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Klinik

Eklatante Lücken bei der Zeiterfassung

Die bundesweite Befragung des Marburger Bundes von rund 3.500 Ärztinnen und Ärzten an tarifgebundenen Universitätskliniken zeigt gravierende Defizite bei der Arbeitszeiterfassung. Auf die Frage „Wie wird Ihre Arbeitszeit aktuell erfasst?“ gaben nur rund 17 Prozent der Befragten an, dass ihre Arbeitszeit tarifvertragskonform „elektronisch und manipulationsfrei“ zum Beispiel über ein Zeiterfassungsterminal erfasst wird - also so, wie es der zwischen Marburger Bund und Tarifgemeinschaft deutscher Länder (TdL) geschlossene Tarifvertrag TV-Ärzte vorschreibt..

Bei knapp 62 Prozent findet lediglich eine digitale Dokumentation statt, zum Beispiel von Soll-Arbeitszeiten in Dienstplanprogrammen, weitere 17 Prozent dokumentieren die Arbeitszeit manuell, also handschriftlich oder in einer Excel-Liste, und bei 4,3 Prozent der Befragten findet gar keine Erfassung statt.

„Es ist ein Skandal, dass die große Mehrheit der Unikliniken mutwillig gegen die Vorschriften im Tarifvertrag verstößt, die eine elektronische Erfassung der gesamten Anwesenheitszeit – abzüglich tatsächlich genommener Pausen – verlangt. Teilweise hat dieser Rechtsbruch den Charakter einer Manipulation mit System.“, so Dr. Susanne Johna, 1. Vorsitzende des Marburger Bundes.

Überstunden von Ärzten bleiben unsichtbar

Drei Viertel der befragten Ärztinnen und Ärzte müssen Mehrarbeit von Vorgesetzten genehmigen lassen, sonst wird sie nicht erfasst – häufig wird die Genehmigung aber verweigert. Rund 60 Prozent berichten, dass wöchentlich bis zu zehn geleistete Stunden nicht erfasst werden; jeder Zehnte gibt sogar mehr als zehn Stunden Überstunden pro Woche an. Hochgerechnet bedeutet das für einzelne Beschäftigte bis zu 500 unbezahlte Stunden pro Jahr.

Marburger Bund kündigt rechtliche Schritte an

„Pro Woche werden Zehntausende von geleisteten Überstunden von Ärztinnen und Ärzten an den Unikliniken nicht anerkannt und folglich auch nicht bezahlt. Es geht hier um mehr als Minutenzählerei. Es geht um Arbeitszeit, die unsichtbar gemacht wird. Um Überstunden, die nicht bezahlt werden. Um Arbeitsschutz, der auf dem Papier steht, aber in der Realität unbeachtet bleibt. Und es geht um Ärztinnen und Ärzte, die mangels ordentlicher Zeiterfassung Höchstarbeitszeitgrenzen überschreiten, weil sie sich ihren Patienten und ihrer Arbeit verpflichtet fühlen.“, so Dr. Susanne Johna, 1. Vorsitzende des Marburger Bundes.

Der Marburger Bund sieht in den systematischen Verstößen nicht nur einen Tarifbruch, sondern auch eine Gefährdung des Arbeitsschutzes. Deshalb werde man im Interesse der betroffenen Ärzte rechtlich gegen die mangelhafte Zeiterfassung vorgehen. Rund 20.000 Ärztinnen und Ärzte sind an den betroffenen Häusern beschäftigt; Unikliniken in Hamburg, Berlin, Mainz und Hessen fallen nicht unter den Tarifvertrag.

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