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Statement der KKNMS

Kein Zusammenhang zwischen COVID-19-Impfstoffen und Krankheitsschüben bei MS-Patienten

von Marzena Sicking

Ärztin spricht mit Patient

Die Wissenschaft geht bislang davon aus, dass der Nutzen einer COVID-19-Impfung bei weitem größer ist als ein möglicher Schaden durch Nebenwirkungen. Das gilt auch für Menschen mit chronischen Erkrankungen wie der Multiplen Sklerose. Viele Betroffene haben allerdings Angst, dass die Impfung neue Schübe auslösen könnte. Laut den bislang vorliegenden Zahlen ist das nicht der Fall.

Viele Menschen mit Multipler Sklerose sind derzeit stark verunsichert, da immer wieder behauptet wird, die Impfung gegen COVID-19 würde MS-Schübe bzw. Entzündungen im zentralen Nervensystem auslösen. Vor dem Hintergrund der bisher verfügbaren Daten zur COVID-19-Impfung von MS Patienten sind solche Aussagen aber nicht haltbar.

Kein Zusammenhang zwischen Impfung und Krankheitsaktivität

Für inaktivierte Impfstoffe, zu denen auch die Impfstoffe gegen COVID-19 zählen, gibt es hierzu schon eine Reihe von Fall-Kontroll-Studien. Nie konnte ein kausaler Zusammenhang zwischen Impfung und Krankheitsaktivität gefunden werden (1). „Im Gegenteil“, so Prof. Mathias Mäurer, Sprecher des Fachausschusses Versorgungsstrukturen und Therapeutika des KKNMS. „Es findet sich sogar eher Evidenz einer geringeren Krankheitsaktivität. Denn Impfungen schützen nachweislich vor Infektionen oder schwächen sie ab und bieten damit einen „indirekten“ Schutz vor MS-Krankheitsaktivität, die häufig im Zusammenhang mit Wildtyp-Infektionen beobachtet wird“.

Keine erhöhte Rate bei MS-Krankheitsschüben feststellbar

Eine Studie aus Israel zur COVID-19-Impfung von über 500 Patienten mit MS ergab, dass im Zusammenhang mit der ersten Impfung mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer 2.1 Prozent der geimpften Personen mit MS einen Krankheitsschub erlitten. Nach der zweiten Impfung wurden bei 1,6 Prozent der Kohorte MS-Schübe dokumentiert. Dieser Prozentsatz entspricht genau dem Anteil an MS Patienten mit Schüben im Vergleichszeitraum der Jahre 2017 – 2020. Also vor Verfügbarkeit der COVID19 Impfung. Die Zahlen machen demnach einen kausalen Zusammenhang unwahrscheinlich (2).

Kausale Zusammenhänge nicht feststellbar

Eine weitere Impfstudie aus Italien belegt diese Beobachtung. Zwei Monate nach der COVID-19-Impfung von 324 Personen mit MS mit den Impfstoffen von Biontech/Pfizer und Moderna wurde bei 2.2 Prozent der Kohorte ein MS Schub dokumentiert. Zwei Monate vor der Impfung erlitten 1.9 Prozent der Kohorte einen MS Schub. Auch diese Daten belegen, dass die Impfung nicht zur Veränderungen der Krankheitsaktivität führt und nicht als kausal für das Auftreten von MS Schüben angesehen werden kann (3).

Was die immer wieder im Zusammenhang mit der Corona-Schutzimpfung befürchtete Akute Transverse Myelitis (ATM, eine akute Entzündung des Rückenmarks) angeht, so wurden die meisten Fälle mit dieser Komplikation offenbar durch eine Infektion mit SARS CoV2 ausgelöst. Das konnte kürzlich in einer Übersichtsarbeit dargelegt werden (4). Lediglich drei Fälle einer ATM wurden im Zusammenhang mit einer COVID-19-Impfung beschrieben, und zwar ausschließlich mit dem Vektorimpfstoff von AstraZeneca. Wie das Krankheitsbezogene Kompetenznetz Multiple Sklerose mitteilt, könne zwar nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden, dass es sich bei den drei Fällen um eine immunologische Kreuzreaktion handelt, aber diese wenigen Fälle hätten keine Auswirkung auf die grundsätzliche Nutzen-Risiko-Bewertung der COVID-19-Impfung. Das belegt auch der aktuelle Sicherheitsbericht des Paul-Ehrlich-Institutes (PEI), der die bisher in Deutschland im Zusammenhang mit der Impfung aufgetretenen Myelitisfälle systematisch auflistet (5).

Zeitlicher Zusammenhang mit schweren Schüben

Angesichts dieser Sachlage sieht sich das Krankheitsbezogene Kompetenznetzwerk MS (KKNMS) und die Deutsche MS Gesellschaft (DMSG) zu folgender Stellungnahme veranlasst, die nach Frau Prof. Frauke Zipp (im Vorstand des KKNMS, des Ärztlichen Beirats der DMSG, und im Steuergremium des Beirats der MS Internationalen Föderation MSIF und für Impfempfehlungen [7]) den internationalen Impfempfehlungen entspricht:

  • Es gibt derzeit keine wissenschaftliche Evidenz, dass eine Impfung gegen COVID-19 zu einer Aktivitätszunahme bzw. Schubhäufung bei MS führt.
  • Die MS stellt demnach keinen Hinderungsgrund für eine Impfung gegen COVID-19 dar. Der individuelle Nutzen der Impfung überwiegt das individuelle Risiko eines MS-Patienten.
  • Es mag dennoch (seltene) individuelle Konstellationen geben, in denen bei MS Patienten eine Impfung ausgesetzt bzw. verzögert werden muss. Diese Entscheidung sollte allerdings in Absprache mit einem erfahrenen MS-Behandler auf der Basis der individuellen Krankengeschichte getroffen werden. Von der Ausstellung pauschaler Atteste gegen eine Impfung, wenn der einzige Grund die MS-Diagnose darstellt, wird dringend abgeraten.
  • Ebenso wenig stellt die Anwendung einer MS-Immuntherapie – gleich welcher Art – eine Kontraindikation gegen die COVID-19 Impfung dar. Die in Deutschland verwendeten Impfstoffe, bei denen es sich nicht um Lebendimpfstoffe handelt, können somit auch gefahrlos bei immunsupprimierten Patienten angewendet werden – und sollten dies auch aufgrund der o.g. Vorteile.Es besteht unter Behandlung allenfalls das Problem, dass die Impfantwort ggf. beeinträchtigt ist, weshalb Boosterimpfungen erwogen werden können. (s. Stellungnahme KKNMS vom 06.08.2021 (8)).

Eine hohe Beteiligung an der Impfbeobachtungsstudie des Dt. MS-Registers kann u.a. dabei mithelfen, die Fragen von Nebenwirkungen oder Schubereignissen im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung besser zu verstehen (https://www.msregister.de/sars-cov-2-impfung-bei-ms/).

Quellen
[1] Zrzavy T, Kollaritsch H, Rommer PS, Boxberger N, Loebermann M, Wimmer I, Winkelmann A, Zettl UK. Vaccination in Multiple Sclerosis: Friend or Foe? Front Immunol. 2019 Aug 7;10:1883. doi: 10.3389/fimmu.2019.01883. PMID: 31440255; PMCID: PMC6693409.
[2] Anat Achiron, Mark Dolev, Shay Menascu, Daniela-Noa Zohar, Sapir Dreyer-Alster, Shmuel Miron, Emanuel Shirbint, David Magalashvili, Shlomo Flechter, Uri Givon, Diana Guber, Yael Stern, Michael Polliack, Rina Falb, Michael Gurevich Mult Scler. 2021 May; 27(6): 864–870. Published online 2021 Apr 15. doi: 10.1177/135245852110034
[3] Di Filippo M, Cordioli C, Malucchi S, et al mRNA COVID-19 vaccines do not increase the short-term risk of clinical relapses in multiple sclerosis Journal of Neu-rology, Neurosurgery & Psychiatry Published Online First: 18 August 2021. doi: 10.1136/jnnp-2021-327200
[4] Gustavo C. Román, Fernando Gracia, Antonio Torres, Alexis Palacios, Karla Gracia, Diógenes Harris. Acute Transverse Myelitis (ATM): Clinical Review of 43 Patients With COVID-19-Associated ATM and 3 Post-Vaccination ATM Serious Adverse Events With the ChAdOx1 nCoV-19 Vaccine (AZD1222). Front Immunol. 2021; 12: 653786. Published online 2021 Apr 26. doi: 10.3389/fimmu.2021.653786
(5) https://www.pei.de/DE/newsroom/dossier/coronavirus/coronavirus-inhalt.html?cms_p…)
(6) Maniscalco GT, Manzo V, Di Battista ME, Salvatore S, Moreggia O, Scavone C, Capuano A. Severe Multiple Sclerosis Relapse After COVID-19 Vaccination: A Case Report)
[7] http://www.msif.org/wp-content/uploads/2021/06/June-2021-MSIF-Global-advice-on-C…
[8] https://297589.seu2.cleverreach.com/m/12953260/564567-1322d9162bebb0634c53ec38a6

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Author's imageIlias TsimpoulisManaging Director bei Doctolib
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