Patientenkommunikation: Worte, die wehtun - und wie Sie es besser machen können
Deborah WeinbuchÄrzte arbeiten in einem System, das wenig Raum für Zuwendung lässt. Doch gut gemeinte Floskeln verletzen Patienten oft, indem sie sie unter Druck setzen oder entmutigen. Dabei können weise gewählte Worte ebenso rasch Orientierung und Halt geben.
Als Graham an Krebs erkrankte, suchte er verzweifelt nach Lösungen. Seine Frau Lisa fragte den Onkologen nach komplementärmedizinischen Ansätzen. „Nein“, wiegelte dieser ab und machte sich über einen früheren, 23-jährigen Patienten lustig: „Er dachte, Karottensaft könne seinen Krebs heilen. Er trank so viel davon, dass er orange wurde.“ Der Arzt lachte und setzte zur Pointe an: „Binnen drei Monaten war er tot.“
Es ist ein Extremfall, über den die Journalistin Lisa Jackson im britischen „The Telegraph“ berichtet. Doch ob im Großen oder im Kleinen: Im medizinischen Alltag verletzen Worte immer wieder und erschweren das Durchleben tiefgreifender Erkrankungen.
Die Intensivmedizinerin Dr. Rana Awdish erregte im Oktober 2024 Aufsehen, als sie mit weiteren Forschenden eine Studie zu sogenannten Never-Words im Journal „Mayo Clinic Proceedings“ publizierte. Gemeint sind Formulierungen, die Ärztinnen und Ärzte in Gesprächen mit Schwerkranken möglichst vermeiden sollten, weil sie emotionalen Schaden anrichten und Machtgefälle verstärken.
Awdish weiß, wovon sie spricht: Im siebten Schwangerschaftsmonat erlitt sie fast eine Leberruptur – als Patientin auf ihrer eigenen Intensivstation. Das Kind wurde tot geboren. Ihre Erfahrungen schilderte sie im Buch „Ich bin ein Mensch, ich bin kein Fall“. Die distanzierte Sprache der Kolleginnen und Kollegen, fehlende Empathie und Verurteilungen – etwa weil sie ihr totes Kind nicht sehen wollte – verstärkten ihr Trauma.
Wenn Sprache den Patienten entmenschlicht
Problematisch sind nicht nur offensichtliche Kränkungen. Ein Satz wie „Das ist ein klassischer Fall“ mag medizinisch zutreffen; im Patientenzimmer geäußert, kann diese Etikettierung jedoch das Gefühl vermitteln, man sei bloß ein Objekt, austauschbar.
Der erschrockene Ausruf beim Ultraschall „So etwas habe ich ja noch nie gesehen!“, gefolgt vom hastigen Hinzuziehen eines Kollegen, kann wie eine Schockdiagnose wirken. Sinnvoller ist eine ruhige Erklärung wie: „Der Befund ist ungewöhnlich. Deshalb ziehe ich eine Kollegin hinzu, damit wir die beste Vorgehensweise besprechen können.“
Sollte im Palliativkontext ein Hospiz sinnvoll werden, darf dies als Möglichkeit zur Entlastung und Begleitung vermittelt werden. Statt „Wir können nichts mehr tun“ kann der Fokus darauf liegen, was möglich bleibt: Beschwerden lindern, Ängste auffangen, Angehörige unterstützen. Patientinnen und Patienten spüren meist sehr genau, wie ernst ihre Lage ist. Gleichzeitig brauchen sie das Gefühl, zumindest ein Stück Kontrolle zu behalten, um überhaupt mit der Situation umgehen zu können. Denn das Erleben von Selbstwirksamkeit ist ein zentraler psychologischer Faktor, um schwere Lebensphasen durchzustehen.
Sprache, die entlastet
Nicht wertend zuhören: Sorgen, Schuldgefühlen und Verzweiflung Raum geben, ohne zu korrigieren oder zu urteilen. Das Gefühl, wirklich gehört zu werden, lindert Einsamkeit und Ängste spürbar.
Durchhalteparolen vermeiden: Statt „Sie müssen stark sein“ besser „Wir gehen diesen Weg gemeinsam“.
Sachlich aufklären: Verzichten Sie auf Spott oder Überheblichkeit gegenüber alternativen Behandlungsansätzen. Aufklärung sollte respektvoll erfolgen.
Selbstbestimmung akzeptieren: Orientierung geben und nach Wünschen fragen, anstatt zu bevormunden.
Deutungen vermeiden: Spirituell anmutende Floskeln wie „Es sollte wohl so sein“ dem Patienten überlassen.
Perspektiven betonen: Statt „Wir können nichts mehr tun“ klar benennen, was weiterhin möglich ist.