtschaft und willkürlichen Rotationen bis hin zu ökonomischen Vorgaben, die medizinischen Leitlinien widersprechen. Eine offene Feedback- und Fehlerkultur scheint nur selten etabliert zu sein. Mehr als 52 Prozent halten die Besetzungsverfahren für Führungspositionen für intransparent, mit wenig objektiven Kriterien. 54 Prozent sehen eine deutliche Unterrepräsentation von Frauen, Personen mit Migrationshintergrund oder Ärztinnen und Ärzten in Teilzeit. Insgesamt zeigt die Umfrage ein deutliches Missverhältnis zwischen dem Anspruch guter Führung und der gelebten Praxis in vielen Kliniken. Respekt, Transparenz und mehr Vielfalt dürften sowohl im Interesse der Beschäftigten als auch der Patientensicherheit sein.

Sexuelle Belästigung

Anzügliche Bemerkungen oder zweideutige Fragen – sexuell unerwünschtes Verhalten, das die Würde verletzt, gilt nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) als sexuelle Belästigung.

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