Wirtschaftsnachrichten für Ärzte | ARZT & WIRTSCHAFT
Nachhaltigkeit

Seit dem 1. Oktober 2025 können Hausärztinnen und Hausärzte sowie Fachärztinnen und Fachärzte in Bayern erstmals eine „klimasensible Gesundheitsberatung“ zulasten der gesetzlichen Krankenkassen abrechnen. Die neue Leistung ist Teil eines auf vier Quartale angelegten Versorgungskonzepts, das von allen Krankenkassen im Freistaat finanziert wird. Dabei sollen klimabedingte Gesundheitsrisiken systematisch in die Versorgung integriert und Patientinnen und Patienten zu einem gesundheits- und klimafreundlichen Verhalten befähigt werden.

Zielgruppen und Abrechnung

Angesprochen werden können grundsätzlich alle gesetzlich Versicherten. Im Fokus stehen laut Kassenärztlicher Vereinigung Bayerns (KVB) allerdings ältere Menschen, Personen mit kardiovaskulären oder respiratorischen Erkrankungen, Diabetes oder Multimorbidität sowie Schwangere, Eltern kleiner Kinder und Personen mit Präventionsbedarf. Damit knüpft das Konzept an klassische hausärztliche Beratungsanlässe an – von Hypertonie über Asthma bis zum Lebensstil.

Abgerechnet wird über die Gebührenordnungsposition (GOP) 97130 als Zuschlag zur Versicherten- oder Grundpauschale. Pro Ärztin oder Arzt sind bis zu 50 Beratungen pro Quartal möglich, vergütet mit je bis zu zehn Euro. Die Abrechnung ist einmal im Patientenleben vorgesehen, das Budget erlaubt rund 500 Abrechnungsgenehmigungen. Ist das Kontingent erschöpft,so weist die KVB vor Beginn der Fortbildung darauf hin. Die Qualifikation erfolgt über ein Online-Seminar der KVB oder ein E-Learning-Angebot der Bayerischen Landesärztekammer (BLÄK). Vermittelt werden Grundlagen zu Klima und Gesundheit, typische Risiken sowie praxisnahe Beratungsbeispiele.

Nach bestandener Prüfung kann die Leistung angesetzt werden. Inhaltlich orientiert sich das Projekt an einem 2023 publizierten Rahmenwerk zur klimasensiblen Gesundheitsberatung. Empfohlen werden kurze, alltagsnahe Botschaften zu hitzebedingten Risiken, Allergien, kardiovaskulären Ereignissen und psychischen Belastungen – verknüpft mit konkreten Anpassungsmaßnahmen wie Hitzeschutz, Pollenkarenz oder Medikationshinweisen in Hitzewellen.

Ergänzen können Empfehlungen zu pflanzenbetonter Ernährung, aktiver Mobilität und Naturaufenthalten, die sowohl einen gesundheitlichen Nutzen als auch positive Klimaeffekte – sogenannte Co-Benefits – haben. Kommunikativ setzt das Konzept auf eine patientenzentrierte Gesprächsführung und Motivation. So reicht bei Herzinsuffizienz zunächst ein Hinweis auf Flüssigkeitsmanagement und Hitzeschutz; im zweiten Schritt kann erläutert werden, dass Hitzewellen zunehmen.

Potenzial für weitere Regionen

Fachgesellschaften wie die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) empfehlen bereits seit längerem, diese Inhalte regulär in der Primärversorgung zu verankern. Da das Konzept in erster Linie bestehende Beratungsanlässe nutzt, dürfte vor allem entscheidend sein, standardisierte Botschaften zu entwickeln, die sich ohne großen zeitlichen Mehraufwand einbauen lassen. Gelingt dies, so könnte das bayerische Pilotprojekt als Vorlage für weitere Regionen dienen – mit dem Ziel, langfristig klima- und umweltbezogene Inhalte als selbstverständlichen Teil der Routineversorgung fest zu verankern.

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