Impfzentren: Zu teuer, zu langsam und zu umständlich?

Hausärzte wollen Senioren lieber in der Praxis impfen

Wenn Anfang Februar die Impfzentren mit den Impfungen in ganz Nordrhein beginnen, befürchten Hausärzte in Nordrhein organisatorisches Chaos und Schwierigkeiten für Ihre hochbetagten Patienten. Sie würden die Senioren lieber in den Praxen impfen.

Bundesweit fünf Millionen, in Nordrhein allein etwa eine halbe Millionen Menschen, sollen in der ersten Phase außerhalb der Altenheime geimpft werden. „Der Aufwand und die Belastungen für die ältere Bevölkerung zu den großen zentralen Impfzentren zu kommen, steht in keiner Relation zum logistischen und finanziellen Aufwand“, erklärt der Vorsitzende des Hausärzteverbandes Nordrhein e.V., Dr. Oliver Funken.

Schon die zentrale Terminvergabe über den Patientenservice 116117 ist eine gewaltige Aufgabe. Rein rechnerisch wird es bei einer maximalen Telefonkapazität von 500.000 Anrufen pro Woche und einer optimalen Koordination der Impftermine 10 Wochen dauern, bis die Gruppe der mobilen Älteren geimpft ist. „Zu langsam, zu kompliziert und auch zu teuer“, schlussfolgert Dr. Funken.

Hausärzte haben die meiste Erfahrung

Die Hausärzte in Nordrhein sind davon überzeugt, dass die Impfungen schon jetzt deutlich schneller durchgeführt werden können, wenn sie in den Hausarztpraxen stattfinden. „Wir Hausärzte haben die meiste Erfahrung in der Durchführung von sehr hohen Impfzahlen in kürzester Zeit. Unsere Praxisteams organisieren jedes Jahr erfolgreich die Grippeimpfungen für die Patienten“. Im Herbst 2020 haben die Hausärzte 20 Millionen Patienten gegen Grippe geimpft.

Die bisherigen Erfahrungen mit der Rekonstituierung des Biontech-Impfstoffs können das Prozedere vereinfachen und beschleunigen. „Spätestens mit dem Moderna-Impfstoff wird die Handhabung nochmals vereinfacht“, betont Dr. Funken.

Impfaufklärung der Patienten mangelhaft

Kritisch bewertet der Hausärzteverband auch die aktuelle Impfaufklärung der Patienten. In den Arztpraxen häufen sich seit dem Impfstart Ende Dezember die Fragen der Patienten zu den neuen Impfstoffen. „Ohne vorherige umfassende Information werden die Menschen nicht in die Impfzentren zur Impfung kommen“, befürchtet Dr. Funken. Hier übernehmen die Hausärzte eine zentrale Rolle. „Der notwendige Mehraufwand für die Impfaufklärung der Patienten muss auch gesondert in der Vergütung berücksichtigt werden“, fordern die Hausärzte Nordrheins.

Auch Abstimmungsgespräche mit dem Apothekerverband in Nordrhein hätten ergeben, dass Logistik und Distribution sowohl des Biontech-Impfstoffs als auch der anderen Impfstoffe auch über die öffentlichen Apotheken gewährleistet werden könne. Zumal sogar der Biontech-Impfstoff laut Herstellerangaben bei normaler Kühlung im Medikamentenkühlschrank der Apotheken oder Praxen fünf Tage, also genau eine Arbeitswoche lang, haltbar ist. Die Gesamtkosten für Impfaufklärung und Impfen beim Hausarzt sowie Distribution und Logistik durch die lokalen Apotheken sind deutlich geringer als der jetzt betriebene Mehraufwand über Impfzentren und zusätzliche Transportkosten, erklärt der Hausärzteverband.

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