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Onkologie

Zur Wirksamkeit von Vorsorge-Darmspiegelungen wurde bislang nur eine randomisierte Studie publiziert, die NordICC-Studie im Jahr 2022. Sie berichtete in der Intention-to-screen-Population eine vergleichsweise bescheidene Reduktion der Darmkrebsfälle von nur 18 Prozent.

Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) haben auf Schwachstellen des Studiendesigns, der Auswertung und der Dateninterpretation aufmerksam gemacht – auch wenn die Studie alles andere als zweitrangig im New England Journal of Medicine publiziert wurde. „Die in dieser Arbeit ermittelte Risikoreduktion von 18 Prozent innerhalb von zehn Jahren wirkt auf den ersten Blick enttäuschend. Doch bei genauerer Betrachtung wird klar, dass das Ergebnis eher die Studienbedingungen reflektiert als die Situation im wirklichen Leben“, erklärt Hermann Brenner, Epidemiologe am DKFZ.

Ursache für Verzerrung der Ergebnisse

In einer aktuellen Publikation beschreiben seine Mitarbeitenden und er eine mögliche Ursache für eine Verzerrung der Ergebnisse: In die Risikoschätzungen der NordICC-Studie floss ein erheblicher Anteil von Darmkrebs-Fällen ein, die schon bei Studieneintritt vorhanden waren und durch das Screening „nur“ früh gefunden wurden. Trotzdem wurden sie wie neu aufgetretene Fälle gewertet. Biostatistiker sprechen bei diesem Phänomen von einer Prävalenzverzerrung. „Das verletzt einen zentralen Grundsatz randomisierter Präventionsstudien, wonach nur Personen, die noch nicht an der Krankheit leiden, die man verhindern will, in die Messung des Präventionseffekts einbezogen werden sollten“, kritisiert Brenner.

Das Team um Erstautor Thomas Heisser ermittelte, wie stark die tatsächliche Schutzwirkung durch die Prävalenz-Verzerrung unterschätzt wird. Dazu bildeten die Forschenden in einem Simulationsansatz die NordICC-Studie mit und ohne präklinische Krebserkrankungen bei Studieneintritt nach. Dafür nutzten sie COSIMO, ein mathematisches Modell, das den natürlichen Verlauf von Darmkrebs auf der Grundlage der Entwicklung von Adenomen zu präklinischem und klinischem Krebs simuliert.

Die Ergebnisse waren eindeutig: Betrachtete man ausschließlich die neu auftretenden Darmkrebs-Fälle, so zeigte sich über den gesamten Zehnjahreszeitraum ein erheblicher Schutzeffekt des Screenings. „Unsere Modellrechnungen bestätigen das hohe präventive Potenzial der Darmspiegelung, das bei methodisch angemessener Analyse auch in der NordICC-Studie gefunden worden wäre“, sagt Brenner. Die Modellrechnungen zeigen eine Screening-bedingte Reduktion der Darmkrebs-Neuerkrankungen um 30 Prozent in der Intention-to-Screen- und um 70 Prozent in der Per-Protokoll-Analyse.

Inzidenz-Rückgang des Darmkrebses um 30 Prozent

Auf Bevölkerungsebene kann die Inzidenz des Darmkrebses auf die in der Simulation gefundenen Werte gesenkt werden, wenn das Screening begonnen und auch perfekt angenommen würde, bevor sich ein prävalenter Darmkrebs entwickelt. Das wäre ein Alter von 45 Jahren, wie die US-Leitlinien auch empfehlen, und nicht das Alter von 55 bis 64 Jahren wie bei den Teilnehmern der NordICC-Studie, geben die Autoren zu bedenken. „In Deutschland ist die Darmkrebs-Inzidenz seit Einführung der Vorsorge-Koloskopie im Jahr 2002 bereits um etwa 30 Prozent zurückgegangen. Dennoch erkranken pro Jahr immer noch circa 55.000 Menschen an Darmkrebs. Bei einer besseren Nutzung der Darmkrebs-Vorsorge könnten wir noch sehr viel mehr Darmkrebs-Fälle verhindern“, betonen die DKFZ-Forscher.

Programm zur Früherkennung von Darmkrebs

Die Inhalte des Programms zur Früherkennung von Darmkrebs regelt der Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) in der Richtlinie über die Durchführung der organisierten Krebsfrüherkennungsprogramme (oKFE-RL). Um die Wirksamkeit, Qualität und Sicherheit des Programms zu überwachen, ist zum 1. Oktober 2020 eine verpflichtende Dokumentation nach § 25a SGB V gestartet.

Quelle:

Heisser T et al. Gut 2024;73(3):556–558