125. Deutscher Ärztetag

Klimaschutz: Wir machen das jetzt

Zweieinhalb Jahre später als geplant ist die Sitzung zum Thema Klimaschutz beim Deutschen Ärztetag ein Durchmarsch, der alle Bereiche ärztlichen Handelns berührt. In 50 Anträgen – keiner abgelehnt.

Es ist an der Zeit. Mit diesem Leit­­­­satz stieg Dr. Peter Boppert, Vorstandsmitglied der Bundesärztekammer (BÄK), in die siebenstündige Sitzung „Klimaschutz ist Gesundheitsschutz“ beim 125. Ärztetag ein. Es sei an der Zeit, Klimaschutz nicht nur zu predigen, sondern zu praktizieren, nicht erst morgen, sondern heute. Weil Deutschland der sechstgrößte Emittent von Treibhausgasen und das Gesundheitswesen für fünf Prozent davon verantwortlich ist und der Klimaschutz Beispiele und Vorbilder brauche. Prof. Dirk Messner, Präsident des Umweltbundesamts, verstärkte diese Forderungen: Bereits eine globale Temperaturerhöhung um 1,5 bis 2°C könnte Erdsysteme wie das Grönland-Eisschild und Permafrostböden der irreversiblen Zerstörung preisgeben. Mit unvorhersehbaren Folgen für die Lebensgrundlagen, zu deren Schutz die Berufsordnung Ärztinnen und Ärzte aufruft.

Wenn wir die Ursachen und Folgen kennen, warum tun wir nichts?

Wie vielfältig die schon jetzt zu beobachtenden Folgen sind, schilderte Sylvia Hartmann, stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG). Die Allergieperiode beginne inzwischen 20 Tage früher und ende zehn Tage später. Die Pollenkonzentration sei höher und in Kombination mit Luftschadstoffen folgenschwerer. Die Luftverschmutzung durch fossile Brennstoffe befördere insbesondere Lungenkrebs, aber auch Diabetes und kardiovaskuläre Erkrankungen. Vektor-übertragene Krankheiten wie Dengue- oder Chikungunya-Fieber und auch die Borreliose würden sich ausbreiteten. Die Zahl der Hitzetoten steige, auch in Deutschland. Ebenso posttraumatische Belastungsstörungen nach Extremwetterereignissen sowie Depressionen und Suizide. Und doch steuern wir auf eine globale Erwärmung um 3 °C zu. Die Klimakrise sei ein Tanker mit langem Bremsweg. Daher helfe einzig rasches konsequentes Handeln, verlangte Prof. Sabine Gabrysch, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Wir machen das jetzt, hieß es aus dem Ärztetag-Plenum.

Tempolimit und Abrechnung einer Klimasprechstunde

Von 50 Anträgen befürworteten die Ärztinnen und Ärzte die meisten mit deutlicher Mehrheit. Gefordert wurden einschlägige Fortbildungsangebote der Ärztekammern sowie eine Klimasprechstunde. In deren Rahmen soll „die Aufklärung über gesundheitliche Folgen des Klimawandels, über die Möglichkeiten zur Reduzierung umweltschädlichen Verhaltens und über Schutzmaßnahmen gegen Klimawandelfolgen als präventive Maßnahme zur Gesundheitsförderung“ als „zentrale ärztliche Aufgabe“ erfolgen. Die Klimasprechstunde müsse eine „abrechenbare Leistung“ werden.

Weiter sollen die WHO-Grenzwerte zur Luftreinhaltung übernommen werden. Und es soll ein Tempolimit innerhalb und außerhalb geschlossener Ortschaften gelten. Die Gesundheitsschäden durch Lärm, Luftverschmutzung und Unfälle seien evident. Auch sollen kassenärztliche Vereinigungen Beratungskonzepte für die klimaneutrale Praxis entwickeln.

Die Bundesregierung soll die Herstellung klima­freundlicher Bedarfsmaterialien und wiederverwendbarer Medizinprodukte befördern. Verpackungen sollen nicht nur Sicherheit, sondern auch Klima- und Umweltschutz gewährleisten. Auch an die eigene Nase will man sich fassen: Veranstaltungen sollen saisonal vegetarisch bekocht werden, die Reiseordnung emissionsarme Transportmittel begünstigen.

Sonderfonds für Krankenhäuser gefordert

Die Abgeordneten forderten außerdem  die Bundesländer auf, Sonderfonds zu schaffen, aus denen Kliniken finanzielle Unterstützung für den Bau klimaschonender Infrastruktur erhalten. Der dafür notwendige Investitionsbedarf, etwa für den Bau klimaneutraler Krankenhäuser sowie für die Nutzung klimaneutral gewonnener Energie im Gesundheitsbereich, müsse in dieser Strategie zwingend berücksichtigt werden.

Weitere Anträge an den BÄK-Vorstand verwiesen

Ein paar weitreichende Anträge verwies das Plenum an den BÄK-Vorstand – weil sie nicht genuin ärztliches Handeln betreffen. Dazu gehört die Forderung an die ärztlichen Versorgungswerke, aus fossilen Energieträgern zu deinvestieren. Außerdem ein Antrag, nach dem Atomkraft als vermeintlich harmlose, klimafreundliche und günstige Energieversorgung abgelehnt werden soll. Auch über das Einsetzen von Beauftragten und Ausschüssen für Klimawandel und Gesundheit in den Ärztekammern soll der Vorstand befinden. BÄK-Präsident Dr. Klaus Reinhardt hielt die Umsetzung dieses Antrags in der laufenden Amtszeit für denkbar. Der Klimawandel sei bereits ein immenses Problem der Gegenwart, so der BÄK-Vorstand: „Gesundheitsschädigende Auswirkungen durch den Gesundheitssektor, dessen Handeln auf den Erhalt und das Wohl menschlichen Seins ausgerichtet sein soll, sind nicht hinnehmbar. Unsere Verantwortung ist Verpflichtung zugleich. Klimaschutz ist Gesundheitsschutz.“

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