Fertilität vor Beginn einer Tumortherapie im Blick behalten
Martina FreyerVor einer onkologischen Therapie sollte jede Patientin im reproduktiven Alter, auch präpubertäre Mädchen, zu ihrem Infertilitätsrisiko und verfügbaren protektiven Maßnahmen beraten werden.
Die Bandbreite an Therapien ermöglicht heute vielen jungen Mädchen oder Frauen, auch mit der Diagnose einer Tumorerkrankung über einen späteren Kinderwunsch nachzudenken. Doch dazu müssen früh die Weichen für Konzepte zum Erhalt der Fertilität gestellt werden.
Frühzeitige Fertilitätsberatung nach Krebsdiagnose
Die Diagnose Krebs wirft Zukunftspläne um, gleichzeitig sollen Betroffene über ihren Kinderwunsch nachdenken: Eine fertilitätsmedizinische Beratung sollte daher so früh wie möglich stattfinden, idealerweise unmittelbar nach der Diagnosestellung. Bereits wenige Tage Verzögerung können darüber entscheiden, ob etablierte Maßnahmen noch möglich sind. Die Leitlinie empfiehlt daher die frühzeitige Einbindung eines reproduktionsmedizinischen Zentrums oder eines erfahrenen Netzwerks mit Erfahrung in organisatorischen Abläufen und Prozessen der Kostenübernahme. Fertilitätsprotektive Maßnahmen sind integraler Bestandteil moderner onkologischer Versorgung und dürfen nicht erst im Rahmen der Survivorship diskutiert werden.
Psychosoziale Unterstützung bei Krebs und Kinderwunsch
Zentren mit Expertise kennen auch die psychosozialen Herausforderungen, wie PD Dr. Laura Lotz, Erlangen, als Leitlinienkoordinatorin der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) erläutert: „Nach Feststellung einer Krebserkrankung oder einer anderen schwerwiegenden Erkrankung steht zunächst die Auseinandersetzung mit der Diagnose im Vordergrund. Damit zusammenhängend (aber auch unabhängig davon) bedeutet dies bei den Betroffenen die Auseinandersetzung mit einer möglichen Fruchtbarkeitsstörung. Dieses kann zu Unsicherheit, Gefühlen der Bedrohung und Leere sowie des Verlustes (auch der Möglichkeit, Kinder zu zeugen) führen. Die Frage einer möglichen endgültigen Kinderlosigkeit steht im Raum."
Fertilität schützen vor Chemo, Bestrahlung und endokriner Therapie
Chemotherapie, Strahlentherapie oder endokrine Therapien zeigen jeweils eine spezifische Gonadotoxizität. Je nach Alter der Patientin, Ovarialreserve und hormoneller Tumorsensitivität stehen verschiedene Optionen offen: Neben organerhaltenden operativen Verfahren bietet sich im Vorlauf der Therapie auch auch die Konservierung von Oozyten, Embryonen oder von Ovarialgewebe an.
Bei einer Bestrahlung des Beckens können Gonaden mit ovarieller Transposition aus der Gefahrenzone gebracht oder medikamentös geschützt werden. Auch die Unterbrechung oder gegebenenfalls Verschiebung einer endokrinen Therapie kann diskutiert werden, um eine frühzeitige Verwirklichung des Kinderwunsches zu ermöglichen.
Hoffnung und Zukunftsperspektive durch Fertilitätserhalt
Die Leitlinienkoordinatorin der Deutschen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin (DGRM), Dr. Dunja Baston-Büst, Düsseldorf, weist auf den positiven Aspekt dieser Beratung hin: „Die Möglichkeit zum Erhalt der Fruchtbarkeit schenkt Hoffnung und Zukunftsperspektiven in dieser für die Patientinnen und Patienten schwierigen Zeit der Diagnosestellung. Praktisch bedeutet das für den Fertilitätserhalt: frühzeitig professionelle Beratung suchen, individuelle Optionen der Patientinnen und Patienten prüfen und Leitlinien-konform handeln. So bleiben die Chancen auf eine Familiengründung auch nach therapiebedingter Gonadotoxizität erhalten.“
Quellen:S2k-Leitlinie AWMF Registernr. 015/082