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Factoring: Überproportionales Wachstum beim Verkauf von Patientenrechnungen

von A&W Online

mann tippt mit dem Finger auf den Schriftzug Factoring
Foto: coloures-Pic - stock.adobe.com

Im Gesundheitswesen führte Factoring noch ein Nischendasein. Mit überproportionalen Zuwächsen bis 12 Prozent pro Jahr – die Gesamtbranche wächst im Schnitt um sieben – legt die Forderungsabtretung an Finanzdienstleister inzwischen aber deutlich zu.

Was ist Factoring?

Unter Factoring versteht man die Übertragung von Forderungen an ein Kreditinstitut oder einen Finanzdienstleister. Man unterscheidet dabei zwei Varianten: Beim echten Factoring übernimmt der Dienstleister auch das Risiko des Forderungsausfalls. Beim unechten Factoring trägt der ursprüngliche Rechnungssteller das Ausfallrisiko weiterhin.

Factoring kam erstmals Mitte der 1950er-Jahre auf, um das starke Wachstum der deutschen Nachkriegswirtschaft zu finanzieren. Seinen Durchbruch schaffte es aber erst nach der Wende 1989, in Zusammenhang mit extremen Liquiditätsengpässen beim „Aufbau Ost“.

Wie funktioniert Factoring in Arztpraxen?

Hier erfreut sich das „echte Factoring“ zunehmender Beliebtheit. Die Praxisinhaber verkaufen ihre privatärztlichen Honorarrechnungen direkt an einen Factoringgeber. Dieser begleicht die Forderung binnen 48 Stunden mit einem Abschlag von gut drei Prozent und holt sich danach seinerseits das Geld zu 100 Prozent beim Patienten. Damit verzichtet die Praxis auf einen kleinen Teil des Geldes, lagert aber  Zahlungs- und etwaiges Mahnwesen samt Ausfallrisiko an den Factoringgeber aus. Dadurch bleibt die Praxis immer liquide und hält die eigene Buchhaltung schlank.

Es gibt etwa 15 große Anbieter, die sich auf Ärzte spezialisiert haben. Viele haben ihren Ursprung im Zusammenschluss von Ärzten oder in der Finanzierungsbranche. Diese Factoring-Gesellschaften zwischenfinanzieren die Rechnungen von Arztpraxen, Kliniken, Pflegediensten, aber auch Medizingeräteherstellern. Entsprechend machen sie zwischen sieben und 70 Millionen Euro Umsatz im Jahr.

Das Factoring-Geschäft mit Arztpraxen ist eher kleinteilig

„Das Geschäft mit Patienten, bei denen viele Rechnungen auf 250 Euro lauten, ist besonders kleinteilig“, sagt Diplom-Bankbetriebswirt Reil, der 2018 von der Nord-LB zur Verrechnungsstelle für Heilberufe (VfH) wechselte, wo er seither ein Team von zehn Mitarbeitern führt. Die Oldenburger sind 1989 aus einem Beratungsunternehmen hervorgegangen und haben ihren Schwerpunkt auf Arztpraxen, insbesondere Zahnärzten. Das liegt an der historischen Dichte von dentalen Unternehmen in der Weser-Ems-Region, so VfH-Geschäftsführer Alexander Reil.

Die Oldenburger sind Mitglied im Bundesverband Factoring für den Mittelstand (bfm), in dem einige Dutzend der insgesamt 160 in Deutschland zugelassenen Factoring-Gesellschaften organisiert sind. Davon sind die Hälfte Bankentöchter, die für den bfm gar nicht in Betracht kommen. Von den verbleibenden 80 betreiben wiederum nur wenige wie die VfH das Geschäft mit den kleinteiligen Arztpraxen.

280 Milliarden Euro Umsatz – Tendenz steigend

Insgesamt setzte die Branche laut Bundesverband im Vorjahr 280 Milliarden Euro um. Das entsprach 8,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Tendenz steigend. Allerdings hat Deutschland mit seiner breiten Bankenlandschaft hier noch Nachholbedarf. In England oder Skandinavien liegt die Factoringquote bei 14 Prozent. Dagegen werden die Zahlungsziele in Deutschland mit 30 bis 90 Tagen immer länger. Zum Vergleich: Italien liegt laut bfm bei 120 Tagen bis der Refinanzierer seine vorfinanzierte Rechnung erstattet bekommt.

VfH-Geschäftsführer Reil schätzt: „90 Prozent aller Praxisgründer oder -übernehmer setzen heute auf Factoring.“ Alteingesessene Praxen hätten oft bestehende Strukturen, die trotz der Vorteile des Factoring weniger verändert würden. Reil: „Sowohl die bestehenden Praxen als auch die Neugründer vereint jedoch der Fachkräftemangel.“

Der Einstieg ins Factoring beginnt deshalb häufig mit der Auslagerung des Abrechnungswesens. Viele der Factoring-Dienstleister bieten deshalb diesen Service ebenfalls an. Auch die Oldenburger haben den Trend genutzt und 2019 drei zahnmedizinische Verwaltungsangestellte eingestellt, die das Abrechnungswesen von Zahnarztpraxen übernehmen. Für etliche (Zahn)Ärzte war dieser ausgelagerte Service der Einstieg ins Factoring, dessen Vorteile sie erst durch die Zusammenarbeit mit dem Dienstleister verstanden.

Tatsächlich liegt die Factoringquote bei Zahnarztpraxen höher, weil hier auch viele gesetzlich Versicherte private Eigenanteile zahlen müssen. Bfm-Vorstand Michael Ritter ist aber sicher: „Neben dem Medizingeräteleasing ist Factoring für Ärzte und Kliniken das wichtigste Instrument, liquide und flexibel zu bleiben.“ Die Patienten müssen im Rahmen der Datenschutzerklärung allerdings in den Weiterverkauf ihrer Rechnung einwilligen. In den meisten Fällen ist das nur noch Formsache.

Factoring verschlankt die Prozesse

Im Idealfall sorgt Factoring aber nicht nur für Liquidität, sondern auch dafür, dass Prozesse in der Praxis weiter verschlankt werden. Beispielsweise, wenn die Mitarbeiterin des Factoringgebers einmal im Monat in die Praxis kommt, um die Rechnungen gleich dort zu erstellen oder das Rechnungswesen komplett auf digitalem Weg erfolgt. Wie VfH-Geschäftsführer Reil erklärt, erhalten Praxen durch die Zusammenarbeit quasi ein monatliches Reporting, das auch Ansätze zur Verbesserung von Abläufen bietet, was unterm Strich „immer echtes Geld bringt“.

Es sind solche Mehrwerte, die den Factoringanteil in der Gesundheitsbranche überproportional wachsen lassen. Auch wächst das BIP innerhalb der Medizinbranche stärker als etwa im Industriesektor, Stichworte sind hier demografischer Wandel und medizinischer Fortschritt.

Dass die Zahl der Factoringgeber laut bfm dennoch nicht steigt, liegt am hohen Eigenkapitalbedarf und der hohen Regulatorik, die Bundesbank und Bafin immer strenger kontrollieren. So sind für GmbHs ab 2024 mindestens zwei Geschäftsführer vorgeschrieben, unabhängig von Größe und Bedarf eines Anbieters, was Newcomer zusätzlich eher abschreckt und Fusionen begünstigt.

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Author's imageIlias TsimpoulisManaging Director bei Doctolib
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