Genderkompetenz in der Praxis
Deborah WeinbuchVon hormonellen Veränderungen über gesellschaftlichen Druck bis hin zu Gewalterfahrungen: Viele Faktoren beeinflussen die Gesundheit von Frauen. Ärztinnen und Ärzte, die diese Zusammenhänge verstehen, können individueller therapieren und Rückfällen besser vorbeugen.
Psychische Erkrankungen zählen bei Frauen zu den häufigsten Ursachen für Krankschreibungen. Sie stehen bei Frauen an dritter Stelle der Diagnosekategorien, bei Männern hingegen erst an fünfter. Darauf weisen die Psychologinnen Claudia Dahm-Mory und Dr. Barbara Stein in der Fachzeitschrift „Psychotherapie im Dialog“ (PiD) hin. Aber nicht nur bei der Diagnose von psychischen Erkrankungen spielt Genderkompetenz eine wichtige Rolle. Da sich einige Krankheitssymptome bei Männern und Frauen unterschiedlich darstellen oder Medikamente anders wirken können, hilft der ganzheitliche Blick auf Patientinnen, um eine passende Therapie zu finden. Dabei gibt es viele Faktoren, die die Gesundheit von Frauen beeinflussen und die in der „PiD“ von mehreren Expertinnen beleuchtet werden.
Biologische Übergänge und soziale Rollen
Hormonelle Prozesse beeinflussen Neurotransmittersysteme und können Stimmung, Schlaf und Stressregulation verändern. Menstruationszyklen sowie Schwangerschaft, Wochenbett oder Perimenopause gehen daher mit erhöhten Belastungen einher. Der Rückgang des Östrogens in der Peri- und Postmenopause erhöht zudem das Risiko für depressive Episoden, Reizbarkeit sowie Schlaf- und Angststörungen, betont zum Beispiel die Psychologische Psychotherapeutin Dr. Martina Belz.
Beziehungsdruck und Selbstoptimierung
Auch Partnerschaften verändern sich. Laut der renommierten Soziologin Prof. Eva Illouz erscheinen sie zunehmend als Wahlentscheidung in einem Beziehungsmarkt. Es gilt scheinbar, die bestmögliche Ware zu ergattern und gleichzeitig sich selbst zu optimieren. Das erzeugt Unsicherheit. Entscheidungen für Bindung wirken riskanter, Beziehungen bleiben lose oder werden leichter wieder infrage gestellt.
Für Frauen wächst damit der Druck durch Erwartungen an ihr Aussehen und anhaltende Jugendlichkeit. Individuelle Selbstzweifel und Perfektionsstreben sind insofern oft nicht nur Ausdruck einer individuellen Störung, sondern Spiegel gesellschaftlicher Normen. Dr. Martina Belz beschreibt ein häufig kritisches Körperbild und internalisierende Verarbeitungsmuster wie Grübeln, Selbstkritik und Rückzug. Das erhöht das Risiko für Depressionen, Angst- und Essstörungen. Auch Autoimmunerkrankungen, die bei Frauen deutlich häufiger auftreten, korrelieren mit erhöhter psychischer Belastung.
Superwoman versus Hausfrau
Belastend wirkt auch das Spannungsfeld zwischen modernen Freiheitsversprechen und alten Rollenmustern. Belz nennt hier Rollenkonflikte zwischen ökonomischer Unabhängigkeit und beruflicher Entwicklung einerseits sowie normativen Erwartungen an Fürsorge und Mutterschaft andererseits. Da Frauen weiterhin den Hauptteil der Care-Arbeit leisten, entstehen leicht Überlastung und Erschöpfung. Auch der Trend zur „Tradwife“, der traditionellen Hausfrau, der in sozialen Medien an Sichtbarkeit gewinnt, lässt sich als Reaktion auf diesen Rollendruck lesen: Er verspricht Entlastung, reproduziert jedoch häufig strukturelle Abhängigkeiten.
Frauen mit Migrationserfahrung seien zudem häufig zusätzlichen psychosozialen Belastungen ausgesetzt, erläutert Belz – etwa durch Sprachbarrieren, soziale Isolation oder den Anpassungsdruck in einem neuen kulturellen Umfeld. Innerhalb von Familien können Konflikte entstehen, wenn junge Frauen nach mehr Autonomie streben, als es in der Herkunftskultur üblich ist. Diskriminierungserfahrungen, etwa durch rassistische Zuschreibungen oder religiöse Stereotype, erhöhen zusätzlich das Risiko für Depressionen, Angststörungen und Traumafolgestörungen.
Auch die Medizin blickt nicht neutral
Die Gesundheitspsychologin Prof. Brigitte Schigl weist zudem darauf hin, dass auch im Gesundheitssystem geschlechtsspezifische Bias wirken. Ärztinnen und Ärzte neigen dazu, Frauen häufiger psychische Störungen zuzuschreiben, während Männer eher somatische Diagnosen erhalten. Entsprechend wird Frauen auch häufiger eine Psychotherapie empfohlen.
Zugleich suchen Frauen auch eher selbst psychotherapeutische Hilfe. Sie sind bereiter, Unterstützung anzunehmen. Psychisches Leid kann dabei aus dem Gefühl entstehen, den Erwartungen an ein „gelungenes Frauenleben“ nicht zu entsprechen. Aber auch die Übererfüllung von Rollenbildern macht krank: Frauen, die dauerhaft nur für andere da sind und ihre eigenen Bedürfnisse zurückstellen, erschöpfen auf Dauer oder werden krank.
Nicht immer ist Psychotherapie die erste Antwort
Die Politikwissenschaftlerin und Supervisorin Nikola Siller plädiert dafür, psychische Belastungen stärker im sozialen Kontext zu betrachten. Belastungen entstehen nicht nur intrapsychisch, sondern auch durch Diskriminierung, Machtmissbrauch und Gewalt. Wird dieser Kontext ausgeblendet, werden strukturelle Probleme individualisiert. Bei sexueller Belästigung am Arbeitsplatz beispielsweise kann eine arbeitsrechtliche Beratung, eine betriebliche Beschwerdestruktur oder der Hinweis auf die Antidiskriminierungsstelle mindestens ebenso wichtig sein wie eine Psychotherapie. Siller empfiehlt, über das Recht und über Schutzangebote informiert zu sein, um im Bedarfsfall aufklären und beispielsweise auf Fachberatungsstellen verweisen zu können.
Gewalt als Gesundheitsrisiko
Wie gravierend die Folgen geschlechtsspezifischer Gewalt sind, beschreibt die Psychologin Svenja Fiedler. Die Weltgesundheitsorganisation zählt Gewalt zu den größten Gesundheitsrisiken für Frauen. Allein 2023 wurden in Deutschland mehr als 180.000 Frauen Opfer häuslicher Gewalt. 360 Frauen wurden Opfer eines Tötungsdelikts. Die gesundheitlichen Folgen geschlechtsspezifischer Gewalt reichen von Angststörungen, Depressionen und posttraumatischen Belastungsstörungen bis zu sozialem Rückzug, Suchterkrankungen und körperlichen Beschwerden.
Deshalb empfiehlt Fiedler, Fragen nach Gewalterfahrung als festen Bestandteil der Anamnese zu etablieren. Flyer von entsprechenden Beratungsstellen im Wartezimmer weisen auf die Sensibilität für dieses Thema hin und können ein Türöffner sein.
Therapie im Kontext
Die verschiedenen Erläuterungen der Expertinnen zeigen, dass psychische Belastungen von Frauen aus einem komplexen Zusammenspiel von biologischen Prozessen, Beziehungserfahrungen, sozialen Rollen und strukturellen Machtverhältnissen entstehen – in verschiedenen Konstellationen und Ausprägungen. Genderkompetente Therapie bedeutet deshalb mehr, als Symptome individuell zu behandeln. Sie nimmt auch die Bedingungen in den Blick, unter denen sie entstehen. So werden Therapieempfehlungen differenzierter und wirksamer.
Psychische Erkrankungen: deutliche Unterschiede zwischen Frauen und Männern
Psychische Diagnosen sind ungleich zwischen den Geschlechtern verteilt. Hochgerechnet auf ein Jahr ergeben sich laut Psychologin Prof. Brigitte Schigl aussagekräftige Prävalenzen, die Sie in den Highlight-Kreisen dieses Beitrags sehen. Besonders groß ist der Unterschied bei Essstörungen: Auf acht Frauen mit Anorexie kommt statistisch ein männlicher Patient. Dagegen werden antisoziale Persönlichkeitsstörungen, forensische Problemlagen sowie Alkohol- und Spielsucht häufiger bei Männern diagnostiziert.
Frauen (%) | Männer (%) | |
Angststörungen | 21,4 | 9,3 |
Depressionen | 9,3 | 6,3 |
Somatoforme Störungen | 5,3 | 1,7 |
Burn-out-Syndrom | 1,9 | 1,1 |
Zwangsstörungen | 4,0 | 3,3 |
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